Netzwerk statt Arbeitskampf

Ein Banker kämpft nicht um seinen Job, er sucht sich einen neuen. In der Bankenbranche ist man – anders als etwa in der Industrie – kaum gewerkschaftlich organisiert. Warum nur?

In Verbindung bleiben innerhalb der Branche ist wichtig für den weiteren Karriereverlauf: Banker an der Zürcher Bahnhofstrasse.

In Verbindung bleiben innerhalb der Branche ist wichtig für den weiteren Karriereverlauf: Banker an der Zürcher Bahnhofstrasse. Bild: Keystone

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Was für Leandro Kaufmann* wie ein normaler Arbeitstag begann, endete mit der Schliessung seiner Abteilung. Am Morgen kam der Kundenberater wie gewohnt in sein Büro bei einem internationalen Finanzdienstleister. Zwei Stunden später war er weg: «Ohne Badge, ohne Handy, ohne Schlüssel», schildert Kaufmann das einschneidende Ereignis.

Kaufmann jedoch hatte Glück. Er fand eine neue Stelle, ebenfalls als Kundenberater bei einer Bank. Diese habe er dank der Pflege von Beziehungen gefunden: «Das Netzwerk ist enorm wichtig.» Einen Groll gegenüber dem früheren Arbeitgeber hegt er nicht: «Ich bin unglaublich gewachsen in dieser Zeit. Ich habe mein Leben innerhalb von vier Monaten komplett neu arrangiert.» Man müsse nur offen und flexibel sein. Dann sei alles machbar.

Die Netzwerkpflege als ständige Arbeit

«Das Netzwerk ist sicherlich eine entlastende Ressource», sagt Branchenkennerin und Personalvermittlerin Brigitte Reemts. Allerdings sei die Netzwerkpflege mit harter Arbeit verbunden. «Es geht darum, Informationen zu sammeln, um sich neu auszurichten.»

Bei vielen Banken läuft seit 2011 ein massiver Stellenabbau. Das bestätigt ein Bericht des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF). Allein bei den beiden Grossbanken sind gemäss SIF rund 3500 Stellen betroffen. Und auch bei den kleineren Banken ist der Strukturwandel längst sichtbar, Reduktion inklusive.

Mitgliederzahlen bei Personalverbänden stagnieren

Eine Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group zeigt auf, dass die Schweizer Banken bis 2013 ihre Kosten um 3,9 Milliarden Franken senken müssen. Das entspricht rund 15'500 Vollzeitstellen.

In der Industrie, im Detailhandel oder auch im Bau würden solche Szenarien eine gewerkschaftliche Organisation auslösen. Nicht so in der Finanzbranche. Obwohl die Aussichten düster sind, verzeichnet der Bankpersonalverband keine Bewegungen bei den Mitgliederzahlen, wie Geschäftsführerin Denise Chervet bestätigt. Beim Kaufmännischen Verband Zürich (KVZ) klingt es ähnlich: «Die Mitgliederzahlen im Bankenbereich haben sich kaum verändert», sagt Geschäftsleiter Rolf Butz.

Komfortable Abgangsentschädigungen

Die heutigen Bankangestellten würden beim KVZ nicht in erster Linie politische oder rechtliche Unterstützung suchen, sondern eher von der Vernetzung im Verband profitieren: «Wenn Bankleute ihren Job verlieren, so wenden sie sich an einen Rechtsanwalt und suchen möglichst rasch einen individuellen finanziellen Vergleich, damit sie anderswo neu einsteigen können», sagt Butz.

Mitunter ein Grund für die schwache gewerkschaftliche Organisation mögen die verhältnismässig guten Abgangsbedingungen bei den Finanzinstituten sein. Die beiden Schweizer Grossbanken federn den aktuellen Stellenabbau mit grosszügigen Sozialplänen ab. Die UBS (UBSN 16.9 1.99%) zahlt Entlassenen eine Abgangsentschädigung von bis zu zwölf Monatslöhnen. Zusätzlich können für unterstützende Massnahmen wie Outplacements 6000 Franken pro Angestellten eingesetzt werden.

Man zählt nicht zur Masse<

Bei der Credit Suisse (CSGN 25.57 2.16%) erhalten Mitarbeitende, die aufgrund einer Sparrunde gehen müssen, bis zu fünf Monate Lohnfortzahlungen. Darüber hinaus gebe es umfangreiche Unterstützung bei der Stellensuche, sagt Pressesprecherin Katrin Schaad. Dazu gehörten etwa Workshops zu Themen wie Neuorientierung oder der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche.

Reemts erklärt den tiefen Organisationsgrad mit dem starken Erfolgsstreben in der Bankenkultur: «Man will sich vom ‹normalen Angestellten› abheben. Bei Gewerkschaftsarbeit geht es um die Masse, doch genau dazu zählen sich die Banker nicht.»

*Pseudonym. Name der Autorin bekannt. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.12.2012, 11:46 Uhr)

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Zur Autorin dieses Artikels

Magdalena Oberli studiert Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Dieser Artikel ist im Rahmen einer Praxiswerkstatt am Institut für Angewandte Medienwissenschaften entstanden.

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