Wirtschaft

«Man muss fähig sein, die Gunst der Stunde zu erkennen»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 06.10.2011 33 Kommentare

Steve Jobs war ein Genie und wird in die Geschichtsbücher eingehen. Wirtschaftshistoriker Rolf Walter vergleicht ihn mit Carl Benz. Und er sagt, wie viel Erfolg mit Glück zu tun hat.

1/23 Am 5. Oktober 2011 gestorben: Steve Jobs.
Bild: Keystone

   

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Trauer um Steve Jobs

Trauer um Steve Jobs
Der Apple-Gründer Steve Jobs ist tot. «In tiefer Trauer teilen wir mit, dass Steve Jobs heute gestorben ist», erklärte der Konzern am Mittwoch in San Francisco.

Rolf Walter ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (Bild: zvg)

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Herr Walter, Steve Jobs ist tot. Was sagt der Wirtschaftshistoriker zum Vermächtnis des Apple-Gründers?
Jobs wird in der Wirtschaftsgeschichte seinen Platz bekommen. Welchen, das wird sich noch zeigen. Sicherlich hat er mit seinen Produkten einen Durchbruch geschafft. Er hatte einen eisernen Willen und mit Ronald Wayne einen kongenialen Partner. Der Heimcomputer für jedermann war eine revolutionäre Idee.

Welche anderen grossen Namen der Wirtschaftsgeschichte kommen Ihnen spontan in den Sinn?
Ich denke da zum Beispiel an den deutschen Autobauer Carl Benz. Auch er hat Einzigartiges geschaffen. Und dies, obwohl er lange für seine Vision ausgelacht wurde. Benz hatte seine Idee von Mobilität gegen alle Widerstände durchgesetzt – und war am Schluss erfolgreich. Ich denke aber auch an Carl Zeiss, der mit Mikroskopen bekannt wurde.

Was sind die wesentlichen Elemente, welche einen solchen Erfolg ausmachen?
Am Anfang steht immer die Erfindung, die Invention, dann die Innovation, das heisst die Durchsetzung der Erfindung am Markt. Sowohl Benz als auch Jobs waren sogenannte Pionierinnovatoren. Das allein reicht aber natürlich nicht. Man muss die Innovationen auch umsetzen können. Jobs hat mit Apple (AAPL 562.29 -0.54%) gezeigt, dass er das hervorragend konnte. Er war ein sogenannter First Mover, also einer, der mit seinen Erfindungen und Innovationen den anderen voraus ist.

War Jobs nicht einfach ein genialer Verkäufer?
Sicherlich hat er das gut gemacht. Marketing und Markenpflege ist aber nicht eine Erfindung von Steve Jobs. Das gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts inklusive der ganzen Werbepsychologie. Ich denke da an Marken wie Maggi, Aspirin oder gewisse Waschmittel. Marken wurden damals schon weltweit aufgebaut.

Welche persönlichen Voraussetzungen zeigt die Wirtschaftsgeschichte für geniale Unternehmerlaufbahnen?
Im 19. Jahrhundert und auch später noch waren das oft Notsituationen. Werner von Siemens zum Beispiel wollte vor allem «etwas für seine Familie tun». Man musste unternehmerisch erfolgreich sein, um materiell durchzukommen. Gleiches galt auch für die Unternehmerfamilie Krupp. Sicher immer wichtiger wurde die Faszination an der Technik, was vermutlich bei Steve Jobs eine grosse Rolle gespielt hat.

Haben Sie ein historisches Beispiel?
Ich habe Carl Zeiss schon erwähnt. Er hatte eine Vision, er wollte die Technik der Mikroskope revolutionieren. Er selber hatte die Fähigkeit aber nicht. Also suchte er sich die nötigen talentierten Partner. Auch das ist äusserst wichtig für einen erfolgreichen Unternehmer. Dass er die nötigen Talente erkennt und an sich bindet.

Bei Jobs hatte man das Gefühl, er sei ein Einzelkämpfer.
Mag sein, dass dieser Eindruck entstand. Dafür sind wohl auch die Medien verantwortlich. Heute ist es sicher nicht mehr so einfach, als Global Player erfolgreich zu sein, der an der Spitze einen Einzelkämpfer hat.

Wie viel Glück benötigt ein erfolgreicher Unternehmer?
Sicher ist ein günstiger wirtschaftlicher und politischer Kontext wichtig. Glück allein reicht nicht. Aber man muss fähig sein, die Gunst der Stunde zu erkennen, zum Beispiel seine Marktchance.

Hätte Jobs auch ausserhalb Amerikas diesen Erfolg haben können?
Die USA sind der Unternehmerstandort schlechthin. Natürlich ist es wichtig, wie eine Gesellschaft gegenüber dem Unternehmergeist steht. In den USA ist es viel leichter, ein Unternehmen zu gründen als etwa in Deutschland. Man findet in der Regel schneller benötigtes Kapital und nicht zuletzt spielt auch die Kultur des Scheiterns eine Rolle. Bei Jobs allerdings muss man sagen, er hätte sich wohl auch woanders durchgesetzt.

Was meinen Sie mit «Kultur des Scheiterns»?
In den USA sagt man, kaum einer wird ein guter Unternehmer, der nicht schon einmal gescheitert ist. Das gehört sozusagen zum Lernprozess, so wird man stark. Ganz anders in Europa. Hier wird Scheitern vielmehr auch als Niederlage bewertet. Mit der Konsequenz, dass die Risikofreudigkeit darunter leidet. In den USA geht man von einer Rate des Scheiterns von 2000 aus. Also auf 2000 Versuche, ein Produkt zu entwickeln und erfolgreich in den Markt zu bringen, scheitert man quasi 1999-mal. Einmal hat man Erfolg.

Ist es heute schwieriger geworden, als Unternehmen erfolgreich zu sein?
Die Welt der Wirtschaft ist heute viel komplexer als noch vor 50 Jahren. Die Märkte funktionieren komplexer. Grosse international tätige Unternehmen können heute nicht mehr erfolgreich sein, wenn sie nicht wissenschaftliche Höchstleistungen vollbringen. Vieles von dem, was da hervorgebracht wird, ist doch Nobelpreis verdächtig.

Was müsste passieren, dass Apple seinen Rang des First Mover und damit seine ganze Vormachtstellung verliert?
Man kann nicht genügend Mittel in die Innovation stecken. Wer nichts Neues schafft, wird nach hinten durchgereicht. Wir hatten vor zwei Tagen diese Präsentation mit dem iPhone 4S. Meine Wahrnehmung war, die bringen nicht viel Neues. Nicht einmal ein neues Design. Darüber freut sich die ganze Konkurrenz.

Was passiert, wenn erfolgreiche Unternehmen ihre charismatischen Führer verlieren?
Grosse Konzerne müssen so aufgestellt sein, dass ein Leben nach dem König möglich ist. Das sind sie allein schon ihrem Aktionariat schuldig. Gerade aber bei Familienbetrieben kann das zu heftigen Turbulenzen bis hin zum Niedergang führen.

Kennen Sie Beispiele?
Nach dem Selbstmord von Adolf Merckle vor zwei Jahren wurde ein Teil seines Imperiums zerschlagen. Es war sein Lebenswerk, das in seiner weitverzweigten Ganzheit so nicht mehr existiert. Die Geschichte kennt viele solche Beispiele. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2011, 17:09 Uhr

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33 Kommentare

Matthias Hebsacker

06.10.2011, 17:41 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Wer enttäuscht ist, dass das iPhone 4S kein neues Design hat hat Apple nicht verstanden. Apple hat noch nie mit jeder Generation das Design geändert. Das iPhone 3G und 3GS waren äusserlich unverändert, bei Computern wird das Design nur alle 3 - 4 Jahre aktualisiert. Apple erschafft Design-Ikonen die sich in unser Bewusstsein einprägen, dazu muss man ihnen Zeit geben sich zu etablieren. Antworten


Thomas Läubli

06.10.2011, 19:48 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Die Leistung dieses Mannes war es, den Leuten Produkte aufzuschwatzen, die sie eigentlich gar nicht wollen und von denen sie wie bei einer Drogensucht abhängig werden, was sie auch zunehmends aggressiver macht... Antworten



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