Kampf der Titaninnen

Noch ist der Tonfall freundlich. Doch die Differenzen zwischen Christine Lagarde und Angela Merkel sind offensichtlich. Eskaliert der Streit weiter, bekommt es Merkel mit einer mächtigen Gegnerin zu tun.

Wer baut am Schluss mehr Druck auf? Christine Lagarde (l.) und Angela Merkel bei einer gemeinsamen Pressekonferenz.

Wer baut am Schluss mehr Druck auf? Christine Lagarde (l.) und Angela Merkel bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Bild: Reuters

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Der Streit über die Ausstattung des permanenten Euro-Rettungsschirms ESM entwickelt sich zum Machtkampf zwischen IWF-Chefin Christine Lagarde und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es geht um eine Grundsatzfrage: Während Merkel heute eine Aufstockung des Rettungsschirms über 500 Milliarden Euro hinaus erneut ablehnte, drohte die IWF-Direktorin des relativ unverhohlen mit Konsequenzen, falls dies nicht geschieht.

Immerhin steht die Langstreckenwaffe der Politik im Kampf gegen einen Euro-Crash seit heute früh auf einem stabilen Fundament: Die EU-Länder einigten sich in Brüssel auf den ESM-Vertrag, wie Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker in den frühen Morgenstunden in Brüssel bekanntgab. Der ESM soll im Juli den befristeten Rettungsfonds EFSF ablösen und 500 Milliarden Euro für Wackelkandidaten der Eurozone bereitstellen. Der entsprechende Vertrag soll nun auf dem nächsten Treffen der EU-Finanzminister im Februar unterzeichnet werden. Damit könne die Ratifizierung bis zum Sommer gelingen.

Lagardes Stunde schlägt im März

Im März aber folgt schon der Lackmustest: Dann wird überprüft, ob die maximale Ausleihsumme von 500 Milliarden Euro erhöht werden muss. Und hier kommt Christine Lagarde ins Spiel. Schon mehrfach hat die selbstbewusste Französin Merkels Euro-Krisenpolitik kritisiert. Schon mehrfach hat sie gefordert, den ESM um die Mittel des befristeten Rettungsschirms EFSF zu erhöhen.

Das müsse nicht eine Verdoppelung bedeuten, sagte die frühere Wirtschafts- und Finanzministerin im Gegensatz zu Italiens Premier Monti, der eine Verdoppelung des ESM auf 1000 Milliarden Euro ins Spiel gebracht hatte. Aber es geht aus Lagardes Sicht um einen Summe von mindestens 250 Milliarden Euro zusätzlich – und Merkel weigert sich derzeit beharrlich, dem nachzukommen.

Merkel blockt, Lagarde droht verkappt

Merkel blockte heute Lagardes Forderung zum wiederholten Male ab. In einer Sitzung der Unions-Bundestagsfraktion erklärte die CDU-Vorsitzende nach Teilnehmerangaben auf die Frage, ob sie weiter gegen eine Aufstockung sei, etwas verschwurbelt, aber doch deutlich: «Ich würde bei den obwaltenden Umständen dabei bleiben.»

Dabei hatte Lagarde in einem Interview vorher noch einmal auf den Ernst der Lage hingewiesen. Die Brandmauer müsse verbessert werden, und zwar um die Addition von EFSF plus ESM, wie sie dem Deutschlandradio Kultur sagte.

«Wenn das der Fall ist, werden IWF-Mitglieder sehr gerne erstens die Ressourcen erhöhen und zweitens diejenigen unterstützen – also weltweit, nicht nur in der Eurozone –, die Hilfe brauchen und die Bedingungen erfüllen», erklärte die IWF-Chefin. Was eine Drohung war, denn umgekehrt heisst das: Wird der ESM nicht aufgestockt, ist es mit der freundlichen Haltung des IWF vorbei.

Obama spricht ein Wort mit

Sollte der Streit weiter eskalieren, bekäme es Merkel in Lagarde mit einer Gegnerin zu tun, gegen die sich die Regierungschefs der EU wie zahme Bettvorleger ausnehmen. Schon allein deshalb, weil die anderthalb Jahre jüngere Lagarde mit dem IWF einer internationalen Organisation vorsteht, die fast 190 Mitglieder hat und die an den Vereinten Nationen aufgehängt ist. Merkel bekäme im Zweifel also den Unmut von Staaten weltweit zu spüren.

Und die schauen der Bekämpfung der Euro-Krise nicht einfach nur zu. So hatte US-Präsident Barack Obama schon im Dezember gemahnt, die Lösung der Krise in der Eurozone sei vor allem eine Frage des politischen Willens – und er warnte vor Auswirkungen der Probleme in Europa auf den US-Arbeitsmarkt.

Am 9. Februar hat Obama ausgerechnet den italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti in Washington zu Gast. Im Mittelpunkt des geplanten Treffens soll die europäische Finanzkrise und dabei auch eine mögliche Ausweitung des EU-Rettungsschirms stehen, wie das Weisse Haus mitteilte.

Deutschland schindet Zeit

Noch blockt Deutschland die Begehrlichkeiten also ab und versucht, Spannungen herunterzureden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, sonst eher ein Fan von Lagarde, erklärte auf die Frage nach einer Aufstockung, der 500-Milliarden-Deckel komme im März auf den Prüfstand. «Es gibt für eine weiterführende Debatte im Moment überhaupt keinen Anlass. Wir werden im März sehen, ob es reicht oder nicht», meinte der CDU-Politiker. CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt äusserte sich ähnlich, auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle sprach sich erneut gegen eine Aufstockung aus.

Ob das reicht, um Lagarde ruhig zu stellen, ist allerdings fraglich. EU-Währungskommissar Olli Rehn schwante in Brüssel offenbar schon Böses. Es sei kein Geheimnis, dass die EU-Kommission für eine Stärkung des EFSF und des ESM und für zusätzliche IWF-Ressourcen geworben habe, erklärte er und mahnte gleichzeitig: «Aber wir sollten das nicht zu einem politischen Spiel machen, in dem eine Seite eine Bedingung stellt und die andere mit einer Gegenbedingung kommt.» (ami/dapd)

(Erstellt: 24.01.2012, 21:12 Uhr)

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