Jetzt wird alles verscherbelt, was Gold ist
Von Marc Badertscher. Aktualisiert am 25.11.2009
Analysten rechnen mit weiterem Anstieg
Der Goldpreis hat sich nach seiner jüngsten Rekordjagd stabilisiert. Mit 1170 Dollar kostete die Feinunze am Dienstag 0,4% mehr als am Vorabend in New York. Seit Monatsanfang hat der Preis für das Edelmetall rund 12% zugelegt und dabei einen Rekord nach dem anderen aufgestellt – zuletzt am Montag mit 1173,50 Dollar. «Der Goldpreis dürfte definitiv noch steigen. 1200 Dollar sind in Reichweite, und es gibt keinen Grund, warum wir diese Marke nicht noch in diesem Jahr sehen werden», sagte ein Händler. Die HSBC-Niederlassung in New York hat mittlerweile ihre kleineren Kunden aufgefordert, ihre Goldbestände aus den Tresoren der HSBC abzuziehen. Der Raum wird für Grosskunden gebraucht – Kleinere sind einfach nicht mehr rentabel genug. Der Entscheid der HSBC wird zu einem Alptraum für Investoren und Sicherheitsfirmen, die nun neue Tresore irgendwo sonst in den USA finden müssen – die meist allerdings auch schon gut gefüllt sind. (Reuters, Wall Street Journal)
Vor Bijouterien stehen nun oft diese Schilder: «Goldankauf» heisst es darauf, manchmal auch «Sofort Bargeld». Offenbar wird die Botschaft von den Passanten gelesen: «Früher haben wir Geld verdient, weil wir Goldschmuck verkauften», sagt der Co-Leiter eines Ladens in Zürich. «Heute machen wir Gewinn, weil wir den Leuten ihr Gold abnehmen.»
Das Geschäft mit dem alten Schmuck macht in einigen Läden bereits mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Wer früher Verkäufer war, ist heute Händler. Gegenwärtig erhalten die Kunden rund 18 Franken pro Gramm Altgold 18 Karat. Von den Schmelzereien erhalten die Bijouterien nach Abzug aller Umtriebskosten rund 25 Franken zurück. «Die Margen sind traumhaft», bestätigt ein anderer Ladenbesitzer.
Krise und Rausch gemeinsam
Begonnen hat der Boom vor gut einem Jahr. Das zeigen die Antworten von zehn Goldschmieden und Bijouterien. Sie nennen zwei Gründe:
Die Wirtschaftskrise: «Bei uns verkaufen ab und zu Leute Schmuck unter Tränen und sagen, sie hätten nichts mehr im Kühlschrank», heisst es selbst bei der Bijouterie Jean Studer an der Bahnhofstrasse in Zürich. Im weniger reichen Langstrassenquartier hört man dieses Argument häufiger. Zahngold wird verscherbelt, Eheringe ebenso.
Der Goldrausch: So viel Geld gab es für Gold noch nie. Wer bisher zögerte, sich von altem, nur noch herumliegendem Schmuck zu trennen, handelt nun auch ohne akute Notlage.
Auch via Postversand
«Es ist aussergewöhnlich, dass Krise und Rekordpreis derart zusammenfallen», heisst es beim Goldhaus in Zürich. Das habe den Trend deutlich verstärkt. In Frauenfeld, Gossau, Bauma – einfach überall mieten Gold- und Münzhändler Hotelräume und führen an bestimmten Tagen Goldankäufe durch. Auch via Postversand – Eingeschrieben! – bringt der Verkaufswillige seinen Schmuck inzwischen los.
Kaum eine Boutique kann sich der Entwicklung entziehen. «Man muss fast mitgehen», sagt Gabriel Celik von Christian Uhren Schmuck. Denn sonst vergraule man die Stammkundschaft. Oft wolle diese den alten Schmuck zur Bezahlung von neuem hergeben.
Diskretion ist doppelt gefragt
Auch die Edelboutiquen an der Bahnhofstrasse müssen den Service anbieten. Darüber sprechen wollen aber die wenigsten, denn noch immer haftet dem Aufkaufen von Gold ein Ruch an. Wer sagt denn, dass die Ware nicht gestohlen sei? Und wo sollen die Kunden die Sicherheit finden, dass neu gekaufter Schmuck nicht nur gut poliertes, bereits mit Geschichten belastetes und nun wiederverkauftes Metall ist?
Für die noble Bijouterie Beyer ist deshalb klar: «Man muss mit klarem Konzept auftreten, wenn man Altgold aufkauft», sagt Carlo Mutschler, Atelierchef der Goldschmiedabteilung. «Sonst riskiert man Rufschaden.» Bei Beyer gilt deshalb: Kleine Sachen werden nicht gekauft. Das Aufkaufprozedere dauert mehrere Tage. Und alles angenommene Gold wandert direkt zu einer Schmelzerei. Von dort kommt das Rohmaterial dann quasi neu zurück. Mittlerweile deckt sich Beyers Goldschmiede «substanziell» auf diesem Weg mit dem Rohstoff ein. Auf der Homepage wird der gebotene Preis für Altgold alle vierzehn Tage aktualisiert.
Altes Metier statt neue Geschäftsfelder
Trotz hohen Margen und neuen Wegen, um an den Rohstoff zu kommen: Die meisten Boutiquen hoffen auf einen sinkenden Goldpreis. Sie erhoffen sich davon ein Wiedererstarken der klassischen Schmuckverkäufe. Altes Metier also statt neue Geschäftsfelder. Roland Spitzbarth vom Zürcher Goldschmiede-Verband sagt es so: «Wir wollen, dass die Bevölkerung ihr Gold schützt und bewahrt.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.11.2009, 13:22 Uhr




