Jetzt ist Italien an der Reihe
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 11.07.2011 61 Kommentare
Ein möglicher Abgang des Finanzminister als Auslöser der jüngsten Ängste: Giulio Tremonti, Wirtschafts- und Finanzminister Italiens und sein Chef Silvio Berlusconi. (Bild: Keystone )
Rekordhoher Frankenkurs
Die jüngsten Ängste um die Eurokrise und die US-Wirtschaft haben dem Franken zu einem neuen Höhenflug verholfen. Gegenüber dem Franken erreichte die Gemeinschaftswährung mit einem Preis von kurzzeitig weniger als 1.17 ein neues Allzeittief. Auch der Dollar gab gegenüber dem Franken nach und notierte am Nachmittag bei 0.833 Franken.
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Selbst die Pausen in der Eurokrise werden immer kürzer. Nachdem das griechische Parlament Ende Juni ein hartes weiteres Sparpaket gutgeheissen hat, glaubte man die Lage zumindest für einige Monate stabilisieren zu können. Dann wurde rasch klar, dass sich nicht nur für Griechenland keine Lösung abzeichnet. Nach einer drastischen Abwertung der portugiesischen Staatsanleihen auf Junk-Status geriet auch das iberische Land wieder in den Fokus und am Freitag mit Italien jetzt sogar die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone.
Die Märkte reagierten umgehend. Die Aktien vor allem der Banken tauchen europaweit – so auch in der Schweiz – und vor allem der Euro stürzt erneut ab. Noch am 7. Juli, als die Europäische Zentralbank eine Erhöhung des Leitzinses verkündete, notierte er bei über 1.21 Franken, heute Nachmittag zeitweise unter 1.17. Selbst gegenüber dem Dollar sackte er ab, obwohl mit der Meldung einer weiter angestiegenen Arbeitslosigkeit auf 9,2 Prozent auch die US-Wirtschaft für schlechte Wirtschaftsnachrichten sorgte.
Die EU beruft eine Notsitzung ein
Bei der Europäischen Union wurde daher gemäss mehreren Quellen heute eine Notsitzung anberaumt, an der EU-Präsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EZB-Chef Jean-Claude Trichet, Euro-Gruppen-Präsident Jean-Claude Juncker und EU-Währungskommissar Olli Rehn teilnehmen sollen. Das Treffen soll am Rande der ordentlichen Sitzung der Euro-Finanzminister stattfinden. Bei der EU bemüht man sich, die Dramatik herunterzuspielen.
Sollte Italien tatsächlich in den Sog der Eurokrise geraten, stellt das alle bisherigen Probleme in den Schatten. Der Anteil der griechischen Wirtschaft an der Eurozone beläuft sich gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) auf 2,5 Prozent, jener Italiens auf knapp 17 Prozent. Der bestehende Rettungsschirm wäre auf jeden Fall ungenügend, um auch ein solches Land zu retten. Ein Vertreter der Europäischen Zentralbank hat daher gegenüber der deutschen Zeitung «Die Welt» bereits die Verdopplung des bestehenden Rettungsfonds von 750 Milliarden auf 1'500 Milliarden Euro angeregt.
Der wackelnde Stuhl von Giulio Tremonti...
Gemessen an seiner Staatsverschuldung hätte Italien schon längst Kandidat als Krisenland sein können. Laut Daten der Statistikbehörde Eurostat ist Italien mit einer Brutto-Staatsverschuldung von 120 Prozent gemessen am BIP nach Griechenland (mit 143 Prozent) der am stärksten verschuldete Staat der Europäischen Union. Das ist allerdings nichts Neues, da Italien schon im ganzen letzten Jahrzehnt nicht in einem einzigen Jahr eine Verschuldungsquote von weniger als 100 Prozent ausgewiesen hat. Das Land wurde bisher vor allem deshalb als deutlich sicherer erachtet, als andere Krisenländer, weil der grösste Teil der Schulden im Besitz der Italiener selbst ist.
Erste Schockwellen hat bereits am 24. Juni die Ratingagentur Moody’s ausgelöst, als sie für einige italienische Banken und einen Teil der ausstehenden Schulden des Landes die Warnung einer möglichen Rating-Abwertung aussprach. Anlass für die neusten Sorgen gab jetzt die Politik – vor allem weil der Stuhl von Italiens Finanz- und Wirtschaftsminister Giulio Tremonti ins Wacheln geraten ist. Innerhalb der angeschlagenen Regierung von Ministerpräsident Berlusconi gilt Tremonti noch am meisten als Vertreter stabiler Staatsfinanzen. Gegen einen engen Vertrauten Tremontis hat die Staatsanwaltschaft ein Haftgesuch wegen Korruption gestellt.
...und ein Angriff der Hedgefonds
Wie die «Financial Times Deutschland» heute auf ihrer Titelseite berichtet, weiss Tremonti durchaus um seine Bedeutung. Gegenüber seinen Mitarbeitern soll er gesagt haben: «Wenn ich stürze, dann stürzt Italien. Wenn Italien stürzt, ein Land das zu gross ist, um gerettet zu werden, dann stürzt der Euro.»
Die neue Unsicherheit um die finanzielle Zukunft hat in Italien wie eine Bombe eingeschlagen. Die Mailänder Börse verlor letzte Woche 7,2 Prozent. Die grösste Bank des Landes – Unicredit – verlor sogar einen Fünftel ihres Börsenwerts. Um dem weiteren Kurssturz an der Börse etwas entgegenzuhalten, hat die italienische Börsenaufsicht Consob ab heute temporäre Massnahmen eingeführt, die das Spekulieren auf fallende Kurse («Short-Selling») etwas erschweren sollen. Wer entsprechende Strategien verfolgt, muss dies ab gewissen Summen melden.
Laut dem Think-Tank Eurointelligence hat sich eine Reihe von US-Hedgefonds die neusten Ängste um Italien zunutze gemacht und eine spekulative Attacke auf italienische Wertpapiere lanciert. Die Folge sind bereits deutlich höhere Risikoprämien auf den Staatsanleihen des Landes. Das Land muss (gemessen an der aktuellen Rendite zehnjähriger Staatsanleihen) aktuell 5,4 Prozent Zins bezahlen, noch Ende Juni waren es 4,8 Prozent. Höhere Zinsen können zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Muss ein Land aus Angst vor einer späteren Zahlungsunfähigkeit deutlich mehr für seine Schulden bezahlen, dann macht das diese Zahlungsunfähigkeit gerade wahrscheinlich. Das gilt umso mehr angesichts der Summe von 120 bis 130 Milliarden Euro, die sich Italien in den nächsten Monaten auf den Kapitalmärkten beschaffen muss. Immerhin sind die Zinsen (für die Frist von 10 Jahren) auch jetzt noch leicht tiefer als jene der Staatschulden von Spanien (5,85 Prozent) und um ein Vielfaches unter jenen Griechenlands, die bei 17 Prozent notieren.
Griechenlandrettung noch nicht im Trockenen
Griechenland ist denn trotz der neuesten Unruhen um Italien noch immer der Unruheherd, der am dringendsten einer Lösung bedarf. Laut einem Bericht der «Financial Times» überlegen sich die Politiker jetzt doch eine Beteiligung der privaten Gläubiger als Voraussetzung für einen neuen 120-Milliarden-Euro-Rettungsschirm. Danach soll ein früherer deutscher Plan wieder Beachtung finden, nach dem die Gläubiger mit dem Geld auslaufender griechischer Anleihen weitere solche Anleihen zu Marktpreisen kaufen sollen. Da diese Marktpreise unter dem Nennwert dieser Anleihen liegen, käme das einem Abschreiber gleich. Details zu diesen Plänen sollen nicht vor Sommerende beschlossen werden. Angesichts der Tatsache, dass die Europäische Zentralbank bereits jeder Art von Schuldenverzicht auf Gläubigerseite eine Abfuhr erteilt hat, ist nicht klar, wie sich der Plan durchsetzen könnte. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.07.2011, 14:41 Uhr
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61 Kommentare
Der Euro ist schlichtweg ein Fehlkonstrukt von abgehobenen, realitätsfernen Politikern. Diese würden im Leben nie die Reissleine ziehen. Man schiebt das Problem mit immer neuen Rettungsschirmen vor sich her, bis der grosse Knall alles in den Abgrund reisst. Der Euro würde nur Sinn machen für vergleichbar starke Volkswirschaften. Aber eben, die Europa-Träumer sind ja alle so schlau ! Antworten
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