Wirtschaft

Ist Euroland noch zu retten?

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 17.03.2010 86 Kommentare

Das Finanzdebakel in Athen gefährdet das Projekt Europa. Denn jetzt hat der Blitz eingeschlagen und die Feuerwehr ist ratlos.

Wenn Bauern früher eine defekte Stromleitung im Stall reparierten, dann fixierten sie die losen Enden mit Hufeisen und Nagel. Das war ebenso wirksam wie gefährlich, denn ohne Sicherung drohte beim nächsten Defekt ein Vollbrand.

Nach diesen brachialen Grundsätzen ist auch Euroland gegründet worden. Die defekte Stromleitung waren die ökonomisch sehr unterschiedlich entwickelten Volkswirtschaften, das Hufeisen der politische Wille, die Einheitswährung gegen alle Widerstände durchzuboxen. Doch jetzt hat der Blitz eingeschlagen – und die Feuerwehr ist ratlos. Das Schuldendebakel Griechenlands ist inzwischen weit mehr als ein lokales Ereignis. «Es geht um die Zukunft des Projektes Europa», sagt der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer.

Tragödie mit Vorspiel

Wie in der Antike hat auch die moderne griechische Tragödie ein Vorspiel. Der Euro wurde ja nicht über Nacht geschaffen. Zuerst war die sogenannte Währungsschlange. In diesem Regime wurden die einzelnen Währungen unter der strengen Fuchtel der deutschen Bundesbank (Buba) in ein schmales Band gezwungen. Für die Briten war dieses Korsett schon damals zu eng. Sie litten unter einer schweren Rezession und brauchten dringend tiefere Leitzinsen. Die Buba jedoch blieb eisern. Die Spannungen nahmen so lange zu, bis Spekulanten unter der Führung von George Soros am 16. September 1992 die Währungsschlange in die Luft sprengten. Das Pfund verlor über Nacht rund 15 Prozent an Wert – und die Briten wollten fortan nichts mehr vom Euro wissen.

Schummeln möglich

Helmut Kohl und Jacques Delors, der deutsche Kanzler und der Präsident der EG-Kommission damals, griffen jedoch zu Hammer und Nagel. Um Nachahmer der Briten abzuschrecken, wurde Euroland zu einem Club zusammengezimmert, aus dem man nicht mehr austreten konnte. Die Eintrittsprüfungen wurden zwar streng gestaltet, aber Schummeln war – wie das Beispiel Griechenland zeigt – trotzdem möglich.

Innerhalb des Clubs gelten zwei verschiedene Spielregeln: Die Geldpolitik wird von der nach deutschem Muster operierenden Europäischen Zentralbank gemacht. Die Fiskalpolitik hingegen ist nach wie vor Sache der einzelnen Nationen.

Sparen hier, Leben auf Pump da

Die Mitglieder von Euroland, inzwischen sind es 16, haben dies auch prompt ausgenützt. Grob gesagt, kann man zwischen einem nördlichen und einem südlichen Muster unterscheiden. Im Norden setzte man auf Lohnverzicht zugunsten von mehr Arbeitsplätzen. Niederländische und irische Gewerkschaften stimmten an runden Tischen teilweise happigen Lohneinbussen zu.

Auf die Spitze getrieben wurde diese Formel in Deutschland. Geschockt von den hohen Kosten der Wiedervereinigung wurde der Gürtel enger und enger geschnallt und es wurde gespart, bis es wehtat.

Ungleichgewicht im Euroland

Das Resultat der deutschen Sparpolitik war ein Exportboom der eigenen Wirtschaft, aber auch ein schlimmer werdendes Ungleichgewicht innerhalb der Wirtschaft von Euroland. Denn im Süden hatte man bisher auf Rezessionen stets mit Abwertung der Währung reagiert. Das ist in Euroland nicht mehr möglich.

Deshalb ist das System aus der Balance geraten. Im Süden lebte man dank tiefen Zinsen und mithilfe von Investment-Banken lange auf Kredit und büsste dabei die internationale Wettbewerbsfähigkeit ein. Zwischen 2000 und 2009 haben die griechischen Löhne gegenüber den deutschen um mehr als 20 Prozent zugelegt.

Jetzt steht das Haus in Flammen. Die Länder im Süden sind pleite, und die Nordländer wollen und können nicht mehr zahlen. Wie kann verhindert werden, dass Euroland in Schutt und Asche versinkt? Eine Schocktherapie würde die Lage noch verschlimmern. Von den Griechen schlagartig eine Lohneinbusse von einem Viertel oder gar noch mehr zu verlangen, würde zu grossen sozialen Spannungen führen. Eine solche Therapie ist zudem nur in einem autoritären System möglich. Der italienische Faschistenführer Benito Mussolini zum Beispiel setzte einen derart drastischen Lohnverzicht in den 20er-Jahren durch.

Das heisst nicht, dass die Südländer einfach ungeschoren davonkommen. Griechenland wird wohl zeitweise unter Vormundschaft von Experten der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds gestellt werden. Doch das allein wird keine Besserung bringen.

Einheitliche Linie nötig

Ein moderner Staat kann seine Schulden nicht wegsparen, aus der Krise findet er nur mit mehr Wachstum. Und derzeit sieht es an dieser Front schlecht aus. Die Europäische Union rechnet mit einem Wirtschaftwachstum von 0,7 Prozent für das laufende und mit 1,5 Prozent für das nächste Jahr – viel zu wenig, um aus dem Schlamassel zu kommen.

Mehr Wachstum in Euroland ist nur möglich, wenn auch die Deutschen mitziehen und ihre auf Export ausgerichtete Sparpolitik ändern. Die «Geiz ist geil»-Mentalität im Norden auszutreiben, ist aber leider mindestens so schwierig, wie den Südländern das Sparen beizubringen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 08:21 Uhr

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86 Kommentare

Heinz Köhli

26.02.2010, 09:39 Uhr
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Die EU ist nur durch den EURO verbunden. Die zuvor verdienten Wohlstandsunterschiede waren zu gross, der grösste politische Nenner der letzten Jahre war, dass George Bush ein Idiot sei. Und das ist etwas wenig. Die Eurokraten in Brüssel tun nichts dagegen, dass die Gleichmacherei den Tüchtigen zunehmend vertreibt. Und die SP glaubt immer noch, dass die EU unsere Probleme löst. Antworten


Matthias Vogelsanger

26.02.2010, 09:45 Uhr
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Löpfe's Hufeisen Vergleich ist unpassend. Allenfalls könnte die Metapher auf die Situation in Europe VOR der Einführung des Euros gelten. Die Dummen sind nicht die Deutschen sondern wir. Im Endeffekt zahlt die Schweizer Exportwirtschaft mit einem teuren Franken für die Absicherung irrationaler Aengste und Gewinngelüste angelsächsischer Spekuanten. Antworten



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