«Inadäquat, bizarr»
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 11.08.2010 13 Kommentare
Die Geldpolitik des Federal Reserve (Fed)
Eine Zentralbank kann die Konjunktur dadurch beeinflussen, dass sie zum Beispiel in einer Rezession mehr Geld druckt, wodurch die kurzfristigen Zinsen sinken. Das vergünstigt auch die Investitionskosten, was der Wirtschaft Schub verleiht. Das Problem in den USA ist, dass sich die Leitzinsen bereits auf einem Tiefststand befinden und die Konjunktur noch immer kaum vom Fleck kommt. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem Niveau von knapp 10 Prozent. Eine Änderung des Leitzinses war von der US-Notenbank Fed daher nicht zu erwarten.
Um der Wirtschaft trotz dem Tiefststand bei den Leitzinsen Impulse zu geben, kann die Zentralbank auch direkt über Käufe von Anlagen wie (langfristige) Staatsanleihen oder andere verbriefte Kredite Geld in die Wirtschaft pumpen – sie tut das in der Regel über Banken. Damit sinken die langfristigen Zinsen direkt (und nicht wie üblich indirekt als Folgewirkung tieferer kurzfristiger Sätze). Das Fed hat das in den letzten Jahren im grossen Ausmass getan. Doch wollte die Notenbank diese Politik bis zum Entscheid von gestern beenden.
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Die Verlautbarung der US-Notenbank Fed sei etwa so, wie wenn auf einem Erste-Klasse-Ticket für eine Fahrt mit der Titanic gestanden hätte: «Warnung: die Behauptung der Unsinkbarkeit des Schiffes ist nicht bewiesen». Das sagte Guy LeBas, Ökonom des Finanzdienstleisters Janney Montgomery Scott, dem Wall Street Journal. Das Fed habe zwar einerseits die Tonlage deutlich geändert und äussere sich zur Konjunkturlage in den USA deutlich pessimistischer als zuvor. Eindeutige Konsequenzen daraus habe die Notenbank aber keine gezogen. Dass sich das Fed um eine klare Linie gedrückt habe, finden die meisten Ökonomen, wie ein Überblick über deren unmittelbare Kommentare zeigt.
Die Kernbotschaften des Fed lauten: Die Lage der Wirtschaft ist schlechter als erwartet, die Leitzinsen bleiben deshalb mit einem Zielband von 0 bis 0,25 Prozent für eine ausgedehnte («extended») Periode rekordtief. Neu tut die Notenbank aber alles, um eine weitere Reduktion der Geldmenge zu verhindern; andererseits aber nichts, um sie noch weiter auszudehnen. Durch die massiven Geldspritzen an das Finanzsystem – unter anderem über Käufe von Anlagen wie Staatsanleihen oder verbriefte Hypothekaranleihen – ist die Bilanz der US-Notenbank auf ein Gesamtvolumen von 2,3 Billionen Dollar angewachsen. Diese erworbenen Anlagen werden nun nach und nach zur Rückzahlung fällig, was die Geldmenge automatisch reduzieren und die Fed-Bilanz zum Schrumpfen bringen würde.
Staatsanleihen statt Hypothekenpapiere
Mit Hilfe dieses automatischen Prozesses wollte die Notenbank bisher die Zügel leicht straffen. Davon nimmt sie jetzt Abstand. Werden auslaufende verbriefte Hypotheken zurückbezahlt, investiert die Notenbank das Geld jetzt gleich wieder in langfristige Staatsanleihen. Das Geld von fällig werdenden Staatsanleihen investiert sie in neue. Die Wirkung: Die Notenbank finanziert Staatsschulden und die Notenbankgeldmenge bleibt weitgehend unverändert, die Wirkung auf die Konjunktur bleibt neutral.
Die Politik des Fed sei «äusserst inadäquat, logisch bizarr, aber immerhin ein ganz klein wenig ermutigend» schreibt der Nobelpreisträger und Starökonom Paul Krugman zum jüngsten Fed-Entscheid. «Komplett verrückt» findet er, dass das Fed angesichts einer massiven Arbeitslosigkeit und einer drohenden Deflation überhaupt beabsichtigt hat, die Geldmenge zu reduzieren. Dagegen sei die neutrale Position jetzt immerhin ein klein wenig besser. Die Entscheidung, einfach an der jetzigen Geldmenge festzuhalten, findet er dennoch «sehr seltsam».
Krach im Entscheidungsgremium
Nach einer klaren Begründung dafür suchen auch andere Marktbeobachter. Laut «Free Exchange», dem Wirtschaftsblog des «Economist», wirke das Fed mit ihrer neusten Politik «unentschieden». Offenbar habe die Notenbank gerade das Allermindeste getan, um die Wirtschaft von der Geldpolitik her nicht weiter zu belasten. Andere Ökonomen verweisen als Begründung dafür auf die Uneinigkeit unter den Entscheidungsträgern im Fed. Die neutrale Haltung ist demnach schlicht der kleinste Kompromiss, zu dem man sich durchgerungen hat. Zum wiederholten Mal hat der Chef des Fed von Kansas City, Thomas Hoenig, sich für eine restriktivere Gangart ausgesprochen, seiner Meinung nach erholt sich die US-Wirtschaft stärker, als die anderen Mitglieder des für die Entscheide zuständigen Gremiums unter Ben Bernanke das sehen. Die gegenteilige Ansicht vertritt vor allem James Bullard, Leiter des Fed von St. Louis. Er warnte kürzlich vor einer Deflation, wie sie Japan noch immer durchleidet.
Den Vergleich mit Japan hat auch Richard Jerram aufgenommen, der Asien-Ökonom des australischen Bankhauses Macquarie. Ihn erinnert die jüngste Entscheidung der US-Notenbank stark an die Politik der japanischen Zentralbank in den Jahren 2001 bis 2004. Diese habe sich ebenfalls um entschiedene Schritte gedrückt und so die Krise des Landes noch verschärft.
Die Ohnmacht der Geldpolitiker
Ob die Notenbank im schlimmsten Fall überhaupt viel tun kann, darüber ist in den USA die Debatte schon vor dem jüngsten Entscheid entbrannt. Einige Ökonomen monieren denn auch, dass auch tiefere Langfristzinsen angesichts einer durch die schlechte Wirtschaftslage darniederliegenden Investitionsbereitschaft wenig bewirken können. Dabei verweisen sie vor allem auf den Häusermarkt, der trotz der tiefen Hypothekarzinsen keine Lebenszeichen zeigt. Der Ruf nach weiteren staatlichen Ankurbelungsmassnahmen wird daher immer lauter. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.08.2010, 13:54 Uhr
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