In der Frage der globalen Ungleichgewichte steht die G-20 vor einer Bewährungsprobe
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 11.11.2010 2 Kommentare
Werden sich die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zusammenraufen und abgestimmte, verbindliche Schritte einleiten, um endlich die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte einzudämmen? Diese eine Frage wird den G-20-Gipfel heute und morgen in Seoul überschatten. Liesse sie sich am Ende mit einem überzeugten Ja beantworten, wäre dies eine echte Überraschung. Dabei besteht weit herum Einigkeit, dass die globalen aussenwirtschaftlichen Schieflagen und die damit verbundenen Kapitalströme – vor allem der Zufluss von billigem Geld aus Asien in die USA – erst die Kreditexzesse und später die Banken- und Wirtschaftskrise mit verursacht haben.
Die USA, die laut Prognose der OECD in diesem und im nächsten Jahr ein Leistungsbilanzdefizit von etwa 4 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausweisen werden, wollen denn vorab die Staaten mit hohen Handelsüberschüssen in die Pflicht nehmen, namentlich China. Doch ob die grösste Wirtschaftsmacht in ihrem Ringen mit der zweitgrössten Verbündete in Seoul finden wird, ist zweifelhaft. Zwar bestreitet niemand ausser den Chinesen, dass ihre Landeswährung Yuan unterbewertet ist und die chinesische Exportindustrie dadurch Wettbewerbsvorteile erzielt – zulasten der übrigen Welt. An diesem Missstand hat sich nichts geändert, seit China im Juni die feste Bindung des Yuan an den Dollar aufgegeben hat: Die chinesischen Behörden haben bisher eine Aufwertung von gerade mal gut 2 Prozent zugelassen, die meisten Experten halten eine solche um 10 bis 15 Prozent für angemessen.
Leistungsbilanzen im Blick
Amerika hat aber seine Position und Glaubwürdigkeit im Kreis der G-20 empfindlich geschwächt. Erweckt es doch den Eindruck, als ob seine Wachstumsstrategie hauptsächlich auf einem billigeren Dollar beruhe. Entsprechend harsch waren die ausländischen Kommentare zum kürzlichen Entscheid der US-Notenbank, weitere 600 Milliarden Dollar frisch gedrucktes Geld auf den Markt zu werfen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble brachte die Kritik in einem «Spiegel»-Interview auf den Punkt: «Es passt nicht zusammen, wenn die Amerikaner den Chinesen Wechselkursmanipulationen vorwerfen und anschliessend den Dollar-Kurs mithilfe ihrer Notenpresse künstlich nach unten schleusen.»
Das amerikanische Ansinnen, feste zahlenmässige Höchstmarken für nationale Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite von je 4 Prozent des BIP festzulegen, ist indes bereits vor dem umstrittenen Notenbank-Entscheid am Widerstand Chinas, Deutschlands und verschiedener Schwellenländer gescheitert. Immerhin dürfte am G-20-Gipfel über unverbindliche Richtwerte für die maximalen Leistungsbilanzsaldi gesprochen werden, und dem scheinen sich die Chinesen laut jüngsten Äusserungen von Regierungsvertretern nicht a priori zu verschliessen. Manche Experten werten dies als Fortschritt, weil der allzu enge Fokus auf die Wechselkurse zugunsten eines breiteren Blicks auf die Leistungsbilanzen, als Ergebnis der Wechselkurspolitik, verschoben wird.
Mithilfe einer solchen 4-Prozent-Orientierungsmarke könnten, so jedenfalls die amerikanische Sicht, Wechselkursanpassungen einzelner Länder daraufhin überprüft werden, ob sie tolerierbar sind oder nicht. Kritiker halten dem aber entgegen, es sei ein überaus schwieriges Unterfangen, Leistungsbilanzsaldi alleine über die Wechselkurse steuern zu wollen. Denn natürlich beeinflussen auch Faktoren wie die Wettbewerbsfähigkeit und die Verfügbarkeit von Rohstoffen die länderspezifischen Aussenhandelspositionen.
Zwei Klassen von Grossbanken
Ausserdem wird die G-20 in Seoul die verschärften Kapital- und Liquiditätsvorschriften für Banken (Basel III) absegnen und sich mit den Empfehlungen des Financial Stability Board (FSB) zum «Too big to fail»-Problem befassen. Bei letzterem Thema besteht noch Dissens, weil sich Deutschland, Frankreich und Japan weigern, ihren systemrelevanten Finanzhäusern zusätzliche, über Basel III hinausgehende Kapitalvorgaben aufzuerlegen. Ein G-20-Entscheid dazu soll deshalb laut Medienberichten vertagt werden. Auf der Stelle tritt das FSB ferner in der äusserst komplexen Materie eines international harmonisierten Abwicklungsprozesses für in Konkurs geratene Grossbanken.
Darüber hinaus gibt es offenbar Bestrebungen, die Banken, die ein gesamtwirtschaftliches Klumpenrisiko darstellen, in zwei Klassen einzuteilen: jene mit einer globalen Operationsbasis; und jene, die stark auf ihre Heimmärkte ausgerichtet sind. Letztere, zu denen vornehmlich japanische und chinesische Institute zählen, sollen demnach nur mehr von den nationalen Aufsichtsbehörden überwacht werden. Die Geldhäuser mit internationaler Systemrelevanz, wie etwa die UBS und die Credit Suisse, werden dagegen künftig unter verschärfter Beobachtung internationaler Regulatoren stehen.
Gutheissen werden die Oberhäupter der G-20 sodann die Reform des Internationalen Währungsfonds. Sie wird den aufstrebenden Schwellenländern, zulasten Europas, eine höhere Kapitalbeteiligung am IWF und eine stärkere Vertretung im Exekutivdirektorium sichern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.11.2010, 22:36 Uhr
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2 Kommentare
Typisch USA: sie bestimmen die Politik, führen Krieg in Gegenden, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben und lassen andere dafür bezahlen, statt die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Mit den Worten von Henry C.K. Liu: Die USA produzieren die Dollars und die übrige Welt die Güter, die man damit kaufen kann. Komfortables System, so lang's funktioniert! Antworten
Zinsen runter, Notenpresse anwerfen. Dieses einfallslose und arrogante Spiel mit dem Feuer führte schon unter Greenspan zur Immobilienmarktblase. Die USA sanieren sich auf dem Buckel der Weltwirtschaft und der Schwellenländer mit Währungsmanipulationen und reinem Voodoo-Zauber. Wer eine marode, zunehmend wettbewerbsunfähige Wirtschaft hat und lernunfähig ist, dem bleibt wohl nichts anderes übrig… Antworten
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