In der Falle
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 27.07.2011 58 Kommentare
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David Cameron hat turbulente Wochen hinter sich. Der «News of the World»-Hacker-Skandal hat ihn gezwungen, seine Beziehungen zum Hause Murdoch offenzulegen. Selbst eine Afrika-Reise musste der britische Premierminister vorzeitig abbrechen. Manche sehen deswegen schon seine Tage gezählt. Sie könnten Recht bekommen, allerdings nicht wegen Murdoch, sondern wegen der Wirtschaft. Grossbritannien befindet sich in einer Stagflation.
Stagflation ist die Verschmelzung von Stagnation und Inflation. Es bedeutet somit: Schwaches Wachstum der Wirtschaft bei gleichzeitig hoher Inflation. Genau diese Diagnose trifft derzeit auf die Insel zu: Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt gerade mal 0,2 Prozent gewachsen, im ersten war es gar um 0,1 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig ist die Teuerung über vier Prozent geklettert und hält sich hartnäckig dort. Eigentlich müsste daher die Bank of England deswegen längst die Leitzinsen anheben, doch sie hat bisher zu Recht darauf verzichtet. Höhere Zinsen würden der schwächelnden Wirtschaft den Rest geben und Grossbritannien in eine Rezession stürzen.
Ein Erbe der Finanzkrise
Wie sind die Briten in die Stagflationsfalle geplumpst? Wie in der Schweiz hat in den letzten 20 Jahren die Finanzindustrie die Wirtschaft angetrieben. Ohne die aufblühende City of London wäre Cool Britannia niemals möglich gewesen. Doch die Krise hat diese Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Die Briten wurden von der Krise 2008 unverhältnismässig hart getroffen. Vor allem hatten sie einen Fall UBS auf Stelzen zu verkraften.
Die Royal Bank of Scotland, einst wie die UBS ein Musterknabe, geriet über Nacht in grösste Nöte. Sie befand sich am falschen Ende des Big Short. Bei dieser Mega-Wette wurde am Wallstreet-Kasino darauf gesetzt, ob der amerikanische Immobilienmarkt crasht oder nicht. Zusammen mit AIG gehörte die Royal Bank of Scotland zu den grossen Verlierern, war bankrott und musste de facto verstaatlicht werden. Sie war der spektakulärste, aber keineswegs der einzige Fall. Das Bail-out der Finanzindustrie hat den britischen Staatshaushalt aus dem Lot gebracht. Die Gesamtverschuldung liegt bei rund 70 BIP-Prozent.
Das härteste Sparprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg
Die im vergangenen Mai gewählte konservativ-liberale Regierung von Cameron will das Übel an der Wurzel anpacken. Will heissen: Sie beschloss das härteste Sparprogramm seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Ihr Plan dabei: mit Sparen die Finanzmärkte ruhig und damit die Zinsen tief zu halten und gleichzeitig eine neue Industrialisierung Grossbritanniens einzuleiten. Das mit den Zinsen hat geklappt. Grossbritannien segelte bisher im Schatten der Eurokrise und des Dollardebakels mehr oder weniger unbehelligt durch die Rating-Stürme der vergangenen Monate.
Das mit der Reindustrialisierung ist in die Hosen gegangen, und zwar gründlich. Im Mutterland der industriellen Revolution ist der Anteil des zweiten Sektors auf zwölf Prozent des BIP geschrumpft. 1990 war er noch doppelt so gross. Die Regierung Cameron will deshalb das Steuer herumwerfen und in den Midlands der Industrie neues Leben einhauchen. «Britain must make things again», lautet der Slogan.
Regungslose Midlands
Die Voraussetzungen wären gut, das Pfund hat wegen der grossen Staatsschuld massiv an Wert eingebüsst. Doch in den Midlands bewegt sich bisher gar nichts. Im Gegenteil: Bombardier gab kürzlich bekannt, in Derby eine Fabrik zu schliessen und 1400 Jobs zu streichen. Der kanadische Mischkonzern hatte eine Ausschreibung für neue Züge gegen Siemens verloren. Dass dabei ausgerechnet die Deutschen diesen Auftrag erhalten haben, hat die britische Volksseele empfindlich getroffen und die Popularität der Regierung nicht unbedingt erhöht.
Bisher hat das schwache Pfunde der britischen Industrie nicht genützt. Umgekehrt hat es dafür gesorgt, dass die Importe massiv teurer geworden sind, vor allem Rohstoffe wie Öl. Deshalb bleibt die Teuerung nach wie vor hoch und stecken die Briten nach wie vor in der Stagflations-Falle. Was für die Regierung Cameron besonders bitter ist: Derzeit bräuchte es ein Wunder, um daraus zu entkommen. Ein solches Wunder ist aber weit und breit nicht in Sicht.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2011, 13:39 Uhr
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58 Kommentare
Ich bin doch immer wieder erstaunt, wie viele "Experten" sich auf den Kommentarseiten des "Tagi" tummeln...! Es ist unglaublich, was ich da alles dazulernen kann; auch der Unterhaltungswert kommt dabei nicht zu kurz! Ich bin schlicht und ergreifend begeistert!! Antworten
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