Wirtschaft

«In Spanien tickt die Zeitbombe»

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman malte am «Swiss Economic Forum» in Interlaken ein düsteres Bild für den weiteren Verlauf der Krise in Europa.

«Eurokrise ist die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft»: Paul Krugman am Swiss Economic Forum SEF.

«Eurokrise ist die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft»: Paul Krugman am Swiss Economic Forum SEF.

Der Auftritt des Starökonomen und Nobelpreisträgers Paul Krugman hat den bisherigen Höhepunkt am Swiss Economic Forum SEF in Interlaken gebildet. Krugman machte klar, dass er die Weltwirtschaftskrise noch nicht für ausgestanden hält, sie befinde sich bloss in einer späteren Phase. Immerhin sei die Arbeitslosigkeit in allen grossen Wirtschaftsräumen noch auf Rekordhöhen. Selbst in den USA würde sie sich bei einem Beibehalten der Tiefzinspolitik erst wieder auf ein normales Niveau zurückgebildet haben, «wenn die Präsidentschaft von Sarah Palin in die Halbzeit kommt», erklärte er scherzend, um die lange Dauer auszudrücken.

Spanier müssen die Löhne senken

Seinen Vortrag widmete der Nobelpreisträger zum grössten Teil der Krise in den Euroländern. Das Thema hat der Amerikaner nicht gewählt, weil er sich gegenwärtig auf dem Kontinent aufhält: «Die Krise in Europa stellt die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft dar», hielt Krugman fest. Seine Prognosen für deren weiteren Verlauf sind äusserst düster: Die gefährlichste Zeitbombe für den Euroraum ticke nicht im wirtschaftlich unbedeutenden Griechenland, sondern in Spanien. Damit das Land der Krise wieder entrinnen könne, müssten die Löhne dort um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden. Eine solche Rosskur hält Krugman für äusserst unrealistisch und das liege nicht an den weniger flexiblen Arbeitsmärkten der Europäer: «Das wäre auch auf den brutal flexiblen Arbeitsmärkten der USA nicht zu machen.»

Das eigentliche Grundproblem ortet Krugman im Konstrukt der Währungsunion selbst. Anders als Griechenland habe der spanische Staat seine Finanzen vor der Krise durchaus im Griff gehabt. Der Immobilienboom in den Jahren zuvor habe aber die Preise generell steigen lassen und auch zu Kapitalimporten geführt. Hätte Spanien eine unabhängige Währung gehabt, hätte diese sich daher aufgewertet, das wiederum hätte den Preisauftrieb und die Immobilienblase gebremst. Doch Spanien ist Teil des Euroraums. Die ökonomisch richtige Antwort auf die Krise wäre jetzt eine Abwertung einer eigenen Währung. Doch dies ist wegen dem Euro wiederum nicht möglich.

Rettungspaket löst die Probleme nicht

Das von der EU zusammen mit dem IWF geschnürte Rettungspaket für die Euroländer wird dieses Grundproblem laut Krugman nicht lösen. Auch die Hilfe für Griechenland werde das Balkanland nicht vor dem Konkurs bewahren können. Eine Ansicht, die am SEF auch andere von DerBund.ch/Newsnet befragte Ökonomen teilen. Die Schulden des Landes würden bis 2015 trotz der Hilfe gemäss Prognosen des Internationalen Währungsfonds auf 140 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ansteigen: «Ich sehe nicht, wie es gehen soll, dass sich Griechenland dann wieder auf den Kapitalmärkten verschulden kann», sagt der Nobelpreisträger.

Ein Austritt von Griechenland aus dem Euro würde zwar möglicherweise zu einer Bankenkrise führen; wie in Argentinien, als das Südamerikanische Land seine feste Bindung an den Dollar aufgegeben hat. Doch eine solche Entwicklung hält Krugman auch ohne Euroaustritt für möglich. Er gibt zu bedenken, dass Argentinien immerhin im Anschluss an seine Krisenzeit wieder eindrückliche Wachstumsraten gesehen hat. Auf die Frage durch DerBund.ch/Newsnet nach seinem Vortrag , ob er einen Austritt von Griechenland aus dem Euro empfehlen würde, gab sich Krugman zurückhaltend. Er halte es für möglich, dass es dazu kommen könnte, mache sich aber keine Illusionen über die Probleme, die das unmittelbar zur Folge hätte.

Schweiz auch «kein optimaler Währungsraum»

Die Euroländer würden laut Krugman keinen «optimalen Währungsraum» bilden, in dem laut ökonomischer Theorie eine einheitliche Währung funktionieren könne. Das würde unter anderem voraussetzen, dass Arbeitslose aus Ländern mit einer Rezession in solche mit einer Hochkonjunktur wandern. Alleine wegen den Sprachgrenzen finde das kaum statt. «Auch die Schweiz ist kein optimaler Währungsraum» hielt Krugman ergänzend fest. Auch hierzulande findet die Wanderung der Arbeitskräfte bei einem unterschiedlichen Konjunkturverlauf kaum statt. Doch die Schweiz habe eine Fiskalpolitik, die alle Kantone erfasst und kann damit für einen Ausgleich sorgen. Das führt Krugman auch zum oft gemachten Vergleich von Griechenland mit dem US-Bundesstaat Kalifornien an, der ebenfalls stark verschuldet ist: «Dort wird die Nachfrage durch Zahlungen aus Washington gestützt», sagt der Nobelpreisträger.

Die Lösung für Europa müsste nach Krugman einerseits in einer stärkeren fiskalischen Koordination liegen und vor allem in einer expansiveren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB: «Die EZB müsste eine Inflation von 4 bis 5 Prozent anstreben». Damit wäre es auch weit einfacher einen realen Lohnabbau zum Beispiel in Spanien möglichst schmerzfrei zu bewerkstelligen. Allein mit einem nominalen Nullwachstum der Löhne über vier Jahre würden die Reallöhne ebenfalls um 20 Prozent sinken. Das wäre aber weit einfacher politisch durchsetzbar als entsprechende Nominallohnsenkungen. Krugman sieht allerdings keine Anzeichen für eine solche Politik bei der EZB. Im Gegenteil würde momentan überall von Inflationsgefahr gesprochen. Tatsächlich sieht hier Krugman keine Gefahren. Das wahre Problem sei die Arbeitslosigkeit. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2010, 17:42 Uhr

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