Wirtschaft

Simon Schmid
Reporter Wirtschaft


«Hellas Angels» vs. «Austerity Now»

Aktualisiert am 10.05.2012 34 Kommentare

Europa liebäugelt damit, Griechenland aus der Eurozone zu entlassen. Was wären die Folgen? DerBund.ch/Newsnet zeigt ein Wunsch- und ein Schreckensszenario auf.

Der Euro-Austritt steht zur Debatte: Akropolis vor wolkigem Himmel.

Der Euro-Austritt steht zur Debatte: Akropolis vor wolkigem Himmel.
Bild: Keystone

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«Wir wollen, dass Griechenland in der Eurozone bleibt»: So lautete Wolfgang Schäubles Credo noch im November. Doch inzwischen hat die Krise eine neue Eskalationsstufe erreicht. Griechische Parteien wollen das Sparprogramm aufkündigen, hinter der Euromitgliedschaft steht ein grosses Fragezeichen. Jetzt spricht der deutsche Finanzminister mit verändertem Unterton: «Griechenland entscheidet selbst, ob es in der Eurozone bleibt oder nicht».

Schäubles Haltung scheint symptomatisch: Griechenlands mögliches Ausscheiden löst bei manchem Politiker nur noch Achselzucken aus. Eine Grundannahme gerät damit ins Wanken – nämlich jene, dass Europa den Austritt eines Eurolandes um jeden Preis verhindern wird. Aber findet Griechenland mit der Wiedereinführung der Drachme tatsächlich auf die Erfolgsstrasse zurück?

Wir haben in Gedanken durchgespielt, was die Rückkehr zur Drachme bedeuten könnte. Herauskristallisiert haben sich zwei fiktive Szenarien: Eines, das in Griechenland keine Wünsche mehr offen lässt – und eines, vor dem es selbst abgebrühten Eurogegnern grauen muss.





 
«Hellas Angels»

Sicher ist: Griechenland muss beim Austritt aus der Eurozone sofort den Bankrott erklären. Denn die Schulden des Landes lauten in Euros. Aktuell betragen sie rund 280 Milliarden Euro. Weil Griechenland nach dem Austritt abwerten muss, erhöht sich der Wert der Schulden umgerechnet in die neue Drachme schlagartig und wird dadurch erst recht unbezahlbar.

Die Umstellung auf eine Parallelwährung zum Euro gelingt den Griechen jedoch fliessend; und die Welt hält ihren Zorn im Zaum. Europa, China und die USA gründen zusammen mit dem IWF und der Weltbank die «Hellas Angels»: einen Club, der die griechische Wirtschaft wieder auf Touren bringt und Investitionen ins Land pumpt. Als Dank für die neu geschaffenen Jobs liberalisiert Griechenland seine Wirtschaft. Diese ist dank der Abwertung wieder wettbewerbsfähig. Nach dem Vorbild der Coca-Cola Hellenic Bottling Company – sie versorgt halb Europa mit abgefüllten Soft Drinks – nutzen weitere Multis die Gunst der Stunde für günstige Investitionen. Derweil halten sich die Importeure an die Beschränkungen, die ihnen beim Geldwechsel in Euros auferlegt sind.

Die internationalen Geldgeber zeigen sich auch gegenüber Staat und Banken milde. Griechenland erhält zu günstigen Konditionen frischen Kredit. Emporiki, Atebank und Konsorten werden verstaatlicht und fungieren als Zweigstellen der griechischen Zentralbank. Denn auch für diese Institute gilt: Der Euroaustritt ist unweigerlich mit dem Bankrott verbunden. Grund dafür ist die Schieflage in der Bankbilanz – die griechischen Immobilien- und Geschäftskredite sind mit der Drachme nur noch halb so viel wert – sowie die einsetzende Kapitalflucht verunsicherter Sparer.

Um einem Dominoeffekt entgegenzuwirken, einigt sich Europa auf ein universales Bankenrettungsmodell. Gemäss dem amerikanischen Vorbild steht nun die Gemeinschaft für insolvente Finanzinstitute gerade. Ähnlich wie es die USA während der Finanzkrise mit dem Tarp-Programm taten, zwingt Europa sämtliche Banken, staatliche Kapitalspritzen anzunehmen. Mit einer weiteren Runde LTRO-Krediten sorgt die EZB zudem für unlimitierte Liquidität im System. Weil das Vertrauen ins Finanzsystem gewährleistet ist, halten auch französische und spanische Banken den Schockwellen stand.

Um dieses Szenario zu verwirklichen, erbringt die deutsche Regierung ein letztes Opfer – Angela Merkel bezahlt Griechenlands Euro-Ausstieg mit der Abwahl. Dafür verbringt der neue Kanzler Steinbrück seine Sommerferien demonstrativ auf Kreta, und weckt damit auch bei seinen Landsleuten die Lust auf Strandferien zum halben Preis.
«Austerity Now»

Die Währungsumstellung gestaltet sich schwieriger als von der Politik angenommen. Griechenlands Finanzinstitute und -ministerien scheitern beim Versuch, die Euroeinführung – die praktischen Arbeiten nahmen immerhin rund drei Jahre in Anspruch – innerhalb eines Wochenendes rückgängig zu machen. Gerüchte verbreiten sich und es kommt bereits im Vorfeld zu einem massiven Ansturm auf Bankschalter und Automaten.

Die Finanzwelt erlebt einen weiteren Lehman-Moment. Nach dem Bankrott des griechischen Staats mitsamt der hellenischen Banken schiessen die Renditen auf spanische, italienische und französische Anleihen in die Höhe. Keine der europäischen Banken vertraut der anderen mehr. Eine drohende Kreditklemme legt die Konjunkturaussichten in Europa vollends lahm.

Für die Griechen erweist sich die Währungsabwertung als eigentlicher Rohrkrepierer. Es geht ihnen ähnlich wie der Ukraine, die bei der Loslösung vom Rubel in den Neunzigerjahren massive Preissteigerungen erlebte. Anstelle der angestrebten 40 Prozent verlieren griechische Devisen über 90 Prozent ihres Werts. Denn die Anleger scheuen sich, in eine Währung mit ungewisser Zukunft zu investieren. Um die Renten, Gehälter und Sozialleistungen seiner verarmten Bürger auszuzahlen, verlegt sich der Staat aufs einzige Mittel, das ihm bleibt: die Notenpresse. Um zu überleben, verlangen auch Geschäfte immer höhere Preise; eine Inflationsspirale kommt in Gang.

Derweil leistet der Export – Medikamente, Öl, Textilien und andere Güter im Umfang von rund 20 Prozent des BIP – nicht den erhofften Beitrag zur Erholung. Die tiefen Preise allein genügen nicht: Es fehlen die innovativen Produkte, um sich am Markt durchzusetzen. Aus Ärger über den Ausstieg erschweren die Handelspartner griechischen Unternehmen den Marktzugang. Auch den Touristen vergeht die Lust auf Zaziki und Moussaka nach all den Wirren, die der Ausstieg über Europa gebracht hat.

Schliesslich muss der Staat die harten Sparprogramme aus der Eurozeit weiterführen. Ohne Überbrückungskredite durch EU, IWF und EZB heisst es für Griechenland erst recht «Austerity Now». Anders geht es gar nicht, das sehen nun auch die neuen Parteien am Ruder ein. Anstelle des erhofften Wirtschaftswachstums schrumpft die Wirtschaft weiter – nur dass inzwischen auch das Vermögen griechischer Bürger auf ein Minimum geschrumpft ist.

Ökonomen aus Universitäten, Banken und Finanzministerien rechnen aktuell nicht mit einem Euro-Ausstieg von Griechenland. Sie beziffern die Kosten und Risiken eines Ausstiegs überwiegend als zu gross im Vergleich zum Nutzen, den ein solcher Schritt der Eurozone und vor allem den Griechen selbst bringen würde. Kapitalsperren wären nötig, das Finanzsystem müsste Hals über Kopf umgerüstet werden.

Aufschlussreich ist eine Berechnung der UBS: Sie gibt die Kosten eines Ausstiegs mit 11'500 Euro pro Einwohner des ausscheidenden Landes an – im ersten Jahr. In den Folgejahren wären nochmals 4000 Euro pro Einwohner nötig. Damit sich dieser Aufwand lohnt, müssten jedoch alle involvierten Nationen und Institutionen mitspielen: Soll Griechenland ausserhalb der Währungsunion prosperieren, braucht es weiterhin finanzielle Hilfe und Goodwill von aussen.

Die Eurozone müsste weitere Integrationsschritte vollziehen – sei dies in Form von erweiterten Rettungsfonds, vergemeinschafteten Schulden oder gleich durch die Schaffung einer Transferunion. In diesem Fall aber würde der Euro-Austritt Griechenlands jedoch wieder überflüssig. Womit sich die Frage, ob Europas Sorgenkind mit einer eigenen Währung besser dran wäre, eigentlich erübrigt.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2012, 16:42 Uhr

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34 Kommentare

Ralph Geh

10.05.2012, 17:00 Uhr
Melden 76 Empfehlung 0

Wie auch immer: Die, die heute fast nichts haben, werden am Schluss gar nichts mehr haben. Die heute schon haben, werden auch in Zukunft haben (und noch mehr). Ein mögliches, vielleicht sogar realistisches Szenario der Schweizer Entwicklung im Zeitraffer vor unserer Haustür. Antworten


Gerdi Meier

10.05.2012, 18:04 Uhr
Melden 24 Empfehlung 0

Bei der Variante «Austerity Now» haben Sie die Möglichkeiten vergessen, die auch Amerika nutzt. Sie beginnt, gestützt auf eine Lüge einen oder ein paar Kriege, stiehlt das Öl, fördert die eigenen Wirtschaft und beutet das Land und die Menschen die es "befreit", über Jahrzente bis aufs Blut aus. Dann beginnt es von neuem mit Krieg, Wiederaufbau, Ausbeute, Krieg, Wiederaufbau, Ausbeute... Antworten



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