Wirtschaft

Gespenst der Stagflation geht um

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 03.02.2011 38 Kommentare

Die immer teureren Rohstoffe lassen das Schreckgespenst der 1970er-Jahre wieder aufleben: Eine hohe Inflation bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit. Das Thema betrifft Ägypten genauso wie die USA.

Die hohen Rohstoffpreise wecken böse Erinnerungen: Autofreie Sonntage im Jahr 1973 als Ausdruck der Ölkrise.

Die hohen Rohstoffpreise wecken böse Erinnerungen: Autofreie Sonntage im Jahr 1973 als Ausdruck der Ölkrise.
Bild: Keystone

Stagflation und die giftige Medizin dagegen

Normalerweise wird eine Inflation von der Gesamtnachfrage getrieben: Dem Konsum, den Exporten, den Investitionen und den Staatsausgaben. Ausser den Staatsausgaben werden alle Komponenten der Gesamtnachfrage von der Geldpolitik beeinflusst. Ist sie besonders locker, steigt die Gesamtnachfrage und umgekehrt. Überschäumt sie sogar, führt das zu Inflation.

Die Medizin dagegen ist daher vor allem eine restriktivere Geldpolitik: Die Notenbanken müssen die Leitzinsen anheben und damit die Geldmenge reduzieren. Damit wird der Wirtschaftsmotor gebremst. Da das aus einem Boom heraus nötig wird, tut das nur mässig weh. Ganz anders bei einer Stagflation. Hier entsteht die Inflation nicht durch ein Zuviel an Gesamtnachfrage, sondern vonseiten der Kosten. Die hohen Öl- und Rohstoffpreise verteuern die Produktion, was zu höheren Preisen führt. Dadurch sinkt die reale Geldmenge (weil die Kaufkraft des Geldes abnimmt), weshalb auch die Gesamtnachfrage zurückgeht und damit die Produktion. Die hohen Preise treten jetzt in Kombination mit einer Stagnation auf.

Obwohl die Preise in der Stagflation durch höhere Kosten ausgelöst wurden, fordern die Beschäftigten in dieser Situation meist ebenfalls einen Ausgleich für die Teuerung, der aber die Kosten noch weiter erhöht und die Wirtschaft weiter einbrechen lässt. Das Phänomen ist als Lohn-Preis-Spirale in die Geschichte eingegangen. Gebrochen wurde dieser Teufelskreis nach den 70er-Jahren in den USA durch die berühmte extrem restriktive Geldpolitik des damaligen Notenbankchefs Paul Volker, die die Wirtschaft radikal einbrechen liess. Nur so ist es ihm gelungen, die hohen Inflationserwartungen, die sich dadurch laufend bestätigten, zu brechen. Die Folge war eine anfänglich noch höhere Arbeitslosigkeit, dafür aber eine wieder deutlich sinkende Inflation.

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Das Frühstück für die Weltbevölkerung wird immer teurer. Gestern hat der Zuckerpreis den höchsten Wert seit dreissig Jahren erreicht. Kaffee kostet je nach Sorte zwischen 70 und 90 Prozent mehr als vor Jahresfrist, Mais knapp 84 Prozent mehr. Deutliche Preissteigerungen zeigen sich auch bei weiteren Rohstoffen wie Baumwolle mit einem Anstieg von 160 Prozent innert Jahresfrist oder Metallen wie Kupfer (53 Prozent) und Palladium (207 Prozent). Durch die Unruhen in Ägypten besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten ist der Ölpreis, dessen europäische Sorte Brent die 100-Dollar-Marke pro Fass durchschlagen hat und momentan knapp 103 Dollar kostet.

Das weckt Erinnerungen an den Sommer 2008 und die Ängste, die damals aufgekommen sind. Man erinnert sich: Schon damals stiegen viele Rohwarenpreise auf Rekordwerte. Besonders beunruhigend wirkte der Anstieg des Erdölpreises. Sowohl jener der Sorte Brent, wie jener der amerikanischen Sorte WTI notierten damals bei rund 150 Dollar pro Fass. Das Schreckenswort «Stagflation» machte die Runde. Damit ist die ungewöhnliche Wirtschaftslage gemeint, bei der gleichzeitig eine hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Inflation auftritt.

Die 1970er-Jahre als Warnung

Der Preisauftrieb der Rohstoffe hat gleich mehrere Gründe, über deren relative Bedeutung keine Einigkeit vorherrscht: Auf der Angebotsseite belasten vor allem die verheerenden Umweltverhältnisse – momentan besonders jene in Australien – sowie Ängste um die politische Stabilität in wichtigen Regionen wie – im Falle von Öl – im Nahen Osten. Auf der Nachfrageseite drücken der noch immer steigende Bedarf aufstrebender Volkswirtschaften, sowie Käufe aus spekulativen Gründen (auch zur Absicherung vor einer weiteren Verteuerung) den Preis nach oben. Immer wieder genannt wird auch die lockere Geldpolitik vor allem in den USA. Die dort geschaffene Liquidität würde direkt in Rohstoffanlagen fliessen oder in die aufstrebenden Volkswirtschaften und dort generell zur weiteren Überhitzung der Wirtschaft und damit zur Teuerung beitragen.

Wie problematisch eine Stagflation ist, wird klar, wenn man sich an die 1970er-Jahre zurück erinnert, als sie zum letzten Mal weltweit aufgetreten ist. Als wichtigste Ursache galt auch damals ein dramatischer Anstieg der Erdölpreise. Sie sind in der Folge der Nahostkonflikte und eines Boykotts durch die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) in die Höhe geschossen. Inflation ist nie eine erfreuliche Sache, doch gewöhnlich tritt sie immerhin im Zusammenhang mit einer überschäumenden Wirtschaftslage auf, im Falle einer Stagflation dagegen mit einer Stagnation. Zudem kann ihre Bekämpfung Massnahmen erfordern, die die Lage anfänglich sogar noch verschärfen (siehe Infobox). Gewöhnlich ist die Teuerung das Ergebnis einer zu grossen Gesamtnachfrage; in einer Stagflation geht sie auf Kostensteigerungen zurück, die sich wiederum einer Verteuerung wichtiger Rohstoffe wie Erdöl verdanken.

Arme Länder leiden besonders

Besonders hart betroffen von einer Stagflation sind ärmere Länder. Ägypten ist dafür ein Paradebeispiel. Die Inflation in diesem Land beträgt aktuell rund 11 Prozent. Die offizielle Arbeitslosigkeit wird auf knapp 10 Prozent geschätzt. Da rund 40 Prozent der Ägypter von einem Einkommen von umgerechnet unter 2 Dollar pro Tag leben und den grössten Teil davon für Lebensmittel ausgeben, dürfte die Verteuerung der Nahrungsmittel deutlich stärker spürbar sein, als es die offiziellen Inflationsdaten ausweisen. Ausserdem fehlt armen Ländern ein vergleichbares Absicherungsnetz im Fall von Arbeitslosigkeit, wie es in reichen Ländern üblich ist.

Aber selbst in entwickelten Ländern wird Stagflation zunehmend zum Thema. Zum Beispiel in Grossbritannien. Das Land musste für das vierte Quartal überraschend einen Rückgang des Wachstums von einem halben Prozent bekannt geben. Obwohl die dortige Zentralbank fest mit dem Gegenteil gerechnet hat, hat sich die Inflation im Dezember auf 3,7 Prozent erhöht – weit über den 2 Prozent, die man auch in Grossbritannien noch für tolerierbar hält. Ähnliche Ängste werden auch zur USA geäussert. So hat Andreas Höfert, der globale Chefökonom der UBS, in einem Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet erklärt, dass er auch in den USA bald mit einer steigenden Inflation rechne, während die Arbeitslosigkeit dort noch lange ausserordentlich hoch bleiben werde. (Siehe Artikel zum Thema)

Ein Gemisch für soziale Unruhen

Selbst im noch immer wirtschaftlich heiss laufenden China droht ein Szenario dieser Art. Vor allem dann, wenn China die Wirtschaft durch einen weiteren Anstieg der Leitzinsen, Massnahmen zur Begrenzung der Kredittätigkeit der Banken und letztlich durch eine Aufwertung der Landeswährung bewusst ausbremst, um den bereits gefährlich hohen Preisauftrieb zu stoppen. Steigt als Folge solcher Massnahmen die Arbeitslosigkeit rasch an, ohne dass an der Preisfront genügend schnell eine Beruhigung eintritt, ist das ein Gemisch für soziale Unruhen. Der UBS-Chefökonom sieht daher von der Entwicklung in China die grössten Gefahren für die Weltwirtschaft ausgehen.

Die Angst vor einer Stagflation haben sich zumindest im Jahr 2008 als unbegründet herausgestellt. Der Grund war die Finanzkrise, die nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers die Weltwirtschaft für einige Monate massiv ausgebremst hat. Die überall einbrechende Gesamtnachfrage hat auch die Rohstoffpreise drastisch abstürzen lassen. Die Furcht vor einer Inflation wechselte fast innert Tagen in jene vor dem Gegenteil: einer Deflation. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2011, 14:37 Uhr

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38 Kommentare

Hans Mueller

03.02.2011, 23:59 Uhr
Melden 2 Empfehlung

@Zumthür: Auch wenn Frau Binsberger's System vielleicht nicht funktioniert, sehen doch alle, dass mit dem aktuellen System ein paar Dinge absolut nicht in Ordnung sind. Es darf doch erlaubt sein darüber nachzudenken den heiligen Kapitalismus zu überarbeiten ohne gleich als Träumer bezeichnet zu werden? Antworten


Urs Brock

03.02.2011, 17:59 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Oh dieses Foto mit der leeren Autobahn. Wie ich mir diese Autofreien Wochenende manchmal Wünsche. Muss toll gewesen sein damals, keine Autos auf den Strassen. Für einen Tag pro Monat ein Stück Freiheit der anderen Art. Antworten



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