«Gerber hatte stets ein offenes Ohr»
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 01.09.2010
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Beurteilt die Leistung des abtretenden Seco-Chefs kritisch: Daniel Lampart, SGB-Chefökonom.
Rücktritt von Jean-Daniel Gerber
Nach sieben Jahren an der Spitze des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) tritt Jean-Daniel Gerber auf Ende März 2011 zurück. Der 64-Jährige unterbreitete Wirtschaftsministerin Doris Leuthard am Dienstag sein Rücktrittsschreiben, wie das SECO am Mittwoch mitteilte. Gerber machte in seinem Schreiben keine Angaben darüber, ob er in Pension geht oder eine neue berufliche Herausforderung annimmt. Beim SECO hiess es lediglich, dass Gerbers Rücktritt fünf Monate vor dem 65. Geburtstag in Zusammenhang mit seiner Zukunftsplanung stehe. An der Spitze des SECO steht Gerber seit April 2004. Davor hatte er von 1998 bis 2003 das damalige Bundesamt für Flüchtlinge geführt. Zwischen 1993 und 1997 hatte er bei der Weltbank als Exekutivdirektor gewirkt. In den Bundesdienst eingetreten war der bilingue aufgewachsene Gerber im Jahr 1973 als Experte für Entwicklungsfragen. Gerber ist studierter Volkswirt und erhielt 2008 von der Universität Bern die Ehrendoktorwürde.
Wie beurteilen sie gesamthaft die Arbeit von Jean-Daniel Gerber als Seco-Chef?
Herr Gerber war stark in den Aussenwirtschafts-Dossiers. Er hat dann aber mehr und mehr erkannt, dass das Binnenwirtschafts-Dossier und der inländische Arbeitsmarkt auch wichtig sind. Bei seiner Arbeit im Seco hat er dazugelernt und ein Verständnis für diese Belange entwickelt.
Was hat ihn dazu gebracht?
Es galt zu erkennen, dass eine wirtschaftliche Öffnung des Landes – wir sprechen hier vor allem von der Personenfreizügigkeit – nur zu haben ist, wenn man der Bevölkerung klar macht, dass breite Schichten davon profitieren können und auf der anderen Seite Massnahmen wie zum Beispiel die Bekämpfung von Lohndumping angepackt werden.
Wie hat er die Wirtschafts- und Finanzkrise gemeistert?
Gerber hat gemerkt, dass wir in einer ausserordentlichen Situation stehen und dass es zur Bewältigung ausserordentliche Massnahmen braucht. Zwar hat er hier keine führende Rolle gespielt. Er hat es aber immerhin eingesehen, konnte es nachvollziehen und setzte sich schliesslich auch für die Massnahmen ein.
Welche Massnahmen sprechen Sie an?
Ich meine die ganzen Konjunkturstützungsmassnahmen. Hier war ja zu Beginn beim Seco betriebsbedingt grosse Skepsis. Das Staatssekretariat für Wirtschaft verfolgt ja eine wirtschaftsliberale Politik. Das auch mit der Zusammenführung der früheren Bundesämter Bawi (Aussenwirtschaft) und Biga (Industrie, Gewerbe und Arbeit) zum Seco zu tun. Hier dominiert ersteres. Wobei das nicht ein Vorwurf an die Adresse Gerbers ist.
Was hat Gerber gut gemacht?
Gerber hatte ein offenes Ohr und konnte gut zuhören. Das meine ich nicht nur aus Sicht der Gewerkschaften. Er hatte auch eine gewisse Sensibilität für die Probleme der einfachen Bevölkerung. Er war kein Ideologe.
Was hat er nicht gut gemacht?
Er hat die liberale Aussenwirtschaftspolitik des Seco mitgetragen, wenn nicht zu sagen ermöglicht. Im Seco wurden die Themen Freihandelsverträge, WTO-Verhandlungen oder auch die ganze Cassis-de-Dijon-Sache mit höchster Priorität behandelt. Zu kurz kamen dabei Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit, und ich meine damit auch die versteckte Arbeitslosigkeit, sowie gewisse soziale Missstände.
Was muss der künftige Seco-Chef mitbringen, damit die Wirtschaft weiter vorankommt?
Er muss ein gutes ökonomisches Wissen haben und ein aufgeklärter ökonomischer Geist sein. Er muss selber denken können und nicht einfach ideologischen Vorgaben folgen. Er muss auch sehen, dass wir in der Schweiz grössere Probleme zu lösen haben. Ich spreche von Arbeitslosigkeit und äusserst tiefen Löhnen in gewissen Branchen.
Lässt sich diese Person finden?
Finden kann man diese Person schon. Allerdings kommt es auf die Zusammensetzung des Bundesrats an und auch, wer schliesslich das Volkswirtschaftsdepartement übernimmt. Hier ist ja noch alles im Fluss. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2010, 17:22 Uhr
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