Wirtschaft

«Genf würde wohl Hollande wählen»

Interview: Peter Wälty. Aktualisiert am 22.04.2012

Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève», über Nicolas Sarkozy, den Favoriten François Hollande und die Konsequenzen eines sozialistisch regierten Frankreichs für die Schweiz.

Auf dem Weg nach oben: François Hollande mit seiner Lebensgefährtin.

Auf dem Weg nach oben: François Hollande mit seiner Lebensgefährtin.
Bild: AFP

Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève» (Bild: SF)

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Herr Ruetschi, die Franzosen waren ja wirklich nicht zu beneiden: Zur Wahl standen der unbeliebteste Präsident der Fünften Republik, ein farbloser Linkspopulist, eine Rechtsradikale, ein Linker, dem die Linke zu rechts ist und ein Zentrumsmann einer Kleinpartei. Nun hat der Linkspopulist die Vorwahl gewonnen. Wen soll man zum Präsidenten wählen?
(lacht) Das Abstimmungsverhalten der Franzosen war stark beeinflusst durch eine tiefe Abneigung gegen Nicolas Sarkozy. Er hat hat zu viele Versprechen gemacht und zu wenige gehalten. Er hat den Wandel angekündigt. Und es hat einen Wandel gegeben - aber einen zum Negativen.

Nicolas Sarkozy wird aber bei der Finanzkrise allgemein ein schneller und richtiger Reflex attestiert. Er hat Frankreich einigermassen unbeschadet durch die Krise gebracht.
Das stimmt. Er hat Frankreich vor der Wirtschaftskrise bewahrt. Aber die Franzosen selbst leiden trotzdem stark unter seiner Wirtschaftspolitik. Die Arbeitlosigkeit ist angestiegen. Aber auch bei François Hollande stellt sich die Frage: Sein Wirtschaftsprogramm ist schwach. Er will das Rentenalter von 62 Jahren wieder auf 60 senken und in den Beamtenapparat investieren. Das könnte zu einem Problem werden.

Die Franzosen wollen ja vor allem eines: Alles ausser Sarko.
Das Problem von Sarkozy ist sein Stil. Seine Hyperaktivität, seine Aggressivität und seine Wankelmütigkeit. Ihm fehlte die Kohärenz in seiner Politik. Das kam Hollande zu Gute. Hollande selbst wiederum hat von Dominique Strauss-Kahns Niedergang profitiert. Er selbst ist ein Low-Profile-Politiker. Er gilt als „candidat ordinaire“. Am Anfang seiner Kampagne war er sehr überzeugend. Aber profitiert hat er letztlich vor allem vom Anti-Sarkozy-Reflex. Die Frage ist: Hat er das Format zum Präsidenten?

Was muss Sarko in den nächsten zwei Wochen machen, wenn er eine Chance haben will?
Es wird sehr schwierig werden. Sarkozy braucht ein Ereignis, das die Dynamik beeinflusst. Er braucht die Stimmen von François Bayrou und von der Rechten, von Marine Le Pen. Und genau das ist ein Widerspruch. Hollande hingegen wird ganz einfach von der Linken profitieren. Von Jean-Luc Mélanchon vom Front de Gauche werden mehr Stimmen zu Hollande gehen, als von Marine Le Pen zu Sarkozy. Das heisst: Sarkozy muss in der zweiten Runde thematisch in Richtung Zentrum gehen, ohne die «Lepénistes» zu vergessen. Das bedeutet ein Spagat.

Wird der Zentrumsmann François Bayrou also zum Königsmacher?
Kaum, Bayrou wird an sich wohl zu wenig Stimmen erhalten. Und er hat erklärt, er wolle keinesfalls in die Sarkozy-Kampagne einspringen.

Wen wählen die französischen Nachbarn der Genfer, die Haute-Savoie? Die Grenzgänger?
Das sind zum grossen Teil konservative Wähler, die wählen wohl merheitlich UMP, also Sarkozy. Es ist ein traditionelles Frankreich, relativ vermögend.

Wen würden die Genfer selbst wählen, wenn sie könnten?
Heute würden sie wohl François Hollande wählen. Das ist aber eine reine Vermutung. Denn Sarkozy hat auch die Genfer enttäuscht. In der Affäre um illegale Parteispenden der L'Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt war auch Genf betroffen. Ausserdem zeigte er wenig Interesse für die Schweiz.

Was würde Hollande für die Schweiz bedeuten oder präziser für das Genfer Bankgeschäft?
Durchaus denkbar, dass er der Schweiz grössere Probleme bereitet. Aber das hat vor ihm schon der französische Sozialist Arnaud Montebourg (Abgeordneter des Departements Saône-et-Loire und Mitglied des Justizausschusses, Anm. der Red.) gemacht. Und unter Sarkozy war es nicht wirklich besser. Es würde wohl wenig Unterschied machen. Frankreich hat Probleme mit der Verschuldung und muss Steuerfragen offensiv angehen.

Was würde ein sozialistisch regiertes Frankreich für Genf und die Waadt bedeuten? Rechnen Sie mit verstärkter Kapitalflucht, mit einem Exodus der reichen Franzosen?
Das ist durchaus möglich. Denn mit dem Doppelbesteuerungsabkommen ist das Interesse der reichen Franzosen am Bankenplatz Schweiz zurückgegangen. Denkbar, dass sie nun ganz in die Schweiz auswandern.

Was glauben Sie, wie reagieren die Börsen am Montag?
Vorstellbar, dass die französische Börse Schwäche zeigt. Denkbar aber auch, dass Frankreich Hoffnung schöpft.

Bitte um eine Prognose: Wer gewinnt die Stichwahl am 6. Mai?
Ganz klar hat François Hollande die besseren Chancen die Stichwahl zu gewinnen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.04.2012, 21:46 Uhr

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