Geheimoperation Zypern

Strikte Geheimhaltung, kleiner Kreis von Eingeweihten, Wille zum grossen Schlag: Wie der Plan zur Enteignung der zypriotischen Bankkunden überhaupt erst möglich wurde.

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Brüssel, Freitagabend, 15. März 2013: Die Eurogruppen-Minister sowie IWF-Chefin Christine Lagarde treffen sich, um über die Rettung des Mittelmeerstaats Zypern zu beraten. Als über dem alten Kontinent die Sonne untergeht, kann sich niemand vorstellen, was sich in den späten Abendstunden am Tisch von Verhandlungsleiter Jeroen Dijsselbloem abspielt. Nicht Lösungen, wie sie für Griechenland, Portugal und Irland implementiert wurden, setzen sich durch. Nein, die Politiker entscheiden sich für das «Schockszenario», wie es Zyprioten später bezeichnen werden.

Kurz nach 3 Uhr in der Nacht wird in der Eurozentrale in der belgischen Hauptstadt das Rettungspaket vorgestellt. Dessen Kern: Sparer mit über 100'000 Euro Vermögen bezahlen knapp 10 Prozent «Rettungssteuer», solche mit weniger als 100'000 Euro knapp 7 Prozent. Eine Enteignung der Sparer, das ist ein Novum in der Eurokrise, ein gefährliches dazu.

«Handstreichartige Enteignung der Sparer»

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden die Kunden von zypriotischen Banken um knapp sechs Milliarden Euro gebracht. Bankenprofessor Manuel Ammann nennt die Operation Zypern eine «handstreichartige Enteignung der Sparer». «Äusserst fragwürdig» sei dies, so Ammann im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet.

Der Staat braucht das Geld für die Refinanzierung der Banken. Bei Bankenpleiten müssen aber zuerst die Aktionäre und dann die Eigner von Anleihen bluten. Erst am Schluss sind die Sparer dran. Im Fall Zypern wird diese Reihenfolge nun aber gänzlich auf den Kopf gestellt. «Das ist hier der eigentliche Skandal, welcher das Vertrauen in die Rechtssicherheit und das Finanzsystem in Europa bedroht», so Ammann.

Kaum Geld mehr am Bancomaten

Dass man sich auf eine unkonventionelle Lösung geeinigt hat und damit einen Flächenbrand – sprich einen Bankrun in anderen Ländern – riskiert, ist eine Sache. Wie diese unkonventionelle Lösung dann aber umgesetzt werden soll, ist eine andere.

Bemerkenswert dabei ist, dass auf den nächtlichen Beschluss der Politiker eine Umstellung der Bancomaten in Zypern bereits am Morgen stattgefunden hat. Wer in Nikosia am Samstagmorgen einen grösseren Eurobetrag vom Konto abheben wollte, lief ins Leere. Nur noch ein paar Hundert Euro konnten bezogen werden.

Nur wenige durften davon wissen

«Es ist klar, eine solche Umstellung des Zahlungssystems lässt sich nicht von einer Stunde auf die andere bewerkstelligen», sagt Ammann. Sprich: Die Banken waren auf den Fall vorbereitet, dass den Kunden keine grösseren Beträge mehr ausbezahlt werden. Sie konnten quasi den roten Knopf drücken. Orchestriert wurde die Zypern-Aktion von der Europäischen Zentralbank. Über sie laufen die ganzen internationalen Zahlungssysteme.

Nur eine Handvoll Unterhändler sowie die Minister wussten wohl davon, dass eine solche Lösung überhaupt in Erwägung gezogen wurde. Zu gross wäre die Gefahr gewesen, dass entsprechende Informationen nach aussen dringen und einen Bankrun schon vor Beschluss auslösen.

Der dringend benötigte Zusatztag nach dem Wochenende

Als in der Nacht von Freitag auf Samstag dann klar wurde, dass die Sparer bluten müssen, musste alles sehr schnell gehen. Dass dieser Beschluss ausgerechnet an einem verlängerten Wochenende (heute sind die Banken in Zypern geschlossen) gefasst wurde, passt ins Bild. Genau dieser Tag verschafft der zypriotischen Politik überhaupt den Spielraum, die Massnahme umzusetzen.

Blitzaktion mit massivem Eingriff ins Finanzsystem: Bislang glaubte man, dieses «Schockszenario» würde irgendwann für Griechenland eintreffen. Jetzt wissen wir es besser: Zypern muss dran glauben. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.03.2013, 12:33 Uhr)

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