Wirtschaft

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


Frankreichs Wirtschaft: Wo Paris Gas geben muss

Aktualisiert am 23.04.2012 45 Kommentare

Egal, ob Hollande oder Sarkozy gewinnt: Frankreich droht den Anschluss an die stärksten Volkswirtschaften der Welt zu verlieren. Der neue oder alte Präsident steht vor schwierigen Aufgaben. Wir nennen sie.

1/5 Frankreichs Industrie produziert teuer: Energie- und Industrieminister Eric Besson (2. v. r.) besucht mit Renault-Chef Carlos Ghosn (r.) ein Autowerk.
Bild: Reuters

   

Anleihen werden teurer, Börsenkurse sinken

Mit heftigen Kursverlusten und höheren Renditen für französische Staatsanleihen hat die Börse in Paris am Montag auf den Sieg des Sozialisten François Hollande in der ersten Runde der Präsidentenwahl reagiert. Der wichtige französische Aktienindex CAC-40 verlor bis zum Montagmittag 2,23 Prozent und notierte bei 3116 Punkten. Händler sagten, dies sei eine Reaktion auf die Aussichten eines Wahlsiegs von Hollande im zweiten Wahlgang. Zu den Sorgen um die weitere Stabilität des Euros komme aber Unsicherheit wegen der Regierungskrise in den Niederlanden hinzu. Auch andere europäische Börsen, so der deutsche Aktienmarkt, fielen am Montag wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen kräftig. Hollande hat unter anderem einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent für Einkommen von mehr als einer Million Euro angekündigt. Zudem will er den Fiskalpakt, mit dem Haushaltsdefizite automatisch bestraft werden können, neu verhandeln. Die Renditen für französische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stiegen kurz nach Öffnung der Märkte von 3,081 um 0,55 Prozent auf 3,098 Prozent, zeitweilig danach auch über 3,1 Prozent. Steigende Renditen sind ein Zeichen für das Misstrauen der Anleger. (sda)

Henrik Uterwedde ist Ökonom und stellvertretender Direktor am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. (Bild: zvg)

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Ihre Stimme haben die Franzosen an der Urne abgegeben, François Hollande liegt knapp vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Doch egal, wer das Rennen am Schluss macht, die Probleme in der französischen Wirtschaft sind für beide die gleichen. Und sie müssen rasch angegangen werden, sonst verliert Frankreich den Anschluss an die Spitzengruppe der stärksten Volkswirtschaften der Welt.

«Frankreich hat in den letzten Jahrzehnten deutlich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst», sagt Henrik Uterwedde, Ökonom und stellvertretender Direktor am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Eines der grössten Probleme: Frankreichs Wirtschaft produziert teuer. «Die Lohnnebenkosten sind deutlich höher als in vergleichbaren Ländern», sagt Uterwedde. Die Zahlen dazu: «Zwischen 2000 und 2008 sind die Arbeitskosten der französischen Unternehmen um 55,8 Prozent gestiegen. In Deutschland dagegen nur um 17,2 Prozent», erklärt Uterwedde.

Zu wenig Geld fliesst in Forschung und Entwicklung

Die Lösung sieht der Experte in einem Umbau des Steuer- und Abgabesystems. Weniger Besteuerung auf Arbeit, so der Grundsatz. Zwar habe Sarkozy damit angefangen, allerdings sei er auf halbem Weg stecken geblieben.

Wo die Franzosen auch ins Hintertreffen geraten sind: Forschung und Entwicklung. Gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung stagniert der Anteil seit 1990 bei rund 2,2 Prozent. Demgegenüber habe sich diese Quote in Deutschland von 2,19 Prozent (1996) auf heute 2,78 Prozent gesteigert. Wie Uterwedde erklärt, seien es vor allem die geringen Aufwendungen der Unternehmen, welche hier den Unterschied ausmachen. 1,1 Prozent sind es in Frankreich, 1,8 Prozent in Deutschland.

Nachhaltige Unterstützung für Jungunternehmen

Was den Gründergeist in der Grande Nation anbelangt: «Hier stehen die Franzosen gut da.» Allerdings: Das Ganze ist nicht nachhaltig. «Viele neu gegründete Unternehmen sind nach 10 Jahren verschwunden.» Es braucht also eine Wirtschaftspolitik, welche innovative Unternehmen unterstützt. «Die jungen Unternehmen müssen wachsen können», sagt Uterwedde. Hier sei Frankreich auf dem Weg, allerdings bräuchte dies eine konstante Wirtschaftspolitik, die über mehr als nur eine Legislatur andauere. Was Zuversicht bringt: 2009 wurde ein 35 Milliarden Euro schwerer Fonds zur Innovationsförderung eingerichtet.

Dass der Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung an Bedeutung verliert, ist in westlichen Ländern normal. Aber: «Frankreich ist stärker betroffen als seine Nachbarn. Es ist sogar das Schlusslicht in Europa», erklärt Uterwedde.

Frankreichs Stärken

Der Frankreich-Kenner sieht aber auch Positives in der französischen Wirtschaft: «Die Grossunternehmen sind international gut aufgestellt.» Unter den 500 weltweit grössten Unternehmen figurieren 40 aus Frankreich (Deutschland 39, Grossbritannien 26). Frankreich ist nach wie vor die fünftstärkste Ökonomie der Welt. Luftfahrt- Bahn- und Autoindustrie verfügen über internationale Strahlkraft. Und: «Frankreich ist noch immer äusserst attraktiv für ausländische Investitionen.» Dies wegen guter Infrastruktur, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und seiner guten Lage innerhalb Europas.

Das alles nützt allerdings nicht viel, wenn Frankreich nicht auch auf Staatsseite das Haus in Ordnung bringt. «Frankreich muss sein Schuldenproblem lösen», sagt Uterwedde. In den letzten Jahrzehnten ist die Staatsquote auf weit über 50 Prozent gestiegen. Sie liegt höher als in Deutschland und auch über dem EU-Durchschnitt. Zwar habe Sarkozy den Staatsapparat in den letzten Jahren um 150'000 Jobs verkleinert. «Nur jeder zweite Arbeitsplatz der abtretenden Babyboomer-Generation wurde wieder besetzt», sagt Uterwedde. Und der Präsident legte ein Sparprogramm von 20 Milliarden Euro auf. Allerdings: «Der Konsolidierungsbedarf in Frankreichs Staatshaushalt wird über die nächsten fünf Jahre auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt.»

Uterweddes Fazit: «Frankreichs Wirtschaftslage ist nicht ohne positive Seiten, Reformen müssen aber vorangetrieben und der Staatshaushalt in Ordnung gebracht werden.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.04.2012, 12:42 Uhr

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45 Kommentare

Albert Muri

23.04.2012, 12:52 Uhr
Melden 51 Empfehlung 0

Frankreich verliert seit 2002 pro Jahr 1.5 % Wachstum durch das deutsche Lohndumping. Antworten


Hannes Müller

23.04.2012, 13:01 Uhr
Melden 47 Empfehlung 0

Staatsquote, direktere politische Beteiligung, mehr unternehmerische Freiheit, mehr Recht, die Früchte zu ernten. Das sind die Stichworte. Was Sarkozy da ausrichten kann, sei dahingestellt, wo die EU knebelt, ist auch eine Frage, und mit Hollande ist der Weg klar: Mehr Staat, mehr Steuern, mehr Bevormundung. Antworten



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