Europa als Wiedergeburt des Hauses Habsburg
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 21.11.2011 21 Kommentare
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Historiker schauen in der Regel in die Vergangenheit. Niall Ferguson, Professor in Harvard und Oxford, macht das Gegenteil – er versucht sich als Prophet. Im «Wall Street Journal» hat er unter dem Titel «2021: Das Neue Europa» eine Vision entwickelt, wie sich der alte Kontinent entwickeln wird.
Ferguson gehört zu den berühmtesten und umstrittensten Wirtschaftshistorikern der Gegenwart. Unter anderem hat er den Begriff «Chinamerica» geprägt für die symbiotische Wirtschaftszusammenarbeit der USA und China der letzten zwei Jahrzehnte, und er hat sich eine viel beachtete Debatte mit dem Nobelpreisträger Paul Krugman über die Wirksamkeit von Ankurbelungsprogrammen geliefert.
China entdeckt den Charme von London
Die gängige Vorstellung über eine mögliche Aufteilung der EU sieht vor, dass ein Nord- und ein Südeuropa das Resultat sein wird. Bei Ferguson ist das nicht der Fall. Bei ihm verlassen Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark die EU respektive im Fall von Norwegen den EWR und bilden zusammen mit Island eine neue Liga des Nordens. Auch die Briten werden der EU den Rücken kehren. Ermöglicht wird dies zum einen wegen eines grossen politischen Fehlers der Liberalen. Sie erzwingen eine Volksabstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU und verbünden sich dabei mit Labour zu einem Ja-Lager, verlieren die Abstimmung deutlich und sichern den Konservativen eine lang andauernde Mehrheit.
Grossbritannien erfreut sich in der Folge grosser Beliebtheit bei chinesischen Investoren. Nach arabischen Ölscheichs und russischen Oligarchen entdecken bald chinesische Milliardäre den Charme von London.
Der Euro überlebt
Erstaunlicherweise wird im Szenario von Ferguson der Euro überleben. Entscheidend dabei ist die Tatsache, dass der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, bald zu dem Schluss kommt, den die Mehrheit der Ökonomen (ausser den deutschen) schon lange gezogen hat. «Der Euro kann nur überleben, wenn man ihn druckt.» Die EZB wird eine richtige Zentralbank, und das beruhigt die Märkte. «Indem die EZB ihre Bilanz ausweitet, legt sich auch ein Fundament unter die Vermögenswerte und verleiht so dem gesamten europäischen Finanzsystem neue Glaubwürdigkeit, ähnlich wie das 2009 in den USA geschehen ist», stellt Ferguson fest.
Im finanziell gefestigten Europa entwickelt sich nun eine neue Arbeitsteilung. Deutschland akzeptiert eine Transferunion, will heissen die Tatsache, dass regelmässig Subventionen vom Norden in den Süden fliessen. Der Club Med wird im Gegenzug seinem Übernamen gerecht und entwickelt sich zu einem Urlaubsparadies für die Nordländer. Jeder Deutsche, der etwas auf sich hält, besitzt eine Ferienwohnung am Mittelmeer, die er sich nun auch leisten kann. Dank dieser Neuordnung wird auch der Euro überleben, zumal alle eingesehen haben, dass ein Zerfall der Einheitswährung für alle viel zu teuer wäre.
Der Schweizer liebstes Feindbild
Obwohl Skandinavier und Briten sich verabschieden, schrumpft die Zahl der Mitglieder in der EU nicht. Es wird nämlich auch zu Neuzugängen kommen: Nicht nur die baltischen Staaten, auch der Balkan wird geschlossen der EU beitreten und auch dem Euro, der sich damit zu einer wahren Einheitswährung entwickelt. Damit entstehen die Vereinigten Staaten von Europa, allerdings mit einer neuen Hauptstadt: Wien löst Brüssel ab. Das erscheint irgendwie logisch, denn dieses neue Europa hat grosse Ähnlichkeit mit einem alten Europa. «Das Haus von Habsburg hat sich als die Vereinigten Staaten von Europa neu konstituiert», folgert daher Ferguson.
Wie stehen die Chancen eines Wiederaufstiegs des Hauses Habsburg unter deutscher Führung? Nicht gut. Historisch gesehen haben die Franzosen schlecht damit gelebt, und auch im 21. Jahrhundert ist es wenig wahrscheinlich, dass Frankreich ein von Wien aus regiertes Europa akzeptieren würde. Fergusons Vision ist deshalb ein amüsantes Gedankenspiel, mehr nicht. In der Schweiz allerdings dürfte es seine Fans finden. Eine Wiederauferstehung Europas in diesem Sinn würde uns das nach wie vor beliebteste Feindbild wieder bescheren: die Habsburger. Polieren wir daher unsere Hellebarden wieder auf Hochglanz.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.11.2011, 12:33 Uhr
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21 Kommentare
Zitat: «Indem die EZB ihre Bilanz ausweitet, legt sich auch ein Fundament unter die Vermögenswerte und verleiht so dem gesamten europäischen Finanzsystem neue Glaubwürdigkeit, ähnlich wie das 2009 in den USA geschehen ist»
Tut mir Leid, aber das ist hohles Geschwätz, welches ökonomisch absolut keinen Sinn ergibt.
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Nur mal so geträumt: GB könnte sich doch den USA anschliessen.In der EU spielen sie ohnehin mehr oder weniger nur die Rolle des Trojanischen Pferdes der US-Amerikaner,besonders wenn es um die Interessen von Londoner City und Wall Street geht.Dann hätten sie wenigstens ihre "special relationship",von der sie immer träumen.... Antworten

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