Interview

«Die Schweizer Freundlichkeit ist halt etwas herb»

Der Präsident von Hotelleriesuisse vergleicht schweizerische und österreichische Gastfreundschaft. Und fordert, dass auch künftig unrentable Hotels für Zweitwohnungen umgenutzt werden dürfen.

Guglielmo Brentel hält nichts von Subventionen für Hotels.

Guglielmo Brentel hält nichts von Subventionen für Hotels. Bild: Dominique Meienberg

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Wo haben Sie Ihre Ferien verbracht?
Ich war im Engadin und auf Elba.

Und wie war das Preis-Leistungs-Verhältnis?
Das Zimmer auf Elba war o. k., aber eher teuer im Vergleich zum Engadin. Es kostete 400 Euro, entsprach qualitativ aber nicht unserem Standard, obwohl es im besten Hotel auf Elba war. Das Essen dagegen war massiv billiger. Ich konnte 300 Gramm Fleisch essen, was in der Schweiz ein Vermögen kosten würde. Auswärtsessen ist viel günstiger als in der Schweiz.

In- und ausländische Gäste empfinden Hotels und Gastronomie in der Schweiz generell als zu teuer.
Mich interessiert mehr, was unsere Gäste tatsächlich sagen. Auf dem Onlineportal Holidaycheck werden die Leute gefragt, ob sie wieder in das gleiche Hotel gehen würden. In der Schweiz sagen 91 Prozent Ja, in Österreich 93 Prozent.

Die Gäste in Ihrem Hotel klagen also nicht, dass die Preise zu hoch seien?
Meine Gäste sagen zu 90 Prozent, das Preis-Leistungs-Verhältnis sei gut. Ich will, dass die Leute kommen, obwohl sie sagen, es sei zwar teuer, aber gut. Der starke Franken erlaubt es preisbewussten Schweizern, in Österreich ein Vier- oder Fünfsternhotel zu buchen. In der Schweiz könnten sie sich nur ein Dreisternhotel leisten. Unterschiedliche Hotelkategorien zu vergleichen, ist nicht fair. Derzeit ist die gleiche Leistung bei uns teurer als in Österreich und Deutschland. Aber im Vergleich zu allen anderen europäischen Destinationen machen wir es besser.

Gegenüber Österreich haben wir also nur ein Preisproblem?
Ja, wenn wir gute Hotels vergleichen. Aber in der Schweiz gibt es auch schlechte Hotels.

Warum nur haben Schweizer Gäste das Gefühl, sie würden in Österreich besser bedient? Den Schweizern fehlt das Dienstleistungs-Gen.
Das stimmt überhaupt nicht. Die Schweizer sind hilfsbereit. Aber die Schweizer Freundlichkeit ist halt etwas herb. Ich kann den Schweizern doch nicht den österreichischen Schmäh vorschreiben. In den guten Schweizer Hotels ist das Personal dafür mehrsprachig.

Warum verschwinden die schlechten Hotels nicht vom Markt?
Weil Familienmitglieder gratis mitarbeiten, weil der Hotelbetrieb mit einem Gewerbebetrieb quersubventioniert wird, weil Rechnungen sechs Monate lang nicht bezahlt werden. Und so weiter. Ich sage meinen Gästen: Geht in die guten Hotels, dann verschwinden die schlechten.

Schlechte Hotels schaden dem Image der Schweiz.
Auf jeden Fall. Der Schweizer neigt leider dazu, ein schlechtes Beispiel im Inland mit einem guten Beispiel im Ausland zu vergleichen. Der Verband Hotelleriesuisse ist da für die wettbewerbsfähigen und wettbewerbswilligen Hotels.

Wer ist wettbewerbswillig?
Derjenige, der den Wettbewerb und das Urteil des Gastes akzeptiert. Das ist das A und O. Der Wurm muss dem Fisch und nicht dem Fischer schmecken. Der Markt will mehr als nur Essen, Trinken, Schlafen. Die Ferienhotellerie muss ein Erlebnis bieten. Und die Stadthotellerie muss dem Gast Lösungen anbieten, zum Beispiel einen guten Arbeitsplatz mit Gratis-WLAN usw. Aus Sicht des Gastes ist das Standard. Wenn man das liefert, was der Gast will, ist dieser auch bereit, den Preis dafür zu bezahlen.

Warum ist die österreichische Hotellerie etwa bei Kinderhotels innovativer als die schweizerische?
Wenn das Kostenumfeld tiefer ist, ist es einfacher, eine Innovation durchzusetzen. Kinder sind in der Hotellerie relativ teuer. Die Schweiz hat einen anderen Tourismus. Wir haben viele Asiaten, die nie mit Kindern unter drei Jahren reisen. Auch bei Geschäftsreisen sind Kinder kein Thema. Wo das Bedürfnis da ist, gibt es Probleme, weil für Kinder zusätzlich Platz geschaffen werden muss. Es braucht Kinderräume mit spezieller Betreuung, Kindermenüs usw. In Österreich leben Kinder im Hotel praktisch gratis. Wenn wir hier die Österreicher nicht schlagen können, dann müssen wir uns auf die Märkte konzentrieren, die für uns erfolgversprechender sind.

Kinder rentieren also nicht?
So einfach ist das nicht. Ich bin VR-Präsident eines Kinderhotels in der Lenzerheide. Wir haben im Winter zwei Kindergärtnerinnen angestellt und den Spa-Bereich zweigeteilt. Gäste ohne Kinder fühlen sich gestört durch Kinder. Das ist nun mal so. Die Infrastruktur muss geeignet sein, damit man ein kindergerechtes Hotel in guter Qualität anbieten kann. Das machen vielleicht 50 Hotels in der Schweiz, besser wären 500, aber es ist nicht immer möglich. In meinem Hotel in Celerina kann ich das aus Platzgründen nicht anbieten. Über Weihnachten sind bis zu 35 Kinder anwesend. Das ist eine Grenze. Dann fühlen sich Gäste ohne Kinder nicht mehr wohl. Bezüglich Familienhotels sind uns die Österreicher voraus, das ist ihre Stärke.

Dieses Defizit will man in der Schweiz nicht wettmachen?
Wenn die Platzverhältnisse das nicht erlauben, geht es nicht gut. Und wenn man etwas nicht gut machen kann, dann sollte man die Finger davon lassen.

Wie läuft es in Ihrem Hotel in Celerina?
Uns fehlen die Gäste aus dem Euroraum. Und Italiener haben Angst, sich zu bewegen. Wenn sie über die Grenze kommen, werden sie wegen der aktuellen Steuerdiskussionen teilweise schikaniert. Sie dürfen beispielsweise nur noch einige Tausend Euro Bargeld mitnehmen.

Offerieren Sie Ihren Gästen spezielle Wechselkurse?
Nein. Solange ich kein Preis-Leistungs-Problem habe, schraube ich nicht am Preis. Man sollte den Preis mit Erlebnis koppeln. Im nächsten Winter erhalten die Hotelgäste im Oberengadin in über 100 Hotels den Skipass für 25 Franken ab der zweiten Hotelübernachtung. Das ist ein echter Mehrwert für den Gast und den Hotelier. Wenn meine Stammgäste neue Gäste bringen, erhalten sie eine Preisreduktion.

Auch die klassischen Tourismusorte wie St. Moritz, Davos und Zermatt verzeichnen einen markanten Rückgang bei den Logiernächten.
In St. Moritz verschwanden innerhalb von zwei Jahren drei Hotels vom Markt. Wir messen statistisch nur die Hotel-Logiernächte. Was in den letzten Jahren jedoch boomte, waren die Zweitwohnungen für den Eigengebrauch. Das wird aber nicht gemessen. Wenn man auch diese Zahlen betrachtet, sind wir viel erfolgreicher als die Österreicher.

Was passiert mit den geschlossenen Hotels?
Jährlich gehen schweizweit rund 100 Hotels zu. Das Hotelsterben wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Eine Wurstfabrik oder Schreinerei daraus zu machen, ist relativ schwierig – die Umnutzung in Zweitwohnungen ist hingegen eine gute Lösung. Das ist unsere zentrale Forderung für die Verordnung zur Zweitwohnungsinitiative. Für die Hotellerie ist diese Initiative eine Chance, aber nur dann, wenn weiterhin Ferienwohnungen in bestehende Häuser eingebaut werden dürfen.

Auch wenn die 20-Prozent-Grenze überschritten ist?
In erster Linie sollen Wohnungs- und Hotelbesitzer gleichbehandelt werden. Auch nach dem 11. März können Erstwohnungen in Zweitwohnungen umgenutzt werden. Bei Hotels ist diese Möglichkeit im Verordnungsentwurf nicht vorgesehen, was einer Diskriminierung gleichkommt. Dabei ist beides Privateigentum.

Ist das die einzige Forderung für die Verordnung?
Damit bestehende Hotels weiterentwickelt werden können, wünschen wir uns, dass die Definition von kommerziell vermieteten Zweitwohnungen hybride Geschäftskonzepte in der Hotellerie zulässt. Immerhin entgeht der Branche ein jährliches Querfinanzierungspotenzial von 120 Millionen Franken, weil der Bau von Zweitwohnungen innerhalb des Hotels nicht mehr möglich ist. Im Vordergrund steht für uns aber die Möglichkeit der kompletten Umnutzung von bestehenden Hotelbauten.

Bewirtschaftete Wohnungen in Hotels wären eine unproblematische Lösung. Warum genügt Ihnen das nicht?
Je nach Ausgangslage des Betriebs lässt sich dies nicht leicht umsetzen, zumal der Begriff auch nicht klar definiert ist. Die Umnutzung bestehender Hotels, deren rentable Weiterführung nicht mehr möglich ist, macht Sinn, weil sonst eine enorme Entwertung oder sogar der Zerfall der Immobilie droht. Für die Hoteliers wichtig ist die uneingeschränkte Umnutzungsmöglichkeit. Hotelruinen dienen weder dem Ortsbild noch dem Tourismus. Zudem wird der Strukturwandel unnötig behindert.

Welche Alternativen gibt es, wenn der Bundesrat nicht einlenkt?
Der Staat subventioniert Hotels, und das wollen wir nicht. Unsere Branche muss man nicht subventionieren, sondern den Hoteliers Möglichkeiten bieten, dass sie sich entwickeln können. Neues Spiel, neue Regeln – das ist für mich in Ordnung.

Dann akzeptieren Sie also auch, dass beim Bau eines komplett neuen Hotels zur Finanzierung keine Eigentumswohnungen eingebaut werden dürfen?
Das müssen wir akzeptieren. Man muss dann aber in Kauf nehmen, dass auch da keine neuen Hotels entstehen, wo man sie gerne hätte.

Einen Betrieb rentabel zu führen, dürfte das grössere Problem sein als die Finanzierung.
Die meisten lokal anfallenden Kosten verunmöglichen vor allem kleinen und mittleren Hotelbetrieben, preisgünstig und damit konkurrenzfähig zu produzieren. Über Kooperationen mit einem Mitbewerber kann der Hotelier mögliche Nachteile eines Kleinbetriebs kompensieren, indem beispielsweise Kosten beim Einkauf gespart werden. Hier muss bei den Betrieben teilweise noch ein Umdenken stattfinden. Aber fundamental bleibt der Kampf gegen die Hochkosteninsel Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2012, 11:02 Uhr

Guglielmo Brentel

Der 57-Jährige ist Hotelier in Celerina GR und seit 2005 Präsident von Hotelleriesuisse. Diesem Verband sind 40 Prozent aller Hotels in der Schweiz angeschlossen. Sie decken 80 Prozent der Logiernächte ab. (TA)

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