«Die Schweiz war bei den Konjunkturprogrammen eine Trittbrettfahrerin»
Von Fabian Renz. Aktualisiert am 17.02.2010 15 Kommentare
Jan-Egbert Sturm ist Professor für Angewandte Wirtschaftsforschung an der ETH Zürich. Seit 2005 leitet er dort die Konjunkturforschungsstelle. (Bild: Keystone)
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Herr Sturm, die Schweizer Staatsfinanzen sind gesünder als jene der meisten Nachbarländer. Was macht unsere Regierung besser?
Die Schweizer Regierung profitiert vor allem davon, dass die Gesamtwirtschaft in der Schweiz unter der Krise bislang weniger leidet als anderswo. In erster Linie hat sich hier die sehr solide Binnennachfrage als starke Stütze erwiesen.
Dabei waren die Konjunkturprogramme der Schweiz vergleichsweise bescheiden. Haben uns die grosszügigeren Investitionsprogramme anderer Staaten viel genützt?
Zweifelsohne. Die Schweiz war in dieser Hinsicht eine Trittbrettfahrerin. Genützt haben die Programme nicht zuletzt der Exportwirtschaft, die hierzulande von der Krise am stärksten betroffen ist.
Ihre Forschungsstelle hat die Impulsprogramme des Bundesrats seinerzeit als zu niedrig kritisiert.
So ist es. Ich würde in diesem Sinne auch den Überschuss in der Bundesrechnung 2009 nicht einfach bejubeln: Wenn der Staat sogar in einer Rezession mehr Geld einnimmt, als er ausgibt, kann das für die Wirtschaft ein Problem darstellen. Fairerweise müssen wir uns aber auch fragen, wo der Staat sinnvolle Mehrinvestitionen überhaupt hätte tätigen können. In der Exportwirtschaft sind staatliche Hilfsmassnahmen kaum möglich. Der Bausektor wiederum, wo sich am leichtesten investieren lässt, war von der Krise viel weniger betroffen.
Zu welcher Ausgabenpolitik raten Sie der Regierung für die nächste Zeit?
Ich warne vor allem davor, jetzt auf einen harten Sparkurs umzuschwenken. Der Bundesrat hat bereits ein Konsolidierungsprogramm für die Jahre 2011 bis 2013 angekündigt. Ich wäre da zurückhaltender - zumal wir nicht genau wissen, ob sich die konjunkturelle Erholung fortsetzen und wie stark sie ausfallen wird. Wenn der Staat in den Nachwehen der Krise spart, schadet das der Wirtschaft.
Und der internationale Druck auf den Schweizer Finanzplatz? Wird er unserer Wirtschaft und damit den Bundesfinanzen stark schaden?
Ich erwarte keine grossen Schockeffekte. Der Druck auf den Finanzplatz hält schon seit einigen Jahren an. Und es gibt ausser dem Bankgeheimnis zum Glück noch ein paar andere Gründe, Geld in der Schweiz anzulegen.
Naiv gefragt: Was hat der einfache Bürger eigentlich von gesunden Staatsfinanzen?
Er profitiert davon, dass die Schweiz dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit steigert. Ein gesunder Staatshaushalt ist ein Indiz für eine stabile Wirtschaft. Und das macht das Land für Investoren attraktiv. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2010, 13:08 Uhr
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15 Kommentare
Überschuss in der Bundesrechnung 2009? Dass ich nicht lache! Wie gross ist das Defizit des Bundeshaushalts eigentlich? Ausserdem, Krise? Wo? Ich glaube, die kommt erst, und dann dicke! Und die 60 Mrd. an die UBS? War das keine Unterstützung? Trittbrettfahrer, ha, ha! Sauglatt! Antworten
Die Schweiz hat z.B. eine Zulieferindustrie, die stark von den internationalen Fahrzeug OEMs abhängt. Von den Förderprogrammen der umliegenden Länder konnte die stark CH profitieren, ohne entsprechende Programme im Inland aufzulegen. Es ist wie mit der Heizung in einem Mietshaus: wenn alle Wohnungen um Dich rum beheizt werden, dann kann man ohne Heizung auch irgendwie über den Winter kommen. Antworten
Die lapidare "Begründung" von Hr. Sturm, die Programme hätten der CH Exportwirtschaft genützt, genügen nicht. Ferner ist es eine laufende Aufgabe einer Regierung, den Staatshaushalt auf unnötige, überrissene und ineffiziente Ausgaben abzuklopfen. Damit werden Mittel freigesetzt, die, falls nötig, anderswo - gezielt- eingesetzt werden können. Vernünftiger Umgang mit finanziellen Ressourcen ist das. Antworten
Trittbrettfahrer kann man nicht sagen, aber die Schweiz hat mit einer eigenen Nationalbank einen besseren Steuermechanismus. Deutschland blutet für die EU und die südlichen EU Länder haben eben eine andere Mentalität als die nördlichen Länder. Aus diesem Grund werden Rettungsmassnahmen der EU nötig sein, und dadurch werden auch die Nettozahler wie Deutschland an den Abgrund geführt. Antworten
Natürlich sind wir Trittbrettfahrer, viele begreifen nicht dass in der Schweiz 10000ge Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen, wir haben eine grosse Zulieferindustrie (z.B. EMS, Rieter...). Und ich weiss, dass viele dieser Zulieferer und auch Werkzeugmaschinenhersteller grosse Probleme haben. Jetzt ein Sparprogramm aufgleisen würde das Wachstum wieder schwächen, da hat Herr Sturm recht. Antworten
Trittbrettfahren, tststs... wenn die Weltpolitik mehr zusammenarbeiten würde, hätte man die Kosten für die Pakete auch teilen können, aber wenn die CH genauso viel investiert hätte, wo wollten denn all die Länder noch Geld holen wollen, es wäre keine mehr da :-) - offensichtlich gibt es noch Fragen, wo in der CH nüchtern gedacht und gehandelt wird - dadurch kann man profitiern, das ist Wirtschaft Antworten
Nur weil das Schweizer Bildungssystem so gut ist und wir ein Land aus mehrheitlich klugen Köpfen sind, kommen wir besser durch die Krise als andere Länder, in denen die Arbeitslosigkeit unter den schlecht Ausgebildeten beinahe 40% beträgt (USA). Doch auf Bildungslorbeeren darf man sich nie ausruhen, sie welken schnell. Deshalb: In alle Bildungsstufen und in die Forschung investieren!! Antworten
Selbstverständlich hat die Schweiz ungemein von den Stützprogrammen der anderen Länder profitiert! Und natürlich ist auch die Frage legitim, ob die Schweiz ihrer Verantwortung im globalen Gefüge und für die aktuelle Krise nachgekommen ist oder ob sie (wir!) - einmal mehr - "schlaumeierisch Trittbrettgefahren" ist (sind). Also nicht zu voreilig urteilen und den Blick fürs Ganze nicht verlieren. Antworten
Trittbrettfahrer - Dieses Wort ist dumm und fällt auf den Verfasser zurück. Da hat die Regierung richtig gehandelt und schon kommen so besserwissende Professoren daher. Sprechen wir doch unserer Regierung in diesem Fall ganz einfach unser Kompliment aus!! Was die Zukunft anbetrifft, kann man Bundesratz Merz nur unterstützen. Man kann auch solid haushalten, Herr Professor und nicht Geld rauswerfen Antworten
Professorale Weisheiten die Kopfschütteln auslösen. Die Konjunktur-Programme waren weder bescheiden noch zu gross, sondern genau richtig. Interessanter für die Zukunft wäre eine Analyse zu lesen über den Bausektor der diesmal von der Krise verschont wurde. Die Behauptung, die Schweiz sei "Trittbrettfahrer" ist Quatsch. Ist das Neid und Ärger darüber dass seine Prognosen nicht eintrafen Antworten
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Leni Heider
Herr Jan-Egbert Sturm ist Professor und kommt aus Deutschland. Er sieht natühlich hier EU interessen vor den Schweizer Interesse. Somit seine Analyse einsitig ausfallen musste. Antworten