Wirtschaft

Die Regulierer entdecken das schwarze Loch der Hedgefonds

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 09.05.2011 16 Kommentare

Die verschärfte Regulierung der Banken, so fürchten bei weitem nicht nur ihre Lobbyisten, könnte die Verlagerung von risikobehafteten Aktivitäten zu den «Schattenbanken» beschleunigen.

Die Regulierung zielt an den Schattenbanken vorbei: Das Risiko, dass eine solche eine nächste Krise auslöst sei aber höher als beim Bankensektor, sagt ein Experte.

Die Regulierung zielt an den Schattenbanken vorbei: Das Risiko, dass eine solche eine nächste Krise auslöst sei aber höher als beim Bankensektor, sagt ein Experte.
Bild: Reuters

Regulierung von Hedgefonds

Auch die Schweiz will Schattenbanker an die Leine nehmen

Erstmals wollen sich die G-20-Staaten in diesem Jahr mit den Schattenbanken und den von ihnen ausgehenden Risiken für das weltweite Finanzsystem auseinandersetzen. Bis zu ihrem nächsten Gipfel im November soll das Financial Stability Board (FSB), ein internationales Gremium bestehend aus Vertretern von Notenbanken, Finanzaufsehern und Regierungen, Vorschläge zur Regulierung von Hedgefonds und anderen Institutionen ohne Bankenstatus erarbeiten.

Allerdings sieht sich das FSB bei der Erforschung dieser undurchschaubaren und verschwiegenen Welt mit dem Problem der Informationsbeschaffung konfrontiert. Dies gelte in erster Linie für Akteure, die jenseits des regulierten Nichtbankenbereichs agierten oder ihren Sitz in Offshore-Finanzzentren hätten, wie das FSB unlängst in einem Bericht festhielt.Die USA – mit der Dodd-Frank-Finanzmarktreform – und die EU – mit der Richtlinie über die Manager alternativer Investmentfonds (AFIM) – unternahmen indes Vorstösse, um den Schattensektor zu regulieren und den Finanzwächtern Interventionsmöglichkeiten für den Fall akuter Probleme bei Hedgefonds zu eröffnen. Die neue EU-Regulierung hat wiederum die Schweiz zum Nachziehen bewogen: Im März ist das Finanzdepartement vom Bundesrat beauftragt worden, einen Entwurf für die Anpassung des Kollektivanlagegesetzes an die AFIM-Richtlinie auszuarbeiten.

Fonds ersuchen um Aufsicht

Damit, so Tobias Lux, Sprecher der Finanzmarktaufsicht (Finma), wolle die Schweiz verhindern, dass Schattenbanken, die sich der verschärften EU-Regulierung zu entziehen suchen, ihren Sitz hierher verlegen. Denn, anders als in der EU, ist hierzulande der Vertrieb von ausländischen kollektiven Kapitalanlagen für qualifizierte Anleger nicht reguliert. Ferner besteht für Verwalter von ausländischen Fonds keine zwingende Aufsichtspflicht, wohl aber können sie sich unter bestimmten Voraussetzungen freiwillig beaufsichtigen lassen.

Genau davon wollen die Akteure vermehrt Gebrauch machen: «Wir spüren ein zunehmendes Bedürfnis seitens der institutionellen Vermögensverwalter, sich einer Aufsicht zu unterstellen», sagt Lux. Dafür gibt es laut dem Finma-Sprecher zwei Beweggründe: «Einerseits verlangen dies mehr und mehr Kunden, anderseits wollen sich die Anbieter solcher Finanzdienstleistungen damit den Zugang zu anderen Märkten – nicht zuletzt zu den europäischen – sichern, wo eine Beaufsichtigung der Asset Manager immer mehr zur Bedingung wird.» Die vom Bundesrat angestrebten Anpassungen des Schweizer Rechts haben denn auch zum Ziel, den Zugang zum EU-Markt für Schweizer Dienstleister aufrechtzuerhalten.Ernst Baltensperger, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Bern, warnt allerdings davor, die Schattenbanken im gleichen Zug wie die Banken zu regulieren. Mit dem Argument, dass gewisse Bankgeschäfte zu Hedgefonds abwandern, solange diese weniger reguliert seien, dürfe man es «nicht übertreiben», so Baltensperger. Wenn es zu solchen Verlagerungen komme, sei dies unter Risikoaspekten sogar vorteilhaft, weil Hedgefonds – im Unterschied zu Grossbanken – nicht zugleich noch gesamtwirtschaftlich sensitive Bereiche wie Kundeneinlagen und Zahlungsverkehr unter ihrem Konzerndach führten. Bei aller Zurückhaltung mit Regulierungen anerkennt Baltensperger, dass die Aufsicht über Hedgefonds vor allem in Bezug auf deren Transparenz «noch deutliche Lücken aufweist». (rm)

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Ob «Basel III», Bankerboni oder «Too big to fail» – all die im In- und Ausland vorgeschlagenen oder bereits in Kraft gesetzten Regulierungen gelten lediglich für den Bankensektor. Nicht aber für die «Schattenbanken», wozu Hedgefonds, Private-Equity-Firmen, Geldmarktfonds oder Clearinghäuser zählen. Diese Asymmetrie in der Finanzmarktregulierung beklagen in der Öffentlichkeit nicht so sehr die Aufseher, sondern die Banken. Ihre Protagonisten warnen davor, dass gewisse Bankaktivitäten – und dabei solche mit erheblichem Risikopotenzial – zu den Schattenbanken abwandern würden, wenn die regulären Banken an die kurze Leine müssten, die Hedgefonds aber weiterhin freien Auslauf hätten.

Obgleich sich die Banker weniger um die Stabilität des Finanzsystems sorgen, sondern vielmehr die Hedgefonds als Konkurrenten im Kampf um die gewinnträchtigsten Geschäfte und die talentiertesten Arbeitskräfte fürchten – ihre Argumente werden von unabhängigen Experten geteilt. «Die Finanzakteure suchen und finden in einem hocheffizienten Markt stets Möglichkeiten, um neuen Regulierungen zumindest teilweise auszuweichen», sagt Beat Bernet, Professor für Bankwirtschaft an der Universität St. Gallen. Der Parabanken- oder Schattenbankenbereich biete sich geradezu an.Auch die Finanzmarktaufsicht Finma ist sich der Problematik bewusst: «Das Risiko der Verlagerung in den Schattenbankensektor», so ihr Sprecher Tobias Lux, «nimmt mit der Verschärfung der Regulierung im beaufsichtigten Sektor typischerweise zu.» Um dem zu begegnen, müssten der Regulierungskreis und die Grenzen zum unregulierten Sektor genau beobachtet und allenfalls weiter gezogen werden.

Unterschätzte Schattenbanken

Bernet geht in seiner Einschätzung noch einen Schritt weiter. «Der Schattenbankenbereich ist längst zu einem neuen Risikoherd für das globale Finanzsystem geworden – und wird sich weiter verstärken», betont der Finanzprofessor. Was vielen Aussenstehenden dabei kaum bewusst ist: Das Universum der Schattenbanken ist erheblich grösser als das der regulären Banken. Laut Schätzungen der US-Notenbank betrug das weltweite Volumen der Schattenbanken 2010 etwa 16'000 Milliarden Dollar, verglichen mit gar 20'000 Milliarden vor Ausbruch der Finanzkrise Anfang 2008. Im gleichen Zeitraum hat sich der traditionelle Bankensektor von 11'000 auf 13'000 Milliarden Dollar vergrössert.

Hinzu kommt, dass Hedgefonds als die gemeinhin populärsten Vertreter der Schattenbanken mit verwalteten Vermögen von zuletzt rund 2000 Milliarden Dollar eine untergeordnete Rolle spielen, verglichen etwa mit Rohstoff-Handelshäusern, Clearinghäusern und Geldmarktfonds.Welch beträchtliches Stabilitätsrisiko diese Institutionen verkörpern können, wurde im Herbst 2008 deutlich, als ein Geldmarktfonds in den USA nach dem Kollaps von Lehman in Schieflage geriet. Die US-Regierung eilte sogleich zu Hilfe, um einen Run der Anleger auf die Geldmarktfonds zu verhindern. Erinnert sei ferner an den Hedgefonds Long Term Capital Management, der nach Fehlspekulationen 1998 ins Wanken geriet und, so Bernet, «die vorletzte grosse Finanzkrise auslöste».

Intransparente Risiken

Richtig sei aber auch, so kontert Patrick Fenal, stellvertretender Verwaltungsratspräsident des Genfer Vermögensverwalters Unigestion, dass die jüngste Finanzkrise vom Bankensektor ausgegangen sei und nicht von den Hedgefonds – «wenngleich die Banken heute gerne etwas anderes Glauben machen wollen». Fenal, der in der Hedgefonds-Vereinigung Aima bei der Erarbeitung eines «Best practice»-Führers mitwirkte, hält auch die Wahrscheinlichkeit für «höchst gering», dass Hedgefonds eine künftige Finanzkrise auslösen könnten. Seine Begründung: Die Banken seien heute mit Kreditvergaben an die Hedgefonds «wesentlich zurückhaltender» als in den 1990er-Jahren. Letztlich, betont Fenal, seien es die Banken, welche die Verschuldung (Leverage) der Hedgefonds bestimmten. «Ohne Banken gibt es keine Hedgefonds», so sein Fazit.Gegenteiliger Ansicht ist Bankenprofessor Bernet: «Die Wahrscheinlichkeit, dass eine nächste grössere oder kleinere Krise durch den Schattenbankensektor verursacht wird, ist höher als beim Bankensektor.»

Als Hauptgründe nennt er zum einen die immensen Transaktionsvolumina des Schattensektors und «die hohe Intransparenz der damit verbundenen Risiken». Zum andern verweist er auf die «immer engeren Verflechtungen dieser Institutionen sowohl mit den Banken als auch mit der Realwirtschaft».Was die Verbindungen zu den Banken anbelangt, beschränken sie sich laut Bernet nicht allein auf die Finanzierung der Schattenbanken. Die Banken übernähmen ausserdem Produkte der Schattenbanken in ihre Bilanz oder agierten als deren Gegenparteien im Derivategeschäft. «Eine Krise im Schattensektor», resümiert der St. Galler Professor, «wirkt sich zwingend auf das Bankensystem aus – und ab einer gewissen Grösse auch auf die Realwirtschaft». Da Hedgefonds, Private-Equity-Gesellschaften und andere alternative Fondsformen die Realwirtschaft immer mehr auch direkt finanzieren – unter Umgehung der Banken –, bestehen laut Bernet «zusätzlich direkte Verbindungen in die Wirtschaft, die zu Übertragungs- und Ansteckungseffekten führen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2011, 20:09 Uhr

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16 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

09.05.2011, 11:39 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Dass das shadow-banking System ein grosses Problem darstellt stimmt zwar, aber das dies ein Grund sein soll, die regulären Banken nicht zu regulieren ist Unsinn. Hedge-funds, etc haben keinen Zugriff auf die Finanzierung durch Zentralbanken und müssen auch nicht geretet werden, wenn sie crashen. Zudem findet sich in Hedge Funds oder PE das Geld der Suppereichen und nicht Gelder der Mittelschicht. Antworten


Thomas Meier

09.05.2011, 11:57 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Vielleicht sollte man mal die Politiker und Regulatoren regulieren, welche mit ihren fehlerhaften Regeln mindestens genau so viel zur Krise begetragen haben wie die Banken. Wie auch immer, Hedge Funds sind kein Problem (ausser vielleicht einige wenige sehr grosse) wenn sie Pleite gehen, daher brauche sie auch keine / kaum Regulierungen. Antworten



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