Wirtschaft

Simon Schmid
Reporter Wirtschaft


Die Krise wandert nach Norden

Aktualisiert am 02.05.2012 75 Kommentare

Die Niederlande verharren in wirtschaftlicher Schockstarre. Was ist los in Europa, dass selbst ein grundsolider Schuldner nun ins Wanken gerät?

Wirtschaftliche Eiszeit im Herzen Europas: Windmühle in den Niederlanden.

Wirtschaftliche Eiszeit im Herzen Europas: Windmühle in den Niederlanden.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Europas Peripherie ist krank, das Zentrum ist gesund: Dieses Schema verliert zunehmend seine Gültigkeit. Denn nach Griechenland, Spanien oder Italien schlittern nun auch die Niederlande in die Krise. Statt zu wachsen, stagniert die Wirtschaftsleistung. Statt einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren die Niederlande tiefrote Zahlen.

Die Krise hat ihren Tribut gefordert. Vor einer Woche löste sich die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte auf. Koalitionspartner Geert Wilders hatte die Gefolgschaft im eingeschlagenen Sparkurs verweigert. Mithilfe von Oppositionsparteien konnte Rutte in den folgenden Tagen trotzdem einen Budgetentwurf vorlegen. Dem europäischen Fiskalpakt entsprechend soll die Defizithürde von drei Prozent dabei nicht unterschritten werden.

Die Niederlande hat kein Haushaltsproblem

Die Koalitionspartner sind sich einig, dass gespart werden muss – ein Fehlschluss, wenn es nach den Ökonomen der Bank of America Merill Lynch geht. «Die Niederlande haben gar kein Haushaltsproblem», schreiben sie in einem kürzlich veröffentlichten Report. Zwar ist das Defizit zuletzt bis auf 4,7 Prozent angestiegen. Doch selbst unter dem Worst-Case-Szenario, das die Volkswirtschaftler annehmen, sollten sich die Defizite bis im Jahr 2013 soweit verringern, dass sich auch die Gesamtschuldenlast des Staates stabilisiert.

Das Defizit schon im Jahr 2012 bis auf drei Prozent zu drücken, halten die Ökonomen für eine schlechte Idee. Denn die niederländische Wirtschaft befindet sich gemäss allgemeiner Definition bereits jetzt in einer Rezession: In den letzten beiden Quartalen von 2011 schrumpfte die Wirtschaft um 0,4 bzw. 0,7 Prozent. Auch fürs Gesamtjahr 2012 sagen die Ökonomen den Niederlanden mit 0,8 Prozent ein negatives Wachstum voraus. Die Sparübung, die der Regierung vorschwebt, wäre da Öl ins Feuer gegossen: Sie würde die Wirtschaft um ein weiteres Prozent schrumpfen lassen. Aus diesem Grund fordern die Ökonomen von Bank of America Merill Lynch, dass die niederländische Regierung beim Sparen auf die Bremse tritt: Sie plädieren für eine langsame, nicht für eine sofortige Annäherung an die Drei-Prozent-Grenze beim Staatsdefizit.

Privathaushalte sparen schon genug

Das Beispiel Holland zeigt, dass es in Europa keinen «gesunden» Norden und keinen «kranken» Süden mehr gibt. Jedes Land der Eurozone hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Im Fall der Niederlande spielt die hohe Verschuldung der Privathaushalte eine entscheidende Rolle für die Krisenverschärfung. Während Europas Privathaushaushalte im Durchschnitt etwa gleich viele Schulden haben wie ihr verfügbares Einkommen pro Jahr beträgt, liegt der Schuldenstand der niederländischen Haushalte bei 250 Prozent ihres verfügbaren Einkommens.

Die Schulden drücken auf den Konsum: Anstatt einzukaufen, zahlen die Holländer lieber ihre Schulden zurück. Weil gleichzeitig die Immobilienpreise sinken, erwartet Bank of America Merill Lynch dieses Jahr einen Rückgang des Privatkonsums um 1,3 Prozent. «Die Niederlande sind ein Spezialfall», schreiben die Ökonomen: Während der Konsum in den meisten anderen Ländern vom Einkommen bestimmt wird, wird das Konsumverhalten der Holländer vor allem vom gefühlten Wohlstand der Haushalte bestimmt. Neben der hohen Verschuldung wird dieser vor allem durch die fallenden Immobilienpreise geschwächt.

Die Krise hat das Zentrum angesteckt

Hoffnung geben den Ökonomen zwei Faktoren. Zum einen erhöht allein die Länge der Krise die Chance, dass Unternehmen ihre Investitionen bald wieder hochfahren. Investitionsbedarf hat sich in den Niederlanden angestaut: Schon 2009 und 2010 hielten sich Firmen mit Investitionen zurück. Die aktuelle Rezession dürfte holländische Unternehmen demnach nicht ganz so stark ausbremsen wie unter üblichen Bedingungen.

Andererseits liegt die Hoffnung auf dem Export. Rund ein Fünftel der niederländischen Ausfuhren gehen nach Deutschland. Gerade das Land, welches Europa mit dem höchsten Nachdruck zum Sparen bewegen will, könnte die Niederlande gemäss Bank of America Meryll Lynch also aus der Krise führen. Was aber geschieht mit den Niederlanden, wenn selbst Deutschlands Wirtschaftsmotor dereinst ins Stottern geraten sollte? Auf diese Frage haben weder die Ökonomen, noch Europas Politiker bislang eine schlüssige Antwort. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2012, 18:02 Uhr

75

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

75 Kommentare

christine meier

02.05.2012, 18:50 Uhr
Melden 254 Empfehlung 0

Und man kann jetzt wettern und schimpfen gegen Herr Blocher soviel man will, haetten er und seine SVP sich nicht so klar gegen einen EU Beitritt eingesetzt, waeren wir jetzt auch mitten in diesem Schlamassel! Antworten


Hanna Streber

02.05.2012, 18:29 Uhr
Melden 239 Empfehlung 0

Ich muss keine Gründe liefern für ein EU Nein die EU tut das ganz von allein. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz

Umfrage

Eine volle Rente soll nur noch erhalten, wer zu 80 Prozent invalid ist. Sind Sie mit dem Entscheid des Ständerats einverstanden?




Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Heizöltank: Tankrevision oder Sanierung

Möchten Sie mehr über die Revision und Sanierung von Heizöltanks erfahren? Dann sollten Sie hier klicken und weiterlesen.

Jetzt wechseln und sparen

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.