Wirtschaft

«Die Kampagne sieht nach einem Schnellschuss aus»

Aktualisiert am 13.04.2012 372 Kommentare

Der Gewerbeverband will dem boomenden Einkaufstourismus nicht länger tatenlos zusehen. Er hat deshalb heute eine Gegenkampagne lanciert. Der Werber Thomas Lüber vermisst dabei die Emotionen.

Schweizer kauften für rund fünf Milliarden Franken im Ausland ein: Kampagne des Gewerbes. (Grafik: Schweizerischer Gewerbeverband)

Schweizer kauften für rund fünf Milliarden Franken im Ausland ein: Kampagne des Gewerbes. (Grafik: Schweizerischer Gewerbeverband)

Links

Einkaufstourismus umgekehrt

Einkaufstourismus ist nicht allein ein Phänomen, das preisbewusste Schweizer ins Ausland treibt. Auch umgekehrt funktioniert die Sache. Erwähnt seien der Tanktourismus – vor allem aus Italien – und die deutschen «Nudelsonntage».

Die «Nudelsonntage» spülten in der Vergangenheit an deutschen Feiertagen jeweils tausende von Kauflustigen in die Grenzgebiete der Schweiz. Der Trip über die Grenze ist sogar in Zeiten der Frankenstärke nicht ausgestorben.

Klassische Nudelsonntage sind Allerheiligen im November und der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Die Bezeichnung erklärt sich mit der Vorliebe der nördlichen Nachbarn für Schweizer Teigwaren aller Art – sie räumen vor allem in den Ostschweizer Migros-Filialen jeweils die entsprechenden Regale ratzekahl.

Im grenznahen Deutschland heissen die Feiertage denn auch «Nüdelitage» - in der Annahme, dass die Schweizer alles verkleinern. Daneben kaufen deutsche Einkaufstouristen Schokolade, Kaffee, Tee und Gewürze.

Warum die deutschen Einkaufstouristen ihre Einkaufswagen ausgerechnet mit Teigwaren behäufen, entzieht sich der Kenntnis der Detailhändler. Vielleicht trauen die nördlichen Nachbarn den Schweizern eine höhere «Italianità» und damit ein glücklicheres Händchen für die «Pasta» zu. (sda)

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Der grenznahe Einkaufstourismus tut weh. Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) hat deshalb heute eine Kampagne lanciert. Trotz schwachem Euro sollen die Schweizer im eigenen Land einkaufen, denn letztlich komme dies auch ihnen zugute, lautet die Aussage des SGV.

Mit Inseraten in Tageszeitungen, Werbeplakaten an Verkehrsknotenpunkten und Einkaufstaschen mit dem Kampagnenmotto «Ja zur Schweiz – Hier kaufe ich ein» will der SGV in den nächsten drei Wochen 250'000 Franken in die Hand nehmen und Werbung machen für den Wirtschaftsstandort Schweiz.

Bekanntes Wehklagen

Dazu fährt der SGV zusammen mit kantonalen Gewerbeverbänden und Branchenverbänden zum einen das bekannte Wehklagen über die durch den Einkaufstourismus bedrohten Ausbildungs- und Arbeitsplätze auf. Darüber hinaus sieht der SGV aber auch das «System Schweiz» als Ganzes bedroht.

«Der Verzicht auf den Einkauf im Ausland ist ein bewusster Entscheid und ein Zeichen von Stolz auf die Schweiz mitsamt ihren Errungenschaften», schreibt der SGV in einem Communiqué. Zu letzteren zählt der Verband das «erfolgreiche» Bildungssystem und die «hohe Qualität» der inländischen Dienstleistungen und Waren.

KMU als Hauptträger der Kampagne

Getragen werden soll die Kampagne jedoch vor allem von den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Schweiz selbst. «Wir stellen das Argumentarium und das Material zur Verfügung, die eigentliche Kampagne müssen die KMU aber selbst führen», erklärt SGV- Direktor Hans-Ulrich Bigler.

So sollen die Unternehmen die Werbeplakate in ihren Betrieben und Verkaufsstellen platzieren und ihre Kunden von der Botschaft der Kampagne überzeugen. Dazu stellt der SGV die vorgefertigten Inserate und Plakate zum Herunterladen auf seiner Webseite zur Verfügung.

Und was hält ein Werber von der Kampagne? Thomas Lüber von der Zürcher Agentur Lesch+Frei zeigt sich im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet skeptisch: Er vermisse eine zündende Idee und Emotionen; die Grundaussage sei einfach eins zu eins umgesetzt worden. «Auch graphisch wirkt es eher plump und handgestrickt – die Kampagne sieht nach einem Schnellschuss aus.» Er begrüsse zwar grundsätzlich, dass gegen den Einkaufstourismus etwas unternommen werde, aber: «Man hätte mehr daraus machen können.»

Schaden auf bis zu 5 Milliarden Franken geschätzt

Den durch den Einkaufstourismus entstandenen Schaden für die Schweizer Volkswirtschaft beziffert der SGV für das Jahr 2011 auf rund 5 Milliarden Franken. Er stützt sich damit auf eine Schätzung, welche die Grossbank Credit Suisse (CS) in ihrer jährlichen Detailhandelsstudie im Januar publik gemacht hat. Die CS hatte allerdings von 4 bis 5 Milliarden Franken gesprochen, die über den Einkaufstourismus ins Ausland geflossen seien.

Gegenüber 2010 habe das Volumen der schweizerischen Einkäufe im Ausland damit um 20 bis 30 Prozent zugenommen, erklärt CS-Ökonom Damian Künzi, Mitautor der Studie. Demnach hatten sich die ausländischen Einkäufe 2010 noch zwischen 3 und 4 Milliarden Franken bewegt. Für 2012 gehe die CS aber nicht von einer weiteren Zunahme gegenüber 2011 aus. Das Einkaufstourismus-Volumen werde auf hohem Niveau stagnieren, sagt Künzi.

Konsumentenforum mit geteilter Meinung

Franziska Troesch-Schnyder, die Präsidentin des Konsumentenforums (KF), zeigt Verständnis für den Einkaufstourismus. Grundsätzlich hält sie das Vorgehen jedoch für falsch, denn der Schweiz gingen dadurch nebst Arbeitsplätzen auch Mehrwertsteuereinnahmen verloren.

Das KF kämpfe dafür, dass die Preise in der Schweiz heruntergesetzt und Währungsvorteile direkt an die Kunden weitergegeben würden. Zudem erarbeite man gemeinsam mit anderen Konsumentenorganisationen eine Webseite, auf der zu teuer verkaufte Produkte aufgelistet würden.

Preissenkungen möglich

Die beiden grössten Schweizer Detailhändler Migros und Coop, die beide bei der SGV-Kampagne nicht dabei sind, geben sich zurückhaltend zum Thema. Migros-Sprecher Urs Peter Naef erklärt, sein Unternehmen werde 2012 überall dort Preissenkungen vornehmen, wo es möglich sei. Auch Coop-Sprecher Urs Meier sagt dazu: «Wenn wir eine Möglichkeit sehen, werden wir Preissenkungen durchführen.»

SGV-Direktor Bigler, der die letztjährigen Preissenkungen von Coop und Migros als gut angelegte Marketing-Aktion bezeichnet, sieht die Nichtweitergabe von Währungsvorteilen nicht als grösstes Problem. Die Währungsdifferenz vom Franken zum Euro sei nun einmal da, wie damit umzugehen sei, müsse jeder Konsument selbst entscheiden. (rub/sda)

Erstellt: 13.04.2012, 17:24 Uhr

372

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

372 Kommentare

Marc Schöni

13.04.2012, 11:56 Uhr
Melden 664 Empfehlung 0

Dann sollen die Gewerbler dafür sorgen, dass Markenprodukte in der Schweiz nicht mehr 200% und 300% mehr kosten als im grenznahen Ausland. Das ist mit keiner Logik zu erklären.... Antworten


Ronnie König

13.04.2012, 11:58 Uhr
Melden 477 Empfehlung 0

Eine sinnlose und teure Aktion. Die Insel Schweiz gibt es nicht! Und kann auch nicht ala Nordkorea erzwungen werden. So funktionieren eben freie Marktwirtschaft und Neoliberalismus. Das sollte gerade der SGV zuerst wissen. Aber Nein! Vieles wurde zu Ungunsten der Konsumenten abgebaut oder nie realisiert. Nun kommt quasi die Quittung. Wir Konsumenten wollen genau so profitieren wie das Gewerbe. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Eine volle Rente soll nur noch erhalten, wer zu 80 Prozent invalid ist. Sind Sie mit dem Entscheid des Ständerats einverstanden?



Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz

Genusswelt

Entdecken Sie Weine, Spirituosen, Zigarren und vieles mehr!

Online-Wettbewerb

Gewinnen Sie ein tropisches Wochenende in Frutigen.

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.