Wirtschaft

«Die Griechen werden ihre Ersparnisse verlieren»

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 10.05.2012 111 Kommentare

UBS-Chefökonom Andreas Höfert warnt vor einer Ansteckungsgefahr für Portugal im Fall eines griechischen Euroaustritts. Zudem stellt er unter europäischen Politikern eine grosse Müdigkeit in Bezug auf die Krise fest.

«Rasche Antworten sind verlangt», sagt Andreas Höfert.

«Rasche Antworten sind verlangt», sagt Andreas Höfert.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

SwissquoteExklusiver Trading-Partner

[Alt-Text]

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Die Experten der Citigroup haben die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland aus der Eurozone ausscheidet, auf 50 bis 75 Prozent erhöht. Für wie wahrscheinlich halten Sie ein solches Szenario?
Die Wahrscheinlichkeit hat sicher zugenommen, ohne dass ich das in konkrete Zahlen fassen möchte. Vorderhand halte ich aber an unserem Hauptszenario fest, wonach sich die Politik irgendwie durchwursteln und die Eurozone nicht auseinanderbrechen wird. Je nach Ergebnis eines allfälligen zweiten Wahlganges in Griechenland müssen wir die Situation neu beurteilen.

Die Beteuerungen aus den europäischen Hauptstädten, es werde keine Austritte aus der Eurozone geben, klingen aber nicht mehr ganz so überzeugend.
In der Tat ist unter europäischen Politikern eine grosse Müdigkeit und Enttäuschung in Bezug auf Griechenland festzustellen. Nachdem das Land zweimal vor dem Bankrott gerettet wurde, wächst die Neigung, die Griechen abzuschreiben und die Verteidigungslinien neu abzustecken – vor allem mit Blick auf Spanien und Italien.

In welchem Zeitraum ist Ihrer Meinung nach ein Bruch mit Griechenland zu erwarten?
Der politische Prozess verlangt nach raschen Antworten. Von Neuwahlen verspreche ich mir nicht viel, dafür ist das Votum der Griechen gegen das europäische Rettungsprogramm am letzten Wochenende zu eindeutig gewesen. Wenn in einer zweiten Runde nochmals keine parlamentarische Mehrheit zugunsten Europas zustande kommt, muss die Politik die Konsequenzen ziehen.

Laut Vereinbarung mit den Europartnern muss sich die griechische Regierung bis Ende Juni zu weiteren Budgeteinsparungen verpflichten ...
...die Frage ist nur, mit wem Sie derzeit in Griechenland verhandeln wollen. Da nimmt niemand mehr den Hörer ab.

Das würde bedeuten, dass Griechenland keine Hilfskredite mehr von den Euroländern und dem Währungsfonds erhielte.
Richtig, und in der Folge könnte der griechische Staat seine Angestellten nicht mehr bezahlen. Er sähe sich dann wohl gezwungen, eine Art Parallelwährung zum Euro einzuführen. Das wäre der Anfang vom Ende der griechischen Euromitgliedschaft.

Wie dürfte ein solcher Bruch vollzogen werden: Indem Griechenland auf eigenen Wunsch ausscheidet oder indem das Land von den übrigen Euromitgliedern zum Austritt gezwungen wird?
Auf die Gefahr hin, dass ich mich etwas aus dem Fenster lehne: Man wird versuchen, den Griechen den Austritt aus der Eurozone schmackhaft zu machen und ihnen als Chance für einen Neustart zu verkaufen. Natürlich wird das nicht ohne finanzielle Hilfen der Euroländer möglich sein. Wenn Griechenland eine neue Drachme einführt, wird diese Währung ohne Garantien des Währungsfonds oder der Europäischen Zentralbank so gut wie wertlos sein, weil niemand Vertrauen in diese Scheine haben wird.

Wie gross ist die Gefahr, dass Griechenland nach der Abkehr vom Euro im wirtschaftlichen Chaos versinkt?
Dieses besteht doch bereits heute, wenn wir uns die Talfahrt der griechischen Wirtschaft anschauen. Für die Bevölkerung werden die Folgen eines Austritts aus der Eurozone katastrophal sein: Die Menschen werden ihre Ersparnisse verlieren, nachdem sie zuvor die Arbeit und die Hoffnung verloren haben.

Warum erleben wir heute noch keinen Run auf die griechischen Banken, wenn die Griechen eine Entwertung ihrer Ersparnisse befürchten müssen?
Seit Ausbruch der Finanzkrise beobachten wir dieses Phänomen öfter: Eine erwartete Entwicklung staut sich über längere Zeit auf, bis plötzlich ein heftiger Ruck kommt – ähnlich wie bei einer Ketchup-Flasche, die wir schütteln. So könnte dies auch mit den griechischen Banken ablaufen, zumal ein schleichender Run der Kunden längst schon eingesetzt hat.

Was müssten die Euroländer vorkehren, damit ein Ausscheiden Griechenlands möglichst reibungslos vonstattengeht?
Zum einen müssen sie Vorkehrungen treffen mit dem Ziel, die Grossbanken in Europa – insbesondere die stark in Griechenland exponierten französischen Institute – gegen die Folgen eines Bankrotts des griechischen Finanzsektors abzuschirmen. Zum andern gilt es, Portugal im Auge zu behalten. Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone würde ein Präjudiz schaffen und die Frage nach möglichen weiteren Austrittskandidaten aufwerfen. Gut möglich, dass die Portugiesen dann ihre Ersparnisse in grossem Stil von den Banken abziehen, um nicht das gleiche Schicksal wie die Griechen zu erleiden. Darauf muss man vorbereitet sein.

Stünde die Eurozone ohne Griechenland gestärkter da?
Längerfristig wäre das zweifellos der Fall. Griechenland hätte nie in die Währungsunion aufgenommen werden dürfen – das erweist sich heute als Kardinalfehler. Das Land ist im Grunde schon seit 2010 pleite.

Aber geriete dann nicht eben Portugal als nächstes ins Schussfeld? Obwohl auch Portugal vor erheblichen Problemen steht und möglicherweise ebenfalls ein zweites Rettungspaket und einen Schuldenschnitt benötigt, ist das Land nicht mit Griechenland vergleichbar. Es verfügt über funktionierende Institutionen und hat nicht jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Hinzu kommt: Ein Austritt der Griechen könnte durchaus disziplinierend auf die übrigen Euroländer wirken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2012, 20:25 Uhr

111

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

111 Kommentare

Linus Huber

10.05.2012, 07:58 Uhr
Melden 251 Empfehlung 0

Hört doch endlich auf, Banken oder wer auch immer, welcher Fehler machte in der Kreditvergabe zu schützen und die Verluste der Allgemeinheit unterzujubeln. Solche Banken gehören liquidiert und einzig die Sparer sollten gerettet werden. Ebenfalls sollten die Vergütungen der Manager der letzten 10 Jahre in die Liquidationsmasse einfliessen. Alles andere ist Verletzung von Rechtsstaatlichkeit. Antworten


Roland Steiner

10.05.2012, 07:25 Uhr
Melden 113 Empfehlung 0

Weshalb sollen die griechischen Sparer ihr Geld verlieren? Kein Grieche ist privat gezwungen, sein Geld in die neuer Währung zu wechseln. Die einzigen Verlierer sind die Kreditgeber und Investoren die in Griechenland investiert haben. Diese sind ja auch an der jetzigen Kriese selber Schuld, da sie eine falsche Risikoabschätzung gemacht haben. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz

Umfrage

Eine volle Rente soll nur noch erhalten, wer zu 80 Prozent invalid ist. Sind Sie mit dem Entscheid des Ständerats einverstanden?




Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

DAS GELD und ich

Börsen auf Höchstständen: Wie weiter?

Genusswelt

Entdecken Sie Weine, Spirituosen, Zigarren und vieles mehr!

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.