Wirtschaft

Die Griechen sind verloren

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 01.04.2010

Die Rettungsaktion der europäischen Staatschefs für Griechenland erweist sich als Rohrkrepierer. Die Griechen bezahlen für ihre Schulden so viel wie zuvor und die Aussichten sind äusserst düster.

«Absurde Beschlüsse»: Gruppenbild der EU-Staats- und Regierungschefs am Gipfel vom 25. März, als über Hilfsmassnahmen für Griechenland beraten wurde.

«Absurde Beschlüsse»: Gruppenbild der EU-Staats- und Regierungschefs am Gipfel vom 25. März, als über Hilfsmassnahmen für Griechenland beraten wurde.
Bild: Keystone

Eben erst haben die Staatschefs der Europäischen Union nach langem hin und her beschlossen, Griechenland im Notfall doch zu helfen. Eigentlicher Zweck der Übung war, dass nie Geld fliessen muss. Die Verlautbarung hatte einzig zum Ziel, die Zinsaufschläge für die Schulden des griechischen Staates zu senken. Wenn sich auf den Kapitalmärkten die Überzeugung durchsetzt, dass die Griechen ihre Schulden auf jeden Fall berappen werden – notfalls mit Hilfe der anderen EU-Länder, dann müssten die Risikoaufschläge fallen, so die Überlegung. Die Übung der Europäer ist vorläufig gescheitert.

Die Renditen für 10-jährige Regierungsanleihen liegen heute noch bei 6,44 Prozent. Das bedeutet, dass die Griechen nach wie vor mehr als 3 Prozent höhere Zinsen als Deutschland für ihre Staatsschulden aufwenden müssen. Eine Reihe von renommierten Kommentatoren haben das bereits vorausgesagt. Dass der Plan nachhaltig wirken könnte, hätten wohl die Europäischen Staatschefs selbst kaum geglaubt, schrieb etwa Wolfgang Münchau in der «Financial Times», Münchau ist als Buchautor, Mitgründer und einstiger Chefredaktor von «Financial Times Deutschland» bekannt. Der Beschluss der Staatschefs sei nicht mehr gewesen als ein Blendwerk, die Beschlüsse selbst sogar «absurd».

Widersinniges «Rettungspolster»

Münchau bezieht das vor allem auf den Entscheid, Griechenland nur Hilfe zu Markt- oder Strafsätzen zu gewähren. Dafür erhält das Land in Tat und Wahrheit bereits jetzt Geld. Auch Martin Wolf, Chefökonom des britischen Finanzblatts, hält es für widersinnig, den Griechen mit teuren Krediten beistehen zu wollen, wenn doch deren Problem augenblicklich exakt darin besteht, dass die Mittelaufnahme nur zu einem hohen Preis zu haben ist.

Weiter hat für Kopfschütteln gesorgt, dass eine Hilfe nur gesprochen wird, wenn alle Länder einverstanden sind. Münchau glaubt, es sei insgesamt weniger um eine Unterstützung der Griechen gegangen, als darum, im Streit zwischen EU-Kommission und Frankreich auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite rasch wieder zu einem präsentierbaren Kompromiss zu gelangen. So hat man das offenbar auch auf den Kapitalmärkten interpretiert.

Zu viel für den IWF

Selbst dass man den Internationalen Währungsfonds IWF beiziehen will, hat niemanden überzeugt. Wie das britische Fachblatt «Economist» berichtet, schreibt der IWF einem auf seine Hilfe angewiesenen Land eine drastische Rosskur vor. Um diesen Staat trotzdem nicht ins konjunkturelle Elend zu stürzen, empfiehlt er aber auch eine Abwertung der Währung. Doch genau dies ist beim Eurostaat Griechenland ausgeschlossen. Das Land hat jetzt nur noch die Wahl zwischen einem konjunkturellen Niedergang oder einem Staatsbankrott. Die zweite Lösung könnte für das Land die bessere Option sein.

Selbst wenn die EU-Hilfe tatsächlich geleistet würde, wäre sie mit den vereinbarten 25 Milliarden Euro viel zu gering. Der «Economist» hat ausgerechnet, dass mindestens 75 Milliarden Euro nötig werden, um den Griechen genügend Schnauf zu verschaffen. Einen solchen Betrag könnte laut Fachleuten sogar die Möglichkeiten des IWF überstrapazieren. Die Europäer wollen, dass Griechenland innert drei Jahren das Budgetdefizit wieder unter 3 Prozent drücken kann. Der «Economist» glaubt, dass das mindestens fünf Jahre braucht.

Zum Scheitern verurteilt

Und selbst dann müsste Griechenland immer mehr von seiner wirtschaftlichen Gesamtleistung für Zinszahlungen aufwenden: Von aktuell 5 Prozent des Bruttosozialprodukts bis zu 8,4 Prozent. Alleine um den weiteren Anstieg der Verschuldung zu stoppen, müsste das Land gemäss diesen Berechnungen einen Budgetüberschuss (die Zinszahlungen ausgenommen) von 13,5 Prozent gemessen am BIP erwirtschaften. Die Bevölkerung des Landes würde das scharfe konjunkturelle Bremsmanöver, das die Folge wäre, nie akzeptieren. Bis zum Jahr 2014 würde laut den Berechnungen des «Economist» die griechische Wirtschaft um 5 Prozent schrumpfen – ohne dass die eigentliche Staatschuld zurückgegangen wäre. Ein Schuldenabbau ist mit einer schwächeren Wirtschaft noch weit schwieriger.

Immer wieder wird beruhigend auf die Lage von Japan verwiesen, dessen Staatschuld sich mittlerweile auf 200 Prozent beläuft. Hier spricht niemand von einem drohenden Bankrott. Doch bestehen hier zwei wesentliche Unterschiede: Japan verfügt über eine eigene Währung und ist zum grössten Teil gegenüber inländischen Gläubigern verschuldet. Die Schulden der Griechen befinden sich dagegen zu 70 Prozent in den Händen von Ausländern.

Martin Wolf von der «Financial Times» stellt in einem Kommentar die rhetorische Frage, ob es aus dem Dilemma für die Eurozone einen befriedigenden Ausweg gebe. Seine Antwort fällt vernichtend aus: «Nicht so weit ich sehen kann.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2010, 17:51 Uhr

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