Wirtschaft

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


«Die Bankia wird nicht der letzte solche Fall gewesen sein»

Aktualisiert am 10.05.2012

Madrid musste in der Nacht die viertgrösste Bank des Landes retten. Weshalb Staatsbeteiligungen oder komplette Verstaatlichungen allerdings kein Erfolgsgarant sind, erklärt Banken-Professor Hans Geiger.

1/3 Die Bank musste gestern Abend kapitulieren: Bankia-Hauptsitz in Madrid.
Bild: Keystone

   

«Wenn schon, dann komplett verstaatlichen»: Hans Geiger. (Bild: Keystone )

45 Prozent gehören jetzt dem Staat

Die spanische Regierung übernimmt die Kontrolle über die kriselnde Grossbank Bankia. Dies gab das Madrider Wirtschaftsministerium am Mittwochabend bekannt. Danach wird die Regierung die Muttergesellschaft BFA, zu der neben Bankia mehrere Sparkassen gehören, zu 100 Prozent verstaatlichen. Auf diese Weise werde der Staat grösster Aktionär bei Bankia sein und über 45 Prozent des Kapitals der Bank verfügen. Das viertgrösste Geldinstitut Spaniens mit zehn Millionen Kunden gilt wegen seiner zahlreichen faulen Immobilienkredite als der grösste Problemfall im spanischen Finanzsektor. (sda)

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Spaniens Bankensystem in Schieflage

Die spanische Bank Bankia sitzt auf faulen Immobilienkrediten in der Höhe von 38 Milliarden Euro. Im gesamten spanischen Bankensystem sollen toxische Papiere im Umfang von 140 Milliarden Euro vorhanden sein. Das schätzt die spanische Zentralbank. Für das gesamte Bankensystem wird der zusätzliche Kapitalbedarf auf zwischen 50 und 120 Milliarden Euro geschätzt. Spaniens Bankenrettungsfonds FROB verfügt über Mittel von 15 Milliarden Euro. Die Schweizer Banken waren in Spanien per Ende 2011 mit rund 21 Milliarden Dollar engagiert (BIZ). Bei den Deutschen Banken beträgt diese Zahl schon satte 146 Milliarden Dollar. (cpm)

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Herr Geiger, in Spanien wurde die viertgrösste Bank des Landes, die Bankia, teilverstaatlicht. Muss man davon ausgehen, dass das Institut kurz vor dem Kollaps stand?
Nein, Aufsicht, Notenbank und Regierung waren sicher im Bild, was den Stand bei der Bank anbelangt. Und man hat sicherlich noch rechtzeitig reagiert. Das Problem ist natürlich, dass Banken in Schieflage kaum noch Geld bekommen und als Folge davon illiquid werden. Andere Banken, Hedgefonds und institutionelle Investoren werden Geld abziehen.

Es sind also nicht die privaten Anleger, die jetzt ihr Vermögen abziehen?
In der Regel dauert es länger, bis Private ihr Geld abziehen. Heikel wird es für die Finanzinstitute aber schon vorher, eben wenn sie vom Interbankenmarkt abgeschnitten werden.

Nun ist der spanische Staat Teilhaber. Wie kann das die Situation beruhigen?
Es geht ums Vertrauen. Wenn Anleger, Investoren und Sparer dem Staat zutrauen, die Bank zu stabilisieren, dann kann das gut gehen. Das muss aber nicht so sein. Die Geschichte der Schweizer Kantonalbanken hat gezeigt, dass auch Institute mit Staatsgarantie verschwinden können.

Der Staat kann als Teilhaber einsteigen, er kann aber eine Bank auch ganz verstaatlichen. Wann kommt welches Szenario zum Tragen?
Eine Rolle dabei spielt die Frage, wie gross der Kapitalbedarf ist. Meiner Meinung nach aber sind Lösungen, bei denen der Staat nur als Teilhaber einsteigt, nicht optimal. Gezeigt hat sich das zum Beispiel beim britischen Immobilienfinanzierer Northern Rock. Zuerst hatte man umgerechnet rund 50 Milliarden Franken eingeschossen und später noch zusätzlich 50 Milliarden an Garantien gesprochen. Das Ganze, ohne dabei voll über das Institut bestimmen zu können – die komplette Verstaatlichung erfolgte erst später. In der Folge fassten die Alt-Aktionäre sogar noch Beschlüsse gegen die staatliche Rettung.

Sie finden also, wenn schon Staatseinstieg, dann gerade komplett?
Der Staat kann gewisse Überbrückungshilfen anbieten. Grundsätzlich aber gehe ich davon aus, dass entweder der Markt das Problem löst – durch Erfolg oder Konkurs –, oder aber eine Bank halt im Notfall verstaatlicht werden muss.

Gerade die Schweiz aber wählte einen anderen Weg, nämlich indem man sich bei der UBS mit sechs Milliarden Franken beteiligte. Und die Geschichte ging äusserst gut aus.
Das war sicher ein Spezialfall. Regierung, Nationalbank und Aufsicht waren äusserst gut vorbereitet auf diesen Eventualfall. Und dementsprechend gut war die Lösung.

Waren andere Staaten nicht gut vorbereitet?
Das kann man wohl sagen. Weder in den USA, noch in Deutschland oder Grossbritannien gingen staatlichen Engagements in so geordneten Bahnen ab wie in der Schweiz. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort wurde im Höhepunkt der Finanzkrise ein 700 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket für die Banken durch den Kongress geprügelt. Die Idee war, dass man damit Schrottpapiere aufkauft. Das Geld wurde dann aber plötzlich ganz anders eingesetzt, es floss teilweise in Käufe von Bankaktien.

Bei der UBS hat sich der Staat als Anteilseigner nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen. Im Falle der britischen Grossbank Royal Bank of Scotland dauert das Engagement des Staates nun schon seit Jahren an. Wann ist Zeit für den Ausstieg?
Für die Eidgenossenschaft war es natürlich einfacher, aus der relative kleinen Beteiligung wieder auszusteigen. Anders sieht das bei der Royal Bank of Scotland aus, wo der britische Staat mit über 50 Prozent beteiligt ist. Dafür lassen sich nicht einfach private Investoren finden. Besonders nicht, solange die Krise anhält und das Vertrauen in das Finanzsystem nicht wiederhergestellt ist.

Kommt es zu weiteren Verstaatlichungen von Banken in Europa?
Davon müssen wir ausgehen. Die Bankia wird nicht der letzte solche Fall gewesen sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2012, 14:45 Uhr

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