Wirtschaft

Der neue Kalte Krieg

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.11.2011 47 Kommentare

Vor dem Gipfel der G-20 in Cannes zeichnet sich eine neue Weltordnung ab: Zwischen Schuldnern und Gläubigern. Letzteren sollte bewusst sein, dass sie «nicht an den Mars» verkaufen. Eine Analyse.

Kriegsähnliche Zustände herrschen auch am Tagungsort der G-20: Milan-Abwehrlenkwaffen der französischen Armee im Hafen von Cannes.

Kriegsähnliche Zustände herrschen auch am Tagungsort der G-20: Milan-Abwehrlenkwaffen der französischen Armee im Hafen von Cannes.
Bild: Reuters

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Tausende beim Gegengipfel in Nizza

Tausende beim Gegengipfel in Nizza
Mehrere tausend Menschen demonstrieren in Nizza gegen das G-20-Treffen. Ihr Motto: «Zuerst die Menschen, dann die Finanzen».

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Im Kalten Krieg war die Welt eingeteilt in Kapitalisten und Kommunisten. Heute zeichnet sich eine neue Trennlinie ab: Gläubiger und Schuldner. Diese Lager sind im Begriff, ihre Interessen egoistisch durchzusetzen. Kann die G-20 wirksam Gegensteuer geben?

Beim Gipfel im April 2009 in London war noch ein Hauch von Gemeinschaftsgefühl zu verspüren. Um eine weltweite Depression zu verhindern, versprachen die Teilnehmer, mit Konjunkturspritzen einen Absturz der Weltwirtschaft zu verhindern und dafür zu sorgen, dass der internationale Handel nicht mit protektionistischen Massnahmen abgewürgt wird. Zudem wurden dem Internationalen Währungsfond (IWF) zusätzliche Mittel gewährt, um Ländern in Not unter die Arme zu greifen. Der Gipfel in London war deshalb ein Erfolg. Die befürchtete Depression konnte verhindert werden.

Der grosse Graben

Zweieinhalb Jahre später sieht es weniger gut aus. Die Weltwirtschaft lahmt, der Konsens hat sich verflüchtigt. Stattdessen tobt ein Mini-Währungskrieg. China hält den Renminbi künstlich tief, Brasilien verhindert mit einer Strafsteuer den Zufluss von ausländischem Kapital, Japan und die Schweiz beeinflussen ihre Währungen mit massiven Interventionen auf den Devisenmärkten. Auch der Traum einer vernünftigen Koordination ist geplatzt. Stattdessen öffnet sich ein Graben zwischen Gläubiger- und Schuldnerländer.

Die Weltwirtschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten. Das führt zu immer gehässigeren geopolitischen Auseinandersetzungen. China wirft den USA regelmässig deren hohe Verschuldung vor. Deutschland will, dass Europa nach seinem Vorbild den Gürtel enger schnallt. Die USA fordern umgekehrt China auf, endlich seine Währung aufzuwerten, und Europa, mehr zu tun, um die Wirtschaft anzukurbeln.

«Wir leben alle auf dem gleichen Planeten»

Die gegensätzlichen Interessen lassen sich nicht mehr unter einen Hut bringen. Statt Konsens droht ein Glaubenskrieg. Dabei haben die Gläubigerländer derzeit bessere Karten. Im Gefühl der moralischen Überlegenheit sind sie dabei, der Welt ihre Rezepte aufzuzwingen. Ironischerweise setzen sie dabei ihre eigenen Interessen aufs Spiel: Wenn sie die Defizitländer zum Sparen zwingen, vergraulen sie ihre eigenen Kunden. Wohin wollen sie letztlich exportieren? Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», betont deshalb einmal mehr die alte Binsenweisheit: «Die Gläubiger verkaufen nicht an den Mars. Wir leben alle auf dem gleichen Planeten.»

Die Exportländer glauben, dass die Defizitländer gleichzeitig ihre Schulden sanieren und weiterhin importieren können – das ist rein logisch unmöglich. In der Praxis sind denn auch die Resultate negativ. Eine konservative-liberale Regierung in London bereitet der eigenen Wirtschaft mit einem übertrieben harten Sparprogramm grosse Sorgen. Europa ist dank der deutschen Inflationsobsession ebenfalls im Begriff, in eine neue Rezession abzugleiten, und in den USA verhindern die Republikaner eine dringend notwendige zweite Konjunkturspritze.

Gestörtes Gleichgewicht

Stattdessen hofft man darauf, dass die Schwellenländer die Weltwirtschaft aus dem Dreck ziehen. Vergeblich: Der IWF geht davon aus, dass der Anteil der Schwellenländer am globalen Konsum sogar rückläufig sein wird, und kommt deshalb zur nüchternen Feststellung: «Diese Volkswirtschaften werden die Nachfrageausfälle in den entwickelten Ländern nicht kompensieren können.»

Es gibt keine moralischen Unterschiede zwischen Gläubigern und Schuldnern. Es braucht die Einsicht, dass das gestörte Gleichgewicht mit gemeinsamen Massnahmen wieder hergestellt werden muss. Im April 2009 schien diese Einsicht noch vorhanden zu sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2011, 12:42 Uhr

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47 Kommentare

Berta Müller

02.11.2011, 13:28 Uhr
Melden 54 Empfehlung

Die Mär vom anhaltenden, stetigen Wachstum ist dabei widerlegt zu werden. Antworten


ali kazemi

02.11.2011, 14:32 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Georges Müller@richtig: zuviele Produzenten u auf der anderen Seite haben reiche Länder während Jahrzehnte die dritte welt stark ausgebeutet, sodass heute praktisch 70% der Menschheit kein Geld zum konsumieren hat(während Billionen bei Banken o für Militär verpulvert werden)Lösung = gerechte globale Umverteilung,dann hätten wir wieder genügend Konsumenten, aber kein Geld mehr für Manager u Co Antworten



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