Der lange Weg zu kleinen Autos
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 06.06.2011 7 Kommentare
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Die Europäer haben es erfunden, doch die Amerikaner machten das Auto zum Massenkonsumgut. Mehr als das: In den USA war das Auto immer mehr als nur ein Transportmittel. Das Auto war und ist für viele Amerikaner der private Raum schlechthin. Viele Erwerbstätige verbringen mehr Stunden im Auto als mit der Familie. Wer im Grossraum New York zwei Stunden zur Arbeit und zwei Stunden zurück nach Hause pendelt, ist keine Ausnahme.Deshalb muss das Auto bequem sein, gross und nach etwas aussehen.
Die Mobilität gehört zum modernen Amerika der Nachkriegsjahre. Deshalb nehmen sich US-Automobilisten ohne schlechtes Gewissen ihren Raum. Die Strassen sind gross genug. Und wenn nicht, so wird Platz geschaffen. Im Kalifornien der 1960er-Jahre etwa schlug die State Division of Highways allen Ernstes vor, im Bristol-Gebirgszug 22 Atombomben zu zünden, um die Interstate 40 rasch und billig vorantreiben zu können. Dass in New York, San Francisco und anderen Städten derzeit mit grosser Schärfe gegen den Bau von Velowegen und Vortrittsrechte für Nichtautofahrer gekämpft wird, bestätigt die alte Mentalität. Amerika ist noch immer ein Land der Autofahrer. Und der grossen Wagen. Die aktuellen Statistiken zum Kaufverhalten sind vor diesem Hintergrund zu lesen. Es ist zwar richtig, dass Amerikaner etwas mehr kleine und mehr sparsame Wagen anschaffen. Dafür ist aber vorrangig der gestiegene Benzinpreis verantwortlich.
Es ist wie mit dem Essen
Ähnliches gilt für den Umstand, dass die drei US-Hersteller damit begonnen haben, ihre Produktepaletten umzustellen. Dazu kam es nicht, weil sie wirklich wollten, sondern weil sie nicht mehr anders konnten. Als Erstes schwenkte 2007 Ford um. Der Anstoss kam von aussen. Es brauchte einen von Boeing zum Konzern stossenden Chef, um kleinere Wagen nach europäischem und japanischem Muster zu bauen.
Chrysler und General Motors mussten mit Gewalt zur Umkehr gezwungen werden, da grosse Wagen und Pick-up-Trucks lange Zeit mehr Gewinn machten als Kleinwagen. Es brauchte den Hammer in Form eines Bankrotts. Erst unter diesem gewaltigen, von der Regierung Obama hochgehaltenen Druck stellten GM und Chrysler ihre Fertigung langsam um. Doch das Strassenbild ist noch immer weit von dem entfernt, was man in Europa gewohnt ist. Als kürzlich ein lindengrüner Fiat Cinquecento in den Strassen von San Francisco parkiert war, bestaunten Passanten das Wägelchen, als stamme es vom Mars. Dass der Weg zu kleineren Autos noch lange ist, zeigt die letzte Verkaufsstatistik. Abgesetzt wurden 2010 11 Millionen neue Fahrzeuge. Davon waren 6 Millionen Pick-ups und SUVs, nur 5,6 Millionen Personenwagen.
Die Erfahrungen aus den Ölkrisen der letzten 40 Jahre seien stets dieselben, sagt Rebecca Lindland vom Marktforschungsinstitut IHS. Erst wenn der Benzinpreis stark steigt, kaufen die Amerikaner kleine Autos. «Aber dieser Effekt verpufft nach drei, vier Monaten; danach lieben es die Amerikaner wieder wie zuvor.» Also gross.Trotz gestiegener Preise ist das Autofahren in den USA nach wie vor sehr billig. Und solange die Preise nur behutsam anziehen, gewöhnen sich die Fahrer eben auch an diese Kosten. Es ist wie beim Essen, sagt Lindland: Unmerklich nur legt man zu – bis man plötzlich schwer und träge ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.06.2011, 21:26 Uhr
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7 Kommentare
So "weit von dem entfernt, was man in Europa gewohnt ist", sind die Amis nun auch wieder nicht. Bei uns kaufen vielleicht 50% ein vernünftiges Auto - aber auch 50% ein unnötig übermotorisiertes Prestigeobjekt. Und auch einfach, weil "man es sich leisten kann". Antworten
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