Wirtschaft
Der grosse deutsche Irrtum
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 30.04.2012 148 Kommentare
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«Irgendetwas passiert hier, aber du hast keine Ahnung, was es sein könnte – ist doch so, Mr. Jones?», singt Bob Dylan in seinem bitterbösen Song «Ballad of a Thin Man». Dylan richtet dabei seinen Zynismus an einen klassischen britischen Literaturprofessor. Heute könnte er auch einem klassischen deutschen Ökonomieprofessor gelten. In Europa ist in den letzten Tagen ein Prozess in Gang gekommen, der deutsche Ordoliberale zutiefst verunsichern muss: ein Aufstand gegen ihre Austeritätspolitik.
Ein typischer Vertreter dieser Politik ist Bert Rürup, lange Mitglied des Rates der fünf Weisen, einem Gremium, das die Regierung bei der Wirtschaftspolitik berät. Rürup hat kürzlich ein Buch mit dem Titel «Fette Jahre» veröffentlicht. Darin lobt er die deutsche Sparpolitik über den Klee und prophezeit eine rosige Zukunft. Bis ins Jahr 2030 sollen die Deutschen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt besitzen.
Eines der härtesten Sparprogramme
Rürup begründet den zu erwartenden deutschen Erfolg mit einer scharfen Absage an den angelsächsischen Kapitalismus: «Deutschland hat nicht krampfhaft versucht, seine Wirtschaftsstruktur an die in den USA ausgerufene New Economy anzupassen, sondern ist seinen Weg des nachhaltigen Wachstums weitergegangen und hat seine vorhandenen Stärken ausgebaut», stellt er fest. Insbesondere hat die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder die Agenda 2010 durchgesetzt, eines der härtesten Sparprogramme, das eine Regierung eines modernen Industriestaates nach dem Zweiten Weltkrieg je durchgeboxt hat.
Die Agenda 2010 hat dazu geführt, dass in den letzten 15 Jahren die deutschen Löhne im Vergleich zu den anderen Staaten Europas um etwa 20 Prozent weniger gestiegen sind. Deshalb hat die Wettbewerbsfähigkeit massiv zugenommen, die deutschen wurden im Laufe der Nullerjahre zu Exportweltmeistern. «Das hat den Deutschen den Vorwurf der europäischen Nachbarn eingetragen, dass der Wiederaufstieg nur durch Lohndumping und die damit verbundene Schwächung der Binnennachfrage gelungen sei», klagt Rürup. «Doch dieser Vorwurf ist unberechtigt: Die Überschüsse sind primär Ausdruck einer erfolgreichen Spezialisierung der deutschen Industrie.»
Das gleiche Fitnessprogramm für alle
Die klassischen deutschen Ökonomen sind überzeugt: Wir haben auf den amerikanischen Unsinn verzichtet und ein knallhartes Fitnessprogramm durchgezogen. Deshalb haben wir jetzt auch Erfolg. In diesem Geist hat bisher auch Angela Merkel gehandelt. Sie sagt den anderen Euroländern: Ihr müsst das gleiche Fitnessprogramm wie wir absolvieren, und dann wird alles gut. Alles andere – Eurobonds, Aufwertung der Europäischen Zentralbank – ist dummes Zeug.
Schnäppchenjäger und Rappenspalter
Diese Argumentation beruht auf zwei fundamentalen Irrtümern. Erstens: Die deutsche Exportwirtschaft ist zwar tatsächlich viel wettbewerbsfähiger geworden, nur haben die meisten Deutschen nichts davon. Vor allem die Jungen müssen grosse Lohnabstriche machen, falls sie überhaupt einen Job bekommen. Viele Deutsche leben heute in prekären Verhältnissen, will heissen: Sie haben keinen gesicherten Arbeitsplatz, sondern kommen mit Zeitjobs, Zuschüssen des Staates und Hartz IV eher schlecht als recht über die Runden.
Die Folge davon ist tatsächlich eine stagnierende Binnennachfrage und eine «Geiz ist geil»-Mentalität. Dank Aldi, Lidl & Co. sind die Deutschen zu einer Nation von Schnäppchenjägern und Rappenspaltern geworden. Und es ist – nur so nebenbei – auch kein Wunder, dass die Schweiz für deutsche Zuwanderer so attraktiv geworden ist.
Der Konsumrausch der Nachbarn
Zweitens: Die deutschen Exporterfolge sind nicht nur die Früchte einer «erfolgreichen Spezialisierung», von der Rürup spricht. Ohne den Konsumrausch ihrer europäischen Nachbarn wäre er unmöglich gewesen. Die hohe Staatsverschuldung vieler Euroländer hängt deshalb direkt mit dem deutschen Wirtschaftswunder zusammen. Sie hat zu einem massiven Ungleichgewicht in der Eurozone geführt. Dieses Ungleichgewicht kann letztlich nur mit einem Rollentausch aufgelöst werden. Das würde bedeuten, dass Deutschland mehr importieren und konsumieren müsste.
Am einfachsten wäre dies zu machen, indem Deutschland höhere Lohnsteigerungen und eine leicht höhere Inflation als die übrige Eurozone zulassen würde. Das jedoch fürchten die klassischen Ordnungspolitiker wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb beharren sie stur auf ihrem Fitnessprogramm – und haben keine Ahnung, was sie damit anrichten und was in Europa bald passieren könnte. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.04.2012, 12:51 Uhr
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148 Kommentare
Das Problem an diesem Artikel ist, dass der Autor die vorbildlichen Vorgaben der deut. Wirtschaft ignoriert. Sie hat in dem letzten Jahrzehnt das durch gemacht, was den anderen Voklswirtschaften noch bevor steht. Der grosse kaptalistische Sündenfall ist aber das ewige Bereitstellen von riesigen Mengen an Geld. Es kann nur durch 2 Arten gelindert werden: Inflation oder hohe Zinsen, eine Katastrophe Antworten
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