Wirtschaft

Der Winter wird schwierig

Von René Lenzin . Aktualisiert am 16.09.2010 21 Kommentare

Bis jetzt habe der tiefe Euro-Kurs der Schweizer Tourismusbranche noch nicht stark zugesetzt, sagt der Schweiz-Tourismus-Chef Jürg Schmid. Doch der Winter werde schwierig.

Noch zieht sie im Ausland, die Schweizer Idylle: Hier in Ftan im Unterengadin.

Noch zieht sie im Ausland, die Schweizer Idylle: Hier in Ftan im Unterengadin.
Bild: Keystone

Jürg Schmid: Der 48-jährige Betriebsökonom leitete Schweiz Tourismus zehn Jahre lang, bevor er als Leiter Personenverkehr zu den SBB ging – aber noch während der Probezeit zurückkehrte.

Nur 50 Kilometer von der Schweiz entfernt findet 2015 in Mailand die nächste Weltausstellung statt. Im Hinblick auf dieses Ereignis haben Vorstand und Direktion der Vermarktungsorganisation Schweiz Tourismus ihre diesjährige Strategie- und Klausursitzung in der lombardischen Metropole durchgeführt.

Mit dabei war auch Jürg Schmid, der nach einem Kürzestabstecher zu den SBB an die Spitze von Schweiz Tourismus zurückgekehrt ist. Auf dem Weg zur Klausursitzung in Italien machte er nun persönlich unliebsame Bekanntschaft mit den immer noch pannenanfälligen Neigezügen auf der Strecke Zürich–Mailand. Sein Zug blieb in Bellinzona stehen, und Schmid kam mit zwei Stunden Verspätung in Mailand an.

Was sagt der Direktor von Schweiz Tourismus zu den permanenten Problemen auf der Gotthardlinie?
Es ist nicht wichtig, was ich sage, sondern was die Reaktionen rundherum sind. Es sassen Amerikaner und Japaner mit uns im Zug, und sie haben ungläubig den Kopf geschüttelt. Schade. Wenn eine solche Panne in der Schweiz passiert, nehmen die internationalen Reisenden auch nicht wahr, dass es sich – wie im vorliegenden Fall – um einen Zug von Trenitalia handelt.

Der Euro ist auf einem Rekordtief. Jetzt buchen die Leute Skiferien. Was heisst das für die kommende Wintersaison?
Wir sind um rund 15 Prozent teurer geworden, ohne dass wir um 15 Prozent besser geworden wären. Der Preis hat einen Einfluss auf die Buchungen, und die Währung ist dabei einer der wichtigsten Faktoren. Wir spüren solche Veränderungen immer mit einer vier- bis sechsmonatigen Verzögerung. Also wird der Rückgang im Spätherbst und im Winter einsetzen.

Sie haben kürzlich gesagt, die Hotelangestellten müssten jetzt halt um 15 Prozent mehr lächeln. Reicht das?
Natürlich reicht das nicht. Was ich sagen wollte: Quasi über Nacht werden wir teurer, können aber die Preise nicht senken, weil die ganze Branche mit hauchdünnen Margen kalkuliert. Das Einzige, was wir machen können, ist besser werden oder gut bleiben. Die Qualität wird noch entscheidender werden, und ein Lächeln kann dazu beitragen.

Apropos Qualität: Haben Sie Verständnis dafür, dass ein Dreisternehotel in Zermatt ab 19 Uhr sein Elektrotaxi nicht mehr zum Bahnhof schickt und den Gästen den Schlüssel hinter einem Blumentopf deponiert, wenn sie erst um 22 Uhr ankommen?
Das kann nicht der Kundenservice sein, der für die Schweiz repräsentativ sein soll. Ich glaube, das ist er auch nicht. Aber dass es bei insgesamt 5400 Hotels auch solche Verhaltensweisen gibt, will ich nicht leugnen. Ich hoffe, dass der Markt sie bereinigt.

Jetzt kostet auch der Dollar nicht einmal mehr einen Franken. Wer kann sich die Schweiz noch leisten?
Bis jetzt trotzt der Schweizer Tourismus den Währungsrealitäten. Bis und mit Juli sind wir gegenüber dem Vorjahr um zweieinhalb Prozent im Plus.

Allerdings gegenüber einem schlechten Vorjahr.
Das stimmt. Aber über die vergangenen fünf, sechs Jahre hatten wir einen starken Aufwärtstrend. Trotzdem will ich nicht wegdiskutieren, dass wir den starken Franken spüren werden. Zwar haben wir noch eine Zunahme aus den asiatischen Wachstumsmärkten wie beispielsweise Indien, China oder den Golfstaaten. Das kann jedoch langfristig Ausfälle aus dem grossen Euro-Markt nicht kompensieren.

In Italien hält die Krise an, immer weniger Italiener machen Ferien. Spüren Sie das auch in der Schweiz?
Es ist schwieriger geworden, aber die Nachfrage ist nach wie vor gut. Bis Juli hatten wir ein Minus von gut einem Prozent, was verglichen mit dem Rückgang in Italien selber als stabil zu bezeichnen ist. Die wahre Krise spielt sich an den italienischen Stränden ab. Es gibt eine Verlagerung weg vom Meer und hin zum alpinen Raum. Zudem hat sich das Preis-Leistungs-Verhältnis in Italien stärker verschlechtert als die Währungslage.

Sie verlangen mehr finanzielle Mittel für die Tourismuspromotion. Im Rahmen der Impulsprogramme haben Sie bereits zusätzliche Mittel erhalten. Was haben Sie damit bisher erreicht?
Diese Gelder haben Gewaltiges bewirkt. Mit den 12 Millionen Franken vom Bund und den 3 Millionen, welche die Branche selber investiert hat, konnten wir insgesamt 1,38 Millionen Übernachtungen und einen touristischen Umsatz von 380 Millionen Franken generieren. Gut die Hälfte der Kunden kam aus der Schweiz, 30 Prozent aus Deutschland und der Rest je hälftig aus Frankreich und Italien.

Der Tourismus steht also vor schwierigen Zeiten. Bereuen Sie es eigentlich, nach nur zwei Monaten bei den SBB zu Schweiz Tourismus zurückgekehrt zu sein?
Überhaupt nicht. Es ist eine grosse Herausforderung, die mich jeden Tag reizt. Ich bin am richtigen Ort.

Gerüchteweise soll Ihre Rückkehr intern nicht nur Freude ausgelöst haben. Spüren Sie Widerstände?
Es gab da einen zweimaligen Überraschungseffekt: als ich ging und als ich zurückkam. Aber intern und in der Branche überwiegt die Freude, dass ich wieder da bin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2010, 20:41 Uhr

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21 Kommentare

Paul Brunner

16.09.2010, 07:34 Uhr
Melden

Die Gastfreundlichkeit in Hotels und Restaurants im Südtirol ist 15 mal besser, das Preis-/Leistungsverhältnis mehr als 15% günstiger als in der Schweiz Antworten


Hans Klarheit

16.09.2010, 13:12 Uhr
Melden

Runter mit den Wucherpreisen, dann klappt's bestimmt !!! Antworten



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