Wirtschaft

«Der Sieg kommt genau zur richtigen Zeit»

Interview: Markus Diem Meier. Aktualisiert am 12.07.2010 1 Kommentar

Wie kann der Weltmeistertitel der leidenden iberischen Wirtschaft auf die Sprünge helfen? DerBund.ch/Newsnet hat bei Spanien-Kenner Martin Dahms nachgefragt.

Der «Gute-Laune-Effekt» hat reale Auswirkungen: Die Spanier feiern ausgelassen den ersten Weltmeistertitel.

Der «Gute-Laune-Effekt» hat reale Auswirkungen: Die Spanier feiern ausgelassen den ersten Weltmeistertitel.
Bild: Keystone

Spanien leidet wie wenige andere europäische Länder noch immer besonders stark unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise und der geplatzten Immobilienblase im eigenen Land. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 20 Prozent. Gibt der Weltmeistertitel dem Land nun neuen Schub?
Martin Dahms: Immerhin hat der hiesige Industrieminister Miguel Sebastian schon vor dem Titel erklärt, dank einem Sieg dürfte die Wachstumsrate des Landes höher ausfallen als bisher angenommen. Es gibt auch Studien, die ebenfalls darauf hindeuten, dass ein solcher Erfolg die Wirtschaft positiv beeinflusst.

Diese Studien verweisen vor allem auf die psychologische Wirkung bei den Leuten. Schon der grosse Ökonom John Maynard Keynes hat die Bedeutung der «Animal Spirits» betont, das heisst der Grundstimmung in einem Land.
Genau, der «Gute-Laune-Effekt» hat reale Auswirkungen. Die Investitionen der Unternehmen hängen davon ab, welche Erwartungen sie an die künftige Entwicklung haben. Je optimistischer sie sind, desto mehr investieren sie. Ein solcher Optimismus kann durch einen Erfolg wie den Weltmeistertitel durchaus verstärkt werden. Dennoch ist Vorsicht angebracht. Nachdem Spanien 2008 die Europameisterschaft gewonnen hat, ist die Krise im Land erst ausgebrochen. Sie wurde durch den Sieg nicht aufgehalten.

Das heisst doch, dass auch der grösste Optimismus negative ökonomische Entwicklungen nicht aufhalten kann – wie die weltweite Finanzkrise oder das Platzen der Immobilienblase in Spanien. Kann denn die Stimmung aktuell mehr bewirken?
Das ist gut möglich. Denn der Sieg kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Wirtschaft befindet sich nach Ansicht vieler bereits am Tiefpunkt. Das heisst, jetzt ist trotz der misslichen Daten ein optimistischer Schub genau das, was es am meisten braucht. Daher kann der Sieg im Moment mehr bewirken als auch schon.

Der Optimismus kann über den Konsum oder die Investitionen die Konjunktur, das heisst die Nachfrage beeinflussen:. Doch Spanien hat auch strukturelle Probleme, beispielsweise eine geringe Produktivität, wenig flexible Arbeitsmärkte und ein angeschlagenes Finanzsystem. Ist es möglich, dass der Weltmeistertitel die Bereitschaft der Spanier zu nötigen Reformen erhöht?
Die spanische Politik ist generell stark zerstritten. Die Opposition profitiert davon, wenn der Regierung Reformen misslingen und die Wirtschaft leidet, daher ziehen die Politiker selten am gleichen Strick und sind im Volk unbeliebt. Dennoch kann der Erfolg der Nationalmannschaft hier etwas bewirken. Bereits hat sowohl der sozialistische Premier José Luis Zapatero wie auch Oppositionsführer Mariano Rajoy von den Konservativen die spanischen Tugenden beschworen, die sich in der Fussballmannschaft erfolgreich zeigen würden. Vielleicht gelingt es den Politikern, mit dem aktuellem Schwung notwendige Reformen besser durchzubringen und dafür zusammenzustehen. So plant die Regierung nach einem Gesetz zu den angeschlagenen Sparkassen und zu einer Öffnung des stark regulierten Arbeitsmarkt auch eines zur Reform des Pensionswesens, das ein späteres Pensionsalter zur Folge hätte. Wenn die Leute das Gefühl haben, die Politiker tun etwas, damit es vorwärtsgeht, werden sie es jetzt eher unterstützen.

Welche Rolle spielt dabei der Zeitfaktor, wie lange hält die Optimismuswelle an?
Wahrscheinlich nicht allzu lange. Man solle die Euphorie jetzt geniessen, hat Javier Marías, der Star unter den hiesigen Schriftstellern, erklärt, denn sie dauere nicht länger als 48 Stunden. Der Sieg hebe die Stimmung wie ein gutes Buch oder ein guter Film. Die Politiker sind daher gut beraten, die Chance des Augenblicks zu nutzen. Kommt zum fussballerischen Erfolg die Aussicht auf eine Verbesserung der ökonomischen Lage in nächster Zukunft, lässt sich der Optimismus besser aufrecht erhalten, und dann kann er sich selbst bestätigen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2010, 14:23 Uhr

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1 Kommentar

joschka neth

12.07.2010, 15:34 Uhr
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Was für ein Witz! Sport und Wirtschaft sind zwei Paar Schuhe, zwar können beide Seiten voneinander lernen, aber das der Sport einen wirtschaftlchen Aufschwung herbeizaubern kann ist Wunschdenken. Antworten



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