Wirtschaft
«Der Schweizer Aktienmarkt würde abstürzen»
Von Franziska Kohler, Amir Ali. Aktualisiert am 17.06.2012
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker mit Spezialgebiet Finanz- und Währungsgeschichte. Er ist Privatdozent und lehrt an den Universitäten Zürich und Basel. Er schreibt regelmässig für den Wirtschafts-Blog «Never Mind the Markets» von DerBund.ch/Newsnet.
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Die Griechen versuchen morgen erneut, ein neues Parlament zu wählen. Welches Resultat wäre aus ökonomischer Sicht bei dieser Schicksalswahl wünschenswert?
Für die griechische Wirtschaft wäre es am besten, wenn die Parteien gewinnen, die mit der EU weiter zusammenarbeiten wollen – also die Konservativen – und diese dann eine Koalition mit den linken Parteien bilden. Das würde dem Land wieder etwas mehr Stabilität bringen. Leider ist dieses Szenario unwahrscheinlich, da es ja bekanntlich schon letztes Mal schief ging.
Den linken Kräften werden grosse Chancen eingeräumt, zu gewinnen. Wie die Beziehungen Griechenlands mit der EU sich nachher weiterentwickeln könnten, steht in den Sternen. Wie würden die Märkte darauf reagieren?
Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Das weiss niemand. Die Märkte haben sich in den letzten Tagen sehr unlogisch verhalten. Die Panik, die sich Anfang Woche ausbreitete und die Aktienkurse zum Abstürzen brachte, ist wieder verflogen, die Lage hat sich beruhigt. Woher diese Beruhigung kam, kann ich nicht nachvollziehen. Deshalb fällt es auch schwer, eine Prognose für die Tage nach der Wahl zu machen.
Gehen wir davon aus, dass die linken Parteien, die den drastischen Sparkurs der EU nicht mehr weiterführen wollen, sich tatsächlich durchsetzen. Worauf muss sich Europas Wirtschaft dann einstellen?
Es gibt mehrere Szenarien, die realistisch sind. Beim ersten verfällt das Land nach den Wahlen in eine totale Panik: Die Troika kann sich mit der neuen Regierung nicht auf einen Fahrplan einigen, sie stellt die Hilfszahlungen ein. Dann kommt es endgültig zum Bankenrun, die Kapitalflüsse von und nach Griechenland brechen zusammen, die Kurse an den Börsen stürzen ab, bis zum kompletten Zahlungsausfall. Griechenland ist gezwungen, ein neues Zahlungsmittel einzuführen – der Austritt aus dem Euro ist Tatsache. Das zweite Szenario entspricht dem anderen Extrem: Die Märkte bleiben stabil, die EU zeigt sich kompromissbereit und lässt sich endlich auf Neuverhandlungen mit den Griechen ein. Die Lage entspannt sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines dieser Szenarien eintritt, liegt aber wohl bei weniger als fünfzig Prozent.
Realistischer wäre also ein anderes, drittes Szenario.
Das lautet: Es geht weiter wie gehabt. Es bricht zwar keine Panik aus, die Lage entspannt sich aber auch nicht. Die EU kann sich nicht festlegen, wie sie mit der neuen, linken Regierung umgehen soll und führt ihre Verzögerungstaktik weiter. So kommt es zwar in nächster Zeit nicht zum Kollaps, die Lösung ist aber ebenso wenig gefunden. Die Pflasterpolitik geht weiter. Leider ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Option eintritt, grösser als fünfzig Prozent.
Wie nahe stehen die Griechen dem Austritt aus der Eurozone, falls dieses Szenario eintritt?
Sehr nahe. Es ist klar, dass so keine langfristige Lösung gefunden werden kann, die Pflasterpolitik wird nie zum Ziel führen.
Kann das Resultat der Parlamentswahlen an dieser Tatsache überhaupt noch etwas ändern?
Nur, wenn das zweite Szenario eintritt: Wenn die EU also auf die Griechen zugeht und sich kompromissbereit zeigt. Aber wie gesagt, die Chancen dafür stehen eher schlecht.
Der Austritt aus der Währungsunion wäre also nur eine Frage der Zeit. Wie würde so ein Exit denn überhaupt ablaufen, wie muss man sich das vorstellen?
Das würde wohl ganz plötzlich passieren, von einem Tag auf den andern. Sobald die EU zum Beispiel ihre Zahlungen einstellt, ist irgendwann ganz einfach kein Geld mehr da. Die Eurowährung ist nicht mehr verfügbar, das Zahlungssystem bricht zusammen. Die Regierung muss neues Geld in der alten Währung drucken und unter die Leute bringen, um den Zahlungsfluss wieder zu beleben.
Welchen Einfluss hätte das auf den Alltag der Menschen?
Für die Griechen wäre das natürlich brutal, sie wären extrem verunsichert. Die Banken müssten die Bancomaten sperren, weil die Menschen versuchen würden, alles Geld von ihren Konten abzuziehen, und schliesslich nur noch die neue Währung in Umlauf bringen. Im schlimmsten Fall würde es zu sozialen Unruhen kommen, Polizei und Militär müssten eingreifen. Andererseits ist es die einzige Möglichkeit, wie die Griechen ihre Probleme überhaupt in den Griff bekommen können. Das erste Jahr wäre hart, es gäbe eine hohe Inflation, nachher aber könnte sich die Situation wieder normalisieren. Vorausgesetzt natürlich, die EU hilft beim Aufbau, zum Beispiel mit einem Schuldenschnitt.
Wie soll sich der Anleger angesichts dieser düsteren Prognosen verhalten? Kann er überhaupt noch etwas tun?
Die meisten Anleger haben ihre Staatsanleihen oder Aktien griechischer Unternehmen sowieso schon verkauft. Falls es tatsächlich zum Austritt kommt, wird das sicher auch den Schweizer Aktienmarkt zum Abstürzen bringen, zumindest kurzfristig. Fatal wäre es, wenn die Panik andere Länder erreicht und zum Beispiel auch die Spanier anfangen, ihre Konten zu leeren.
Wie gross ist die Chance, dass das passiert?
Kleiner als fünfzig Prozent, die Spanier haben das Vertrauen in ihre Wirtschaft noch nicht ganz verloren. Obwohl Spanien auch schon sehr tief im Sumpf steckt. Ich gehe davon aus, dass es bald ganz unter den EU-Rettungsschirm flüchten muss. So schlimm wie in Griechenland ist die Lage dort aber noch nicht. Und auch Italien hat noch die Chance, seine Probleme vor dem Kollaps zu lösen.
Falls Sie morgen Grieche wären: Wie würden Sie wählen?
Ich würde wohl trotz allem das linke Syriza-Bündnis wählen. Nur dann wird der Troika endlich klar, dass sie mit ihrer bisherigen Sparpolitik und ihren Zwangsmassnahmen nicht mehr weiterkommt. Diese Politik hat nur Schaden angerichtet, Griechenland ist wirtschaftlich und politisch ruiniert. Wenn die Linken gewählt werden, ist Europa zum Kurswechsel gezwungen.
Wie müsste dieser neue Kurs aussehen?
Im Idealfall sieht die EU ein, dass sie ihre Strategie ändern muss und schliesst die Griechen aus der Währungsunion aus. Allerdings nur, um ihnen danach mit einem Schuldenschnitt und Krediten wieder auf die Beine zu helfen. Dasselbe müsste dann mit allen andern Länder passieren, die in dieselbe Falle wie Griechenland getappt sind oder noch tappen werden. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.06.2012, 20:31 Uhr
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