Wirtschaft

Der Marktinsider des Präsidenten

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 25.10.2011 5 Kommentare

US-Präsident Barack Obama spricht mit UBS-Direktor Robert Wolf, wenn er die Stimmung an der Wallstreet kennen will. Der Banker spielt den Consigliere mit Hingabe.

Eine Männerfreundschaft mit viel Informationsaustausch: Robert Wolf und Barack Obama beim Golfspielen.

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Bild: Reuters

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Es war fast Liebe auf den ersten Blick. Ende Oktober 2006 traf Robert Wolf den damaligen Senator aus Illinois zum ersten Mal in Büros des Investors und demokratischen Gönners George Soros. Barack Obama habe eine schnelle Auffassungsgabe gezeigt und sich präzis zur Rolle der Wallstreet-Banken geäussert, erinnert sich Wolf. Seither pflegt er eine geradezu innige Beziehung zum Präsidenten; dieser erwidert seine Hingabe mit Spezialaufträgen. So versucht Wolf als Mitglied einer Arbeitsbeschaffungs-Kommission, seine Idee einer nationalen Infrastrukturbank durchzusetzen.

Dass der Präsident ab und zu mit Wolf eine Golfpartie spielte oder ihn zu einem Gespräch empfing, war bekannt. Nicht bekannt war allerdings, wie stark sich der Präsident auf Wolf verlässt und wie viel Insiderwissen der UBS-Banker seit 2006 an Obama weitergegeben hat. Diese Einblicke sind Ron Suskind und seinem Buch über das Wirtschaftsberaterteam des Präsidenten («The Confidence Men») zu verdanken. Wolf stand Suskind wiederholt Rede und Antwort und wird ausführlich zitiert. Aufschlussreich ist, dass der Kandidat Obama dank Wolf einen einmaligen Informationsvorsprung über den bevorstehenden Kollaps an Wallstreet hatte.

Es war Anfang August 2007: Wolf war schon seit einiger Zeit besorgt um den Zustand der Finanzindustrie, vor allem was die immense Verschuldung und die von Derivaten ausgehenden Risiken betraf. Die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) etwa hatte die eigenen Mittel bis zum 55-Fachen belehnt und die Bilanz auf 2400 Milliarden Dollar aufgebläht. Seine Warnungen innerhalb der Grossbank blieben aber ungehört, so Wolf in einem Interview mit der Studentenzeitschrift seiner Hochschule, der Wharton Business School. Warum? Der kulturelle Unterschied zwischen ihm und seinen Schweizer Chefs sei zu gross gewesen. «Ich wurde ein wenig als Cowboy behandelt», sagt Wolf.

«Das ist ein Desaster»

An jenem Abend des 4. August 2007 traf Wolf laut Suskinds Buch einen früheren UBS-Kollegen, der einen eigenen Hedgefonds gestartet hatte. Sal Naro berichtete aufgeregt von ersten Verwerfungen an den Märkten, ausgelöst durch Derivate auf Hypotheken. «Die Welt kommt an ihr Ende, Wolfie, der Albtraum ist hier», so Naro. Wolf griff zum Handy und rief umgehend Obama an. «Hör zu Barack, das ist kein natürliches Auf und Ab der Wirtschaftszyklen mehr. Das ist ein von den Märkten selbst ausgelöstes Desaster; es könnte Wallstreet und mit ihr die gesamte US-Wirtschaft erdrücken.» Obama blieb gefasst und ernannte Wolf noch am Telefon zu seinem Berater in Sachen Finanzindustrie.

Obama hatte so einen ersten Einblick in die gerade beginnenden Tumulte erhalten, den kein anderer Kandidat haben konnte. Wolf sah sich moralisch verpflichtet, sagt er, Obama auf dem Laufenden zu halten. Er sah sich und den Senator als ideales Gespann: hier der frühere Football-Spieler und Börsenhändler, der eine steile Karriere von den Salomon Brothers zur UBS gemacht und es eben zum Präsidenten und Vorsitzenden der UBS America geschafft hatte. Da der intellektuelle, coole Politiker aus Chicago, der Ideen aufsaugte wie ein Schwamm und trotzdem unabhängig bleiben wollte. In Barack Obama sei er auf eine nicht-sexuelle Art verknallt, so scherzte Wolf einmal gegenüber Freunden. Was Frauen in seinem späteren Beraterstab denn auch bestätigen sollten: Obama war immer «a guy’s guy» – ein Kerl unter Kerlen.

Obamas Informationsvorsprung

Der 49-jährige Wolf spielte seine Rolle als Consigliere mit Inbrunst. Nachts schrieb er Positionspapiere für Obama. Zusammen mit Austan Goolsbee – heute Chefberater von Obama – entwarf der UBS-Banker im September 2007 eine richtungsweisende Rede. Als noch keiner der anderen Kandidaten die Finanzkrise aufgriff, kritisierte Barack Obama bereits die massiven Interessenkonflikte an Wallstreet und skizzierte seinen Plan für eine grosse Finanzmarktreform. Dies erlaubte ihm dann in späteren Interviews, sich als frühzeitig und bestens informierten Präsidentschaftsbewerber darzustellen.

Wolf war auch direkt involviert, als 2008 hinter den Kulissen der Notenbank das Schicksal der am meisten gefährdeten Wallstreet-Häuser, darunter Lehman Brothers, erörtert wurde. «Es ist vorbei, Barack. Lehman ist tot. Vermutlich ist das aber nur der Beginn. AIG ist noch grösser und vernetzter; und es gibt keine Chance, dass sie überlebt.»

Wolf gab Obama brühwarm weiter, wie hilflos einzelne Banker in der Krise agierten und wie John Thain, der Chef von Merrill Lynch, von seinen Kollegen eiskalt ausgeschaltet wurde. Die Dienste von Robert Wolf waren derart geschätzt, dass sich dieser Chancen auf einen Kabinettsposten ausrechnete. Wolf war zusammen mit Ex-Notenbankchef Paul Volcker und dem späteren Budgetchef Peter Orszag der Kern des ersten Wirtschaftsteams; es begleitete den frisch gewählten Präsidenten in den ersten Monaten seiner Amtszeit. Doch Wolf erhielt schliesslich kein Angebot, obwohl er bereit gewesen wäre, den Job bei der UBS aufzugeben, wie er sagte.

Konflikte mit Larry Summers

Warum Obama weder Wolf noch Volcker eine feste Stelle anbot, ist nicht bekannt. Stattdessen erhielten Larry Summers und Timothy Geithner die Topjobs. Diese Entscheide führten in der Folge zu grossen Spannungen, schreibt Ron Suskind. Das Wirtschaftsteam um Obama sei völlig dysfunktional geworden, vor allem, weil Summers jedes Dossier dominieren wollte und sein Veto gegen Ideen eingelegt habe, die nicht die seinen waren. Summers erscheint als der Hauptverantwortliche der schwächlichen Wirtschaftspolitik Obamas.

Doch nicht immer hatte Summers Obamas Ohr. Nach langem Zögern stimmte der Präsident Ende 2009 dem Kernvorschlag von Paul Volcker zu, die Wallstreet-Banken zur Trennung von Investmentbanking und klassischem Spar- und Leihgeschäft zu zwingen. Robert Wolf erklärte sich bereit, die Details zur Volcker-Regel auszuarbeiten. Das erboste Summers mächtig; er warf Wolf vor, nicht mehr so unabhängig zu sein, wie er sollte. «Ich sage dem Präsidenten, was ich denke», so Wolf. «Ich stehe weder auf deiner noch auf Pauls Seite.»

Der UBS-Banker hofft, seine Rolle als Obamas Consigliere auch weiterhin spielen zu können. Nach 26 Jahren im Bankengeschäft sei es Zeit, einen besseren Ausgleich zwischen Beruf, Familie und anderen Interessen finden, sagte er dem «Wharton Magazine».

Für die Wiederwahl des Präsidenten übernimmt er erneut die Aufgabe als «Bundler» – als Spendeneintreiber von mindestens einer halben Million Dollar. «Ich habe das allergrösste Vertrauen in Präsident Obama», so der Banker, «und kann ihm helfen, dieses Land zurück zu einer neuen Blüte zu bringen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2011, 19:25 Uhr

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5 Kommentare

Benedict Giger

25.10.2011, 08:57 Uhr
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Summer, Geithner und jetzt Wolf, dass sich Obama immer genau mit den falschen Leuten umgibt (statt zB Stiglitz, Krugman, etc) ist doch enttäuschend, dafür haben jetzt die Progressiven in den USA evtl ein Einsehen, dass sie ihre Hoffnungen nie in einen (spendengelder-abhängigen, kompromittierungsbereiten) Präsidenten setzen dürfen. Viel Glück trotzdem mit Occupy Wall Street! Antworten


John Peer

25.10.2011, 09:18 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Das ist aber ein sehr gutmütiger Kommentar zur Verflechtung von Politik und Banken. Vielleicht will man sich die Illusion vom moralisch integeren "Hope"-Kandidaten, der für den kleinen Mann kämpft, nicht zerstören? Wie wäre diese Story wohl geschrieben worden, wenn es um einen republikanischen Präsi ginge? Kritischer Journalismus geht auf jeden Fall anders. Antworten



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