Wirtschaft

Der Feuerwehrkommandant der Finanzwelt

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 28.04.2012 21 Kommentare

US-Finanzminister Timothy Geithner kümmert sich nicht um sein Image. Gerade deshalb schätzt ihn Barack Obama so sehr.

Timothy Geithner auf Abschiedstournee, hier bei Ford in Chicago.

Timothy Geithner auf Abschiedstournee, hier bei Ford in Chicago.
Bild: Bloomberg

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Eigentlich wollte Timothy Geithner letztes Jahr gehen. Er hatte genug von den Banken, von den Attacken von rechts und links und von den permanenten Krisen in Europa. Da nahm ihn Barack Obama zur Seite und redete auf ihn ein, später auch auf seine Frau. Murrend willigte er ein und versprach, bis zum Ende der Amtszeit zu bleiben. «Obama war sehr mutig und er war sehr hart, als es um die Behebung der Finanzkrise ging», so Geithner. «Deshalb blieb ich. Ich bin sicher, dass unsere Banken heute besser finanziert sind und unsere Reformen lange nachwirken werden.»

Geithner hat dieser Tage seine lange Abschiedstournee begonnen. Nächste Woche reist er nach China, um den unter Präsident Bush begonnenen Wirtschaftsdialog zwischen den beiden Supermächten fortzusetzen. In den Monaten danach geht es darum, den Boden für eine Sanierung des Budgets zu legen, «den die Republikaner nicht verlassen können, wenn sie nur einigermassen der mathematischen Logik folgen». Sicher ist dies keineswegs, wie er in seinem trockenen Sarkasmus anfügt. «Der Kongress gibt sich viel Mühe, nichts zu tun, was Sinn machen würde. Dabei wollen wir ihn natürlich nicht stören.»

Aber bald ist Schluss: Obama hat ihm zugesichert, ihn nicht für eine weitere Amtszeit zurückhalten zu wollen. Was er für die Zeit nach der Regierungsarbeit plant, will der 51-Jährige nicht sagen. Nur soviel verrät er an diesem Nachmittag vor dem Commonwealth Club in San Francisco: Ein politisches Mandat kommt «absolut sicher» nicht infrage. Und auch das Präsidium des angesehenen Dartmouth College, wo er studierte und wo auch sein Vorgänger Hank Paulson doktorierte, schliesst er aus. Am ehesten dürfte der fliessend Japanisch und Chinesisch sprechende Geithner wohl an einer Chefposition in einer internationalen Organisation interessiert sein, heisst es in seinem Umfeld.

Retter der Wallstreet

Für eine abschliessende Bilanz des 75. Finanzministers der USA ist es noch etwas früh. Doch ist sich Geithner bewusst, dass er mit seinen umstrittenen Entscheiden, die Wallstreet-Banken mit mehreren Hundert Milliarden Dollar aus der Krise auszukaufen, nie populär werden würde. «Wir standen vor einem schrecklichen Dilemma. Wir konnten die Banken nicht untergehen lassen, weil dies die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen hätte. Doch die Banker haben schreckliche Fehler begangen, und die Politik hat sich schrecklich daneben benommen.»

Mindestens ein Dutzend Mal braucht Geithner das Wort schrecklich, um die Wirren der Finanzkrise und die Tatsache zu beschreiben, dass die Regierung Obama ein höchst unwillkommenes Erbe antreten musste. In den Jahren 2009 und 2010 war es fast im Alleingang Geithner, der den Rettungsplan für die Finanzwirtschaft entwickelte und auch durchsetzte. Gegen Forderungen von rechts und links lehnte er eine Verstaatlichung der maroden Wallstreet-Banken ab und folgte dem von den Briten vorgespurten Pfad nicht.

Die Verstaatlichung blieb zwar eine letzte Option, aber Geithner war überzeugt, dass die Banken sich schliesslich ausreichend Neukapital am Markt beschaffen könnten. Er sollte recht behalten, wie heute die Skeptiker einräumen. Richard Bove, ein langjähriger und kritischer Finanzanalyst, sagt, sich in Geithner getäuscht zu haben. «Er hat erkannt, dass eher zu viel Sicherheit und zu viel Reserve ins System eingebaut werden müssen. Die Banken sind heute besser kapitalisiert als je seit 1935. Je länger es geht, desto mehr wächst mein Respekt für ihn.»

Dass er die treibende Kraft hinter dem Bail-out der Banken war, bereut Geithner nicht. Im Gegenteil. Er ist auf seine eigene Art sehr stolz darauf. «Als der Präsident fragte, ob der Bail-out klappen würde, sagte ich ihm, dass das nicht sicher sei. Aber ich war felsenfest überzeugt, dass unsere Strategie besser war als alle Alternativen.»

Verachtung für den Kongress

Solch selbstsichere Aussagen, vorgetragen in einem monotonen, stets etwas gehetzten Tonfall, mögen erklären, warum Obama ihn behalten wollte. Der US-Präsident weiss mit Geithner einen loyalen, von der Überlegenheit des amerikanischen Finanzsystems überzeugten Technokraten an seiner Seite. Nichts bringt ihn scheinbar aus der Fassung. Gleichzeitig kann man sich aber sehr gut vorstellen, dass er sich hinter den Kulissen mit durchaus derben Flüchen und Verwünschungen Luft macht. Wenn er zum Beispiel von den Attacken der republikanischen «Bombenwerfer» im Kongress spricht, ist seine Verachtung mit Händen zu greifen.

Die Abneigung gegen das eisige politische Klima teilt er mit dem Präsidenten, nur kann er sie offen zeigen und öffentlich Kritik üben. Geithner zuckt auch mit keiner Wimper, wenn ihm Kritiker vorwerfen, im Solde der Wallstreet-Banker zu stehen. Er lacht nur, wenn ihm immer wieder zu Unrecht unterstellt wird, als Investmentbanker gearbeitet zu haben.

Kritik an der EU-Sparpolitik

Seine zentrale Aufgabe sah Geithner immer als jene des Feuerwehrmannes der Finanzindustrie. In den letzten drei Jahren war er dies in der Regierung Obama, zuvor als Präsident der New Yorker Filiale der Notenbank und noch früher als Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Im Lichte dieser Erfahrung auch bezeichnet er heute die rigiden Sparprogramme in Europa als katastrophalen Fehler. «Meine ganze Karriere habe ich damit verbracht, zuzusehen, wie andere Länder ihre Finanzen ruiniert haben», meint Geithner. «Nur schon dies stimmt mich für Amerika zuversichtlich. Wir sind einfach besser aufgestellt als alle anderen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2012, 18:22 Uhr

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21 Kommentare

Beni Cajacob

28.04.2012, 19:17 Uhr
Melden 93 Empfehlung 0

Glorifizierung von Geithner mag ich gar nicht.
Er hat gar nichts gerettet und hat das Problem nur zeitlich weitergeschoben.
Milliarden von Dollars in die Banken reingepumpt . Die eingesteckten Milliarden legen die Banken bei der FED für 0.25% an. Sie erhalten jetzt Geld von der Treasury für 0%. Die angelegten Milliarden werfen schön Geld ab ohne Risiko. Das Volk zahlt die Zeche in der Zukunft.
Antworten


Ursi Brock

28.04.2012, 19:52 Uhr
Melden 46 Empfehlung 0

...auf Kosten der Millionen von Menschen welche auch ein Teil der Zivilgesellschaften sind... nebst den Aktionären, Investoren, Hedgefonds, Derivaten, Banken, Spekulanten, Steuroasen, ach einfach all das Neoliberale halt. Es werden die stets die falschen glorifiziert... Wundersamerweise tauchen ähnliche Artikel stets auch in den Medien in anderen Ländern auf.. Antworten



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