Wirtschaft
Das meistgehasste Buch Amerikas
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 30.07.2012 62 Kommentare
«Hä?», ist Jon Stewarts erste Frage: Conard erklärt sein Buch in der «Daily Show». (Screenshot)
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Edward Conard: Unintended Consequences. Why Everything You've Been Told about the Economy Is Wrong. Penguin, 2012. 320 Seiten, gebunden. ISBN: 1591845505.
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Mitt Romney, der republikanische Herausforderer von Barack Obama, befindet sich derzeit auf Auslandstournee und will dabei seine staatsmännischen Qualitäten unter Beweis stellen. Bisher ist der Erfolg mässig: In London hat er die Organisatoren der Olympischen Spiele beleidigt, und einer seiner Berater hat rassenpolitisch fragwürdige Sprüche gemacht. Noch mehr Unheil droht ihm jedoch an der Heimatfront. Dort hat sein ehemaliger Geschäftspartner Edward Conard ein Buch mit dem Titel «Unintended Consequences» (Unbeabsichtigte Konsequenzen) veröffentlicht. Es zeigt unverhüllt auf, wie Superreiche eines Schlages von Romney wirklich ticken und was für wirtschaftspolitische Pläne sie verfolgen.
Conard war bis vor ein paar Jahren Managing Director der Beratungsfirma Bain Capital. Angeheuert hat ihn der damalige CEO Romney. Beide haben mit dem Sanieren und Restrukturieren von Unternehmen ein Vermögen von mehreren Hundert Millionen Dollar verdient. Beide haben Bain inzwischen verlassen. Sie sind aber enge Freunde geblieben, und Conard gehört zu den grosszügigsten Sponsoren von Romneys Wahlkampf.
Nichts zu verlieren – ausser Geld
«Unintended Consequences» ist ein Versuch, die neue amerikanische Oligarchie zu rechtfertigen. So ist etwa die massive Ungleichheit kein Fluch, sondern ein Segen. «Anstatt die ungleiche Einkommensverteilung zu beklagen, sollten wir den ausserordentlichen Erfolg der US-Innovationen im Vergleich zur restlichen Welt feiern», stellt Conard fest, «und diese Innovationen haben einen wohltuenden Effekt auf die einheimische Beschäftigung.»
Bisher hat der wohltuende Effekt der Superreichen – zumindest in der Theorie – im sogenannten «Trickle down»-Effekt bestanden. Darunter versteht man die Tatsache, dass vom Luxuskonsum der Reichen auch ein paar Brosamen an die Armen abfallen, weil Superjachten und Prunkvillen auch gebaut und gewartet werden müssen und so Arbeitsplätze entstehen. Conard argumentiert anders: Die Superreichen sind deshalb die «Arbeitsbeschaffer», weil sie es sich leisten können, einen Teil ihres Geldes zu verlieren. Sie stellen deshalb das Risikokapital zur Verfügung, das Innovation erst möglich macht. Der Mittelstand oder Staaten wie China hingegen wollen ihr Geld möglichst risikolos anlegen und kaufen deshalb vorzugsweise Staatsanleihen.
Von Gott geschickt, um Risiken zu übernehmen
Die Superreichen sind jedoch nur dann bereit, grosse Risiken einzugehen, wenn auch grosse Gewinne winken. Deshalb sollte man sie möglichst in Ruhe lassen und sie keinesfalls hart besteuern. Im Gegenzug sind die Superreichen und Supertalentierten bereit, bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Schliesslich habe «Gott die Talentierten nicht zur Erde geschickt, damit sie glücklich sind», so Conard. «Er hat sie geschickt, damit sie Verantwortung übernehmen, führen, innovieren und Risiken übernehmen.» Werden die Superreichen durch niedrige Steuern bei Laune gehalten, dann lohnt sich das gemäss Conard für alle. Denn jeder Dollar, den sie investieren, schafft für die Allgemeinheit einen Mehrwert von 20 Dollar. Beispiele für diese wundersame Geldvermehrung sind Unternehmen wie Google (GOOG 696.2 -0.53%) oder Facebook. (FB 25.159 -1.95%)
Conard hat auch eine eigenwillige Theorie, was die Finanzkrise betrifft. Weder die Gier der Banker noch eine Orgie von unverantwortlicher Kreditvergabe oder gar die toxischen neuen Finanzinstrumente hätten den Beinahe-Kollaps verursacht. Es sei ein simpler Bankrun wie 1929 gewesen, und solche Runs passieren eben hin und wieder, wie das berühmte Bonmot «Sh… happens» besagt. Folgerichtig plädiert Conard weder für eine härtere Überwachung der Banken noch gar für deren Aufteilung. Er fordert ein Regierungsprogramm, das die Banken bei einem Run besser schützt.
Alle anderen haben es verdient, arm zu bleiben
Selbst hartgesottene Neoliberale und überzeugte Tea-Party-Mitglieder schlucken angesichts dieser These zunächst einmal leer. Die «New York Times» prophezeit gar, dass «Unintended Consequences» das «meistgehasste Buch Amerikas» werde. Die Prognose könnte durchaus eintreffen. Conard vertritt nicht nur schamlos – und mit zweifelhaften ökonomischen Argumenten – die Interessen einer winzigen Oligarchie, er beleidigt auch alle anderen. Wer nicht Wirtschaft oder Naturwissenschaft studiere, sondern etwas Sicheres und Unnützes wie Geisteswissenschaften oder Juristerei, der habe es verdient, arm zu bleiben, stellt er fest. Für ihn zählt nur, was sich rechnen lässt.
Das gilt selbst in der Liebe. Allen Ernstes schlägt Conard vor, man solle seinen Ehepartner suchen, indem man zuerst die demografischen Daten der Region, in der man lebt, auswertet und danach möglichst viele Kandidaten persönlich kennen lernt. So entwickle man ein Gefühl für den Heiratsmarkt. Erst nach dieser «Auswahlphase» solle Frau oder Mann zuschlagen und den ersten Kandidaten heiraten, der besser ist als der beste der Auswahlphase. Statistisch gesehen erhalte man so den bestmöglichen Ehepartner. Das ist kein Witz, schliesslich hat Conard selbst seine Frau mit dieser Methode ausgesucht. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.07.2012, 12:40 Uhr
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