Wirtschaft

Das Warten auf neuen Schub

Der abflauende Konjunkturaufschwung und die zunehmende Wirkungslosigkeit der Geldpolitik wecken in den USA Ängste vor einer Deflation. Die Investoren flüchten in Staatsanleihen – trotz Mini-Renditen.

Der Aufschwung geht an ihnen vorbei: Erwerbslose auf einem Arbeitsamt in New York.

Der Aufschwung geht an ihnen vorbei: Erwerbslose auf einem Arbeitsamt in New York.
Bild: Keystone

Gerät die amerikanische Wirtschaft in eine deflationäre Abwärtsspirale, in der Japan schon über ein Jahrzehnt lang gefangen ist? Die Frage wird zusehends intensiver diskutiert, seit sich die US-Konjunktur über Erwarten stark abkühlt. Zwar erwartet das Gros der Experten unverändert ein – wenngleich bescheidenes – Wachstum. Das Risiko, dass die weltgrösste Wirtschaft Anfang nächsten Jahres in eine Rezession rutscht, ist jedoch merklich gestiegen.

Tritt dieser Fall ein, würde auch die Gefahr einer Deflation, also anhaltend sinkende Preise auf breiter Front, markant zunehmen. Die US-Kerninflationsrate (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) ist im Juli bereits auf 0,9 Prozent gesunken – die geringste Jahresteuerung seit 1966. Bei Andauern der konjunkturellen Talfahrt käme das Preisniveau unweigerlich noch stärker unter Druck.

Die Konjunkturängste gründen darauf, dass zwei Wachstumstreiber in den USA – die staatlichen Stimulierungsprogramme und die Wiederaufstockung der Lagerbestände durch die Unternehmen – nur temporären Charakter haben und alsbald erlahmen werden. Zugleich gibt es kaum Anzeichen für die erhoffte Belebung der privaten Endnachfrage. Statt aufs Konsumieren verlegen sich die Privathaushalte auf den Abbau ihrer Schulden. Deshalb ist fraglich, ob die Unternehmen ihre Ausrüstungsinvestitionen weiter in dem Masse ausweiten, wie im zweiten Quartal geschehen. Konsum- und Investitionshemmnisse sehen Beobachter ferner in den anstehenden und noch erwarteten Steuererhöhungen zur Sanierung der Staatsfinanzen sowie im hohen Unsicherheitsgrad aufgrund der Neuregulierungen im Gesundheitswesen und Finanzsektor der USA.

Viel Pulver verschossen

Da zudem weitere öffentliche Stimulierungsmassnahmen im US-Kongress ohne Chance sind, ruhen die Hoffnungen auf der US-Notenbank, dem Federal Reserve Board. Fed-Chef Bernanke hat angekündigt, alle geldpolitischen Mittel auszuschöpfen, um einen neuerlichen Niedergang der US-Wirtschaft abzuwenden.

Dem ist entgegenzuhalten:

  • Die Geldpolitiker haben schon viel Pulver verschossen: Das Zielband für den Leitzins liegt schon seit 20 Monaten bei 0 bis 0,25 Prozent, lässt sich also nicht weiter senken. Darüber hinaus hat die Notenbank im Rahmen ihrer unkonventionellen, quantitativen Geldpolitik bis März 2010 hypothekenbezogene Wertpapiere im horrenden Umfang von 1450 Milliarden Dollar sowie 300 Milliarden an Staatspapieren aufgekauft;
  • Die Wirkung der Geldpolitik angesichts des enormen Mitteleinsatzes gering ist. Dafür verantwortlich sind einerseits die Banken, die trotz der Liquiditätsfülle nur zögerlich Kredite vergeben und stattdessen Staatsanleihen gekauft haben. Neben einer generellen Risikoscheu dürfte die Ungewissheit hinsichtlich der neuen Kapital- und Liquiditätsvorschriften (Basel III) eine Rolle spielen. Anderseits ist die Investitionsneigung der Unternehmen, wie erwähnt, über weite Strecken bescheiden geblieben.

Wie soll jetzt «noch mehr Geldpolitik» den drohenden Rückschlag der US-Wirtschaft auffangen? Darauf vermag auch Bernanke keine überzeugende Antwort zu geben. Umgekehrt können die Währungshüter die Hände schwerlich in den Schoss legen, wenn sich der Konjunkturhimmel über Amerika verdunkelt und in der Folge die Teuerungsrate vom Zielniveau des Fed von rund 2 Prozent noch weiter abdriften könnte.

In dieser Situation hat die Notenbank am letzten Dienstag einen eher symbolischen Entscheid getroffen: Sie will ab nächster Woche erneut als Käuferin von Staatsanleihen am Markt auftreten, aber nur in einem kleinen, klar abgesteckten Rahmen. Dafür werden die dem Fed zufliessenden Gelder aus Rückzahlungen fällig gewordener Wertpapiere aus dem ersten Ankaufprogramm verwendet. Gemäss Analystenschätzungen beläuft sich dieses Volumen auf jährlich 150 bis 200 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Beim ersten Ankaufprogramm investierte die Notenbank durchschnittlich 50 Milliarden pro Monat in Staatstitel.

Sichere Werte sind gefragt

Dennoch werten Experten den jüngsten Beschluss von Bernanke & Co. als geldpolitischen Wendepunkt, der verdeutliche, wie sehr sich die Wirtschaftslage in den USA zum Schlechten gewendet hat. Bis zuletzt hat das Fed seine Absicht betont, die US-Wirtschaft von der Liquiditätsfülle allmählich zu entwöhnen. Jetzt legt es den Schalter, wenn auch behutsam, wieder auf Expansion um. Und signalisiert damit zugleich, dass es in einem Folgeschritt mittels quantitativer Geldpolitik wieder in ganz grossem Stil Liquidität in den Markt pumpen würde, falls das Rezessionsszenario noch deutlichere Konturen annehmen würde.

Die Märkte reagierten prompt: Die Renditen von zwei- bis zehnjährigen US-Staatsanleihen, auf die sich die neuen Käufe der US-Notenbank konzentrieren werden, sind in dieser Woche auf Allzeittiefs oder in Reichweite dazu gesunken. Zehnjährige Titel rentieren noch rund 2,7 Prozent – viel Spielraum nach unten besteht da kaum mehr. Es wird immer klarer, dass die Geldpolitik in der Liquiditätsfalle steckt: Noch so grosse Geldspritzen erzielen keine Wirkung mehr.

Marktbeobachter führen denn die fallenden Renditen der US-Staatspapiere – die umgekehrt zu ihrem Preis verlaufen – nicht nur auf die neuen Wertpapierkäufe des Fed zurück. Für sie ist diese Entwicklung Ausdruck der zunehmenden Risikoscheu bei Anlegern angesichts der verdüsterten Konjunkturaussichten in Übersee. Dazu passen die Einbussen an den Aktienbörsen ebenso wie der Zulauf bei japanischen Staatstiteln, obwohl sie noch geringere Renditen abwerfen.

Der Aufschwung geht an ihnen vorbei: Erwerbslose auf einem Arbeitsamt in New York. Foto: Frances M. Roberts (Photoshot, Keystone) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2010, 17:04 Uhr

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