Wirtschaft

Das Risiko mit den Rohstoffen

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 13.04.2011 15 Kommentare

In seinem neuen Wirtschaftsausblick versucht der Internationale Währungsfonds, bei den Nahrungsmittel- und Ölpreisen Gelassenheit zu demonstrieren. Doch was droht, findet sich im Bericht ebenfalls.

Treiber der Nahrungsmittelpreise: Unwetter. Nach verheerenden Überschwemmungen im Januar 2011 im Westen der australischen Stadt Brisbane kam es zu grossen Ernteausfällen.

Treiber der Nahrungsmittelpreise: Unwetter. Nach verheerenden Überschwemmungen im Januar 2011 im Westen der australischen Stadt Brisbane kam es zu grossen Ernteausfällen.
Bild: Reuters

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Innert Jahresfrist ist der Preis der Ölsorte Brent um beinahe 50 Prozent angestiegen, jener von Silber um 122 Prozent, der von Baumwolle um 162 Prozent, von Mais um 121 Prozent. Der Preis von Weizen stieg um beinahe 70 Prozent und jener von Kaffee (Sorte Robusta) um 78 Prozent. Aus Schweizer Sicht ist die Preissteigerung dieser und weiterer Rohstoffe weniger dramatisch, da sie alle in Dollar ausgewiesen werden. Und der ist gegenüber dem Schweizer Franken im letzten Jahr deutlich gefallen. Für die Welt insgesamt und vor allem für ärmere Länder sind die Preissteigerungen allerdings ein grosses Problem. In ihrem neusten Ausblick für die Weltwirtschaft haben sich deshalb auch die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds mit dem Anstieg der Preise der Rohwaren auseinandergesetzt. Dem Ölpreis widmen sie sogar ein eigenes Kapitel in ihrem 240-seitigen Bericht.

Die IWF-Ökonomen erklären sich die Preisschübe einerseits mit dem starken Wirtschaftswachstum in den aufstrebenden Volkswirtschaften. Diese Länder haben Rohstoffe in einem wider Erwarten starken Ausmass nachgefragt. Andererseits konnte das Angebot mit diesem Nachfrageschub nicht mithalten. Gemäss einem IWF-Index sind Rohstoffpreise von der Mitte des Jahres 2010 bis zum Februar 2011 generell um 32 Prozent angestiegen. Die Nahrungsmittelpreise sind laut IWF nur noch wenig von ihren Spitzenwerten im Jahr 2008 entfernt. Damals machten weltweit Ängste vor sozialen Unruhen als Folge davon Schlagzeilen.

Die Bedeutung des Wetters und von Nordafrika

Ein wichtiger Treiber der Nahrungsmittelpreise war das Wetter, das weltweit zu schlechteren als erwarteten Ernten geführt hat. Von Bedeutung sind aber auch die Unruhen in den arabischen beziehungsweise nordafrikanischen Ländern. Sie haben laut dem IWF sowohl Einfluss auf die Ölpreise wie auf die Nahrungsmittelpreise. Drohen grössere Produktionsausfälle, zum Beispiel aus der libyschen Produktion, hat das allein einen preistreibenden Effekt. Bei den Nahrungsmittelpreisen sorgt sich der Währungsfonds vor Hamsterkäufen der Regierungen in der Region, um sie für subventionierte Verkäufe an die eigene Bevölkerung bereitzuhalten. Die Regierungen in instabilen Ländern wollen auf keinen Fall riskieren, dass wegen zu teuren oder zu knappen Nahrungsmitteln die Lage in ihren Ländern weiter eskaliere. Doch damit verknappt sich das Nahrungsmittelangebot weltweit, was laut den Ökonomen des IWF zu weiteren Preissteigerungen führen könne.

Trotz der benannten Risiken gibt sich der IWF gelassen. Grund dafür sind eine Reihe von Annahmen, die laut der Analyse des Fonds entlastend wirken sollten. Einerseits geht er davon aus, dass sich die Wetterverhältnisse wieder normalisieren – die Ernteaussichten für das laufende Jahr seien vorteilhaft –, was zu einem höheren Agrarausstoss und damit tieferen Preisen führen müsste. Ausserdem erwartet der IWF, dass die Rohstoffproduzenten angesichts der höheren Preise generell ihre Produktionskapazitäten erweitern und mehr Güter auf den Markt bringen. Bis die aktuell tiefen Lagerbestände wieder ein normales Niveau erreicht hätten, vergehe allerdings Zeit. Das bedeutet laut dem IWF, dass die Preisschwankungen bei den Nahrungsmitteln gross bleiben würden. Und selbst wenn die Nahrungsmittelpreise nicht mehr deutlich weiter steigen, so würden sie auch künftig hoch bleiben. Daher müssten Regierungen dafür sorgen, dass Arme ausreichend Zugang zu Lebensmitteln erhielten. Wie sie das ohne die kritisierten Subventionen anstellen, dazu liessen sich die Ökonomen nicht aus.

Keine Entlastung beim Ölpreis

Beim Öl sei die Welt in eine Periode wachsender Knappheit eingetreten, heisst es im IWF-Bericht. Weil die Produktion mit der stark wachsenden Nachfrage – vor allem durch aufstrebende Volkswirtschaften – auch weiter kaum mithalten könne, sei mit weiter steigenden Preisen zu rechnen. Wie gefährlich das für die Weltwirtschaft ist, hänge laut den Ökonomen davon ab, wie rasch dieser Preisanstieg weitergeht. Der IWF gibt sich gelassen, solange das Wachstum der Ölproduktion nur langsam (graduell) zurückgeht. Geht es um 1 Prozent zurück, wächst die Wirtschaft mittel- bis langfristig nur um ein Viertelprozent weniger.

Hinter dieser günstigen Analyse steckt einerseits die Annahme, dass Öl durch den Preisanstieg immer mehr durch andere Energiequellen ersetzt wird und andererseits, dass die von höheren Ölpreisen profitierenden Ölproduzenten ihren Reichtum wieder auf die Kapitalmärkte bringen, was da zu tieferen Zinsen und damit höheren und wachstumsgenerierenden Investitionen führen soll. Allerdings hätte das laut dem IWF den Nachteil, dass bestehende Aussenhandelsungleichgewichte sich weiter verschärfen. Damit spricht der IWF vor allem auf die Aussenhandelsdefizite der USA an, die sich durch die anhaltende Ölabhängigkeit des Landes weiter verschärfen würden. Ein weiterer Zerfall des Dollars wäre dann ebenfalls eine erwartbare Konsequenz.

Bei einem abrupten, vom IWF nicht ausgeschlossenen Anstieg des Ölpreises sehen die Ökonomen weit dramatischere Konsequenzen. In diesem Fall würde die Weltproduktion grosse Verluste erleiden. Problematisch wären aber auch weitere Effekte als Folge einer solchen Entwicklung: etwa eine starke Umverteilung und ein rascher und potenziell destabilisierender struktureller Wandel, weil jene Sektoren und Bevölkerungsteile mit einer starken Ölabhängigkeit in diesem Fall besonders stark unter Druck geraten würden und sich nicht rasch genug an die neuen Gegebenheiten anpassen könnten.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.04.2011, 14:16 Uhr

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15 Kommentare

Eron Thiersen

12.04.2011, 14:31 Uhr
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Fakt ist dass unser Wohlstand auf fremden Rohstoffen, der Kontrolle der Rohstoffverarbeitung und Handelswege basiert,. Weiter auf der Enthaltung von Knowhow und der Destabiliserung von Gesellschaftsstrukturen in der dritten Welt. Unser Damoklesschwert ist die Abhängigkeit von diesen Rohstoffen + unsere jahrzehnte lange "Erfahrung" der Ausbeutung + Unterdrückung. Das rächt sich nun gravierend! Antworten


Parvaneh Ferhadi

12.04.2011, 15:48 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Der wirkliche Grund für den Preisanstieg bei den Rohwaren sind nicht Ernteausfälle oder stärkere Nachfrage, sondern ist das quantitative easing des Fed. So verliert einerseits der Dollar an Wert (womit sich die Rohwaren, die in Dollar notiert werden, verteuern), andererseits kommt damit auch sehr viel Bargeld in Umlauf, das investiert wird, wo Profite winken und das ist bei Rohwaren der Fall. Antworten



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