Wirtschaft
Aufstand der Wirtschaftsethiker
Aktualisiert am 06.04.2012 4 Kommentare
Ökonomie – quo vadis?
Auf die Ökonomie hagelt es Kritik. Aber wie stehen die Fachvertreter selbst dazu? DerBund.ch/Newsnet lässt Schweizer Ökonomen nächste Woche in einer Serie zu Wort kommen.
Die Professoren Bruno Frey (Uni Zürich), Yvan Lengwiler (Uni Basel), Reiner Eichenberger (Uni Freiburg) und Gebhard Kirchgässner (Uni St. Gallen) legen ihre Sichtweise in eigenen Beiträgen dar.
New Economic Thinking
Die Weiterentwicklung der Wirtschaftswissenschaften wird auch im englischen Sprachraum vorangetrieben. 2009 gründeten Ökonomen, führende Persönlichkeiten und Entscheidungsträger das Institute for New Economic Thinking (Inet), um neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln.
Die nächste Inet-Konferenz findet vom 12. bis zum 15. April unter dem Motto «Paradigm Lost: Rethinking Economics and Politics» statt. Über Web-TV können die Referate live mitverfolgt werden.
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In der akademischen Welt rumort es. Die Wirtschaftswissenschaften stehen in der Kritik: Zu dogmatisch, zu marktgläubig und zu mathematisch sei die ökonomische Lehre, heisst es. Eine Gruppe um den Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann möchte dies nun ändern.
Ziel der Denkfabrik mit dem Namen Me'M («Menschliche Marktwirtschaft») ist es, an Universitäten eine «ethisch-integrierte Sicht auf das Wirtschaften» durchzusetzen. Die Gruppe will der «grassierenden Marktgläubigkeit in den Köpfen zahlreicher ‹Experten›» entgegenwirken. Dazu hat Me'M im März ein Memorandum aufgesetzt. Es wurde bereits von über hundert Professoren aus dem deutschen Sprachraum unterzeichnet.
Gegen die «akademische Prostitution»
Gefordert wird eine inhaltliche Öffnung: Die Ökonomie müsse vermehrt die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft suchen, Lehrpläne seien interdisziplinärer zu gestalten. Kritisiert wird der Karriereweg, der aufstrebenden Nachwuchsökonomen auferlegt werde: Der Zwang, in den als orthodox empfundenen Journals publizieren zu müssen, sei ein System der «akademischen Prostitution». Junge Ökonomen würden zu Opportunisten gemacht, weil sie sich ausschliesslich an der herrschenden Lehre ausrichten müssten.
Die Initiative von Me'M befeuert eine Debatte, die seit der Finanzkrise schwelt. Universitäre Ökonomen stehen in der Kritik, weil sich ihre Lehrsätze scheinbar als nutzlos erwiesen haben: Weder waren sie auf die Finanzkrise gefasst, noch stellen sie schlüssige Rezepte zur Krisenbewältigung bereit. Durch einen Artikel des Schweizer Professors Thomas Straubhaar flammte die Debatte jüngst wieder auf.
Ulrich Thielemann, Kopf der Initiative Menschliche Marktwirtschaft, ist in der Schweiz kein Unbekannter. Thielemann war bis 2010 Vizedirektor des St. Galler Instituts für Wirtschaftsethik und gilt als scharfer Kritiker des Bankgeheimnisses. Er vertritt eine wissenschaftliche Linie, welche den konsequenten Einbezug ethisch-normativer Überlegungen in den Wirtschaftswissenschaften fordert.
Kunstpädagogen gegen die Marktwirtschaft
Auch einige in der Schweiz lehrende Professoren haben das Memorandum unterzeichnet – unter anderem der Zürcher Finanzwissenschaftler Marc Chesney sowie der an der Fachhochschule Nordwestschweiz dozierende Volkswirtschaftler Mathias Binswanger. Thomas Beschorner – der Mann, der dem in St. Gallen ungeliebten Ulrich Thielemann 2011 als Institutsdirektor vorgezogen wurde – figuriert ebenfalls auf der Liste der Signatoren.
Auffällig ist, dass viele der Forscher, die sich Me'M angeschlossen haben, nicht im Kerngebiet der Wirtschaftswissenschaften tätig sind. Etwa die Hälfte der unterzeichnenden Professoren sind Sozioökonomen, Sozialethiker oder Wirtschaftsdidaktiker. Auch eine Kunstpädagogin und ein Forstökonom haben das Memorandum unterschrieben. Der Unmut über den ökonomischen «Imperialismus», den Thomas Straubhaar jüngst anprangerte, ist in der akademischen Welt offenbar gross.
Wie weiter mit der Ökonomie? DerBund.ch/Newsnet wird sich der Debatte in der kommenden Woche ausführlich widmen. Ab Dienstag legen vier renommierte Schweizer Ökonomen ihre Sichtweise in separaten Beiträgen dar. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.04.2012, 09:29 Uhr
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4 Kommentare
Eine ständige kritische Hinterfragung der ökonomischen Theorien ist enorm wichtig, da die Wissenschaft sich dem Dienste des Menschen verpflichten soll und nicht umgekehrt. Woran man glaubt, wird ein Stück zur Wirklichkeit und man muss Glaubensätze mit äusserster Vorsicht auswählen. Nicht mehr lange und wir realisieren, was wir eigentlich sind und was wir schaffen können (oder sollen). Antworten
Und plötzlich, diese Ökonomen, Professoren und Wissenschaftler, die, die das gegenwärtige Chaos und die Probleme der Wirtschafts-und Finanzkrise seit Jahrzehnten 'züchteten' und damit auch produzierten mit ihrer Ideologie und Mentalität ziehen nun ihren Schwanz ein. Wo sind nun auch alle Nobelpreisträger der Ökonomie? Sind alle unschuldig und im Stillen in sehr komfortablen Ruhestand getreten? Antworten
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