Wirtschaft

«Auch Banker haben das Recht, sich über Ethik zu äussern»

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 08.07.2011 2 Kommentare

Vier Jahre nach seinem Abgang bei der UBS redet Peter Wuffli vor hunderten Leuten über «Führung in der Krise». DerBund.ch/Newsnet sprach mit ihm über seine Motive, bekehrte Banker und Steuerhinterziehung.

1/4 Früher Bankchef, heute Philanthrop: Peter Wuffli.

   

Zur Person

Peter Wuffli war von 2002 bis 2007 Konzernchef der UBS. Der heute 53-Jährige hat an der Universität St. Gallen studiert, wo er 1984 zum Thema Investitionen Schweizer Industrieunternehmen in Mexiko promovierte.

1984 bis 1994 war er bei der Unternehmensberatung McKinsey & Co., zuletzt als Partner. Danach wechselte er als Finanzchef zum Schweizerischen Bankverein, der 1998 mit der Schweizerischen Bankgesellschaft zur UBS fusionierte. Im Dezember 2001 wurde Wuffli zum CEO ernannt.

Seit seinem Abgang bei der UBS führt Wuffli gemeinsam mit seiner Frau eine Stiftung und ist als Verwaltungsrat in verschiedenen Organisationen aktiv. 2010 erschien Wufflis Buch «Liberale Ethik – Orientierungsversuch im Zeitalter der Globalisierung».

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Peter Wuffli hat seine Zeit bei der UBS (UBSN 11.15 -0.89%) nicht vergessen. Als er an diesem Abend im Konferenzsaal des Park Hyatt seinen Vortrag zur «Führung in turbulenten Zeiten» hält, ist seine Rede gespickt mit Verweisen auf seine Erfahrungen als Chef der Grossbank – und auf seinen Abgang, der für ihn nach eigenen Angaben «aus heiterem Himmel» kam. «Das Schmerzhafteste war», sagt Wuffli vor den rund 200 Zuhörern, «dass man den Entscheid nicht direkt mit mir besprochen hat.»

Er habe nach dem Rücktritt einen «intensiven Transformationsprozess» durchlaufen, sagt Wuffli an anderer Stelle. Und: Man müsse sich in einer Krise selber Zeit geben, um die Ereignisse «zu verarbeiten» und den Prozess nicht mit Verdrängung künstlich zu verkürzen versuchen. Wuffli spricht hier an einer Veranstaltung des Dachverbandes Schweizer Interim-Manager, der sich als Netzwerkplattform für eben solche temporäre Führungskräfte in Krisenzeiten empfiehlt. Wufflis Auftritt, der durchaus authentisch und persönlich wirkt, entbehrt darum nicht der Ironie. «Was macht er hier? Er ist ja gegangen, als es kritisch wurde», spöttelt einer in der sechsten Reihe.

Verlust bei Hedgefonds

Wuffli war von 2002 bis 2007 Chef der UBS. Im Juni 2007 beschloss der Verwaltungsrat der Bank, ihn nicht wie geplant zum Nachfolger des VR-Präsidenten Marcel Ospel zu machen. Die genauen Gründe kennt Wuffli nach eigenen Angaben nicht. Verschiedene Journalisten hatten geschrieben, dass die Verluste des unter Wuffli aufgebauten konzerneigenen Hedgefonds Dillon Read Capital Management – der stark im US-Subprime-Markt investiert war – der Auslöser waren. Wuffli sagte dazu 2010 der «Weltwoche»: «Für mich war der Grund nicht sehr plausibel. Das Projekt wurde damals mit einem Nachsteuerverlust von rund 200 Millionen Franken kalkuliert. Das sehe ich im Verhältnis zu einer unter meiner Führung erzielten Gewinnsteigerung in fünf Jahren von fünf auf zehn Milliarden Franken.»

Doch in den Monaten nach Wufflis Abgang musste die UBS insgesamt über 40 Milliarden Franken abschreiben; das Jahr 2007 schloss sie schliesslich mit einem Verlust von 4,4 Milliarden Franken. Die Aktionäre der Bank verweigerten Wuffli und Ospel an der Generalversammlung die Décharge für das Jahr 2007. Wuffli hat nach seinem Abgang gemeinsam mit seiner Frau eine Stiftung gegründet, die unternehmerische Projekte in der dritten Welt fördert.

Herr Wuffli, warum sind Sie hier?
Weil man mich angefragt hat.

Ihr Buch «Liberale Ethik» ist offenbar nach wie vor in der 1. Auflage erhältlich. Sind Sie hier, um Werbung zu machen?
Die Veranstalter haben von sich aus angeboten, mein Buch als Gastgeschenk zu vergeben. Das ist natürlich ein schöner Nebeneffekt. Aber in erster Linie hat mich das Thema interessiert.

Wie sieht heute Ihr Alltag aus?
Ich bin Präsident des IMD-Stiftungsrates (private Management-Schule in Lausanne, Red.), Vizepräsident des Zürcher Opernhauses, VR-Mitglied der Partners Group sowie Präsident der von meiner Frau und mir gegründeten Stiftung Elea, die sich bei philanthropischen Projekten engagiert. Ich bewege mich also in sehr unterschiedlichen Welten. Jeder Tag sieht anders aus. Viele Fragen sind dieselben, etwa: Wie baue ich ein Führungsteam auf? Wie gehe ich mit Unvorhergesehenem um? Ich verstehe mich sehr stark als Brückenbauer.

Sie mussten die UBS 2007 verlassen. Unter Ihrer Führung hat sich die Bank mit risikoreichen Anlagen verkalkuliert und gegen das US-Gesetz verstossen. Hatte niemand in den oben genannten Organisationen Angst vor einem Imageverlust?
Das Mandat bei der Partners Group hatte man mir angeboten, nachdem ich zurückgetreten war. Man hat mich offenbar geschätzt für das, was ich einbringe. Ich habe mir allerdings selber Gedanken gemacht, ob ich jemandem mit meinem Engagement schade. Darum habe ich das Mandat für die Freunde der FDP abgegeben.

Sie haben in Ihrem Vortrag davon gesprochen, dass Sie nach Ihrem Abgang einen «Transformationsprozess» durchlaufen hätten. Was haben Sie damit gemeint?
Wenn so etwas geschieht, muss man sich ganz neu ausrichten in seinem Leben. Ich hatte eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühle. Zuerst war ich in einem Schockzustand, dann kam die Wut, die Enttäuschung, die Verletzung. Nach einer Weile habe ich die positiven Seiten gesehen: Die Freiheit, die Möglichkeit, etwas Neues aufzubauen. Ich war etwa zum ersten Mal seit sehr langer Zeit in der Badi Tiefenbrunnen schwimmen, mitten an einem Werktag. Mit der Zeit wurde mir auch klar, wie ich meine Zukunft sehe. Ich wusste, dass ich nicht mehr operativ als CEO tätig sein wollte. Und ich wollte nicht zu einem Konkurrenzunternehmen gehen, um die UBS anzugreifen.

Sie haben dann Ihr Buch geschrieben, das 2010 erschienen ist. Warum haben Sie das getan?
Ethische Fragen haben mich schon während des Studiums beschäftigt. Ich wollte eigentlich meine Doktorarbeit über Ethik schreiben, fand aber, dass ich das ohne praktische Erfahrung nicht kann. Jetzt hatte ich die Zeit, darauf zurückzukommen und theoretische Gedanken mit der Praxis zu vergleichen.

Warum haben Sie nicht einfach über Ihre Erfahrungen geschrieben?
Weil es mich zu wenig interessiert, nur über mich selber zu schreiben. Mein Ego füllt kein ganzes Buch.

Sie beschreiben im Buch, dass Sie in den Augen der Gesellschaft zur «eiskalten Elite» und zur «Gilde der Abzocker» gehörten. Ist der Text der Versuch einer Rechtfertigung?
Nein, das ist er nicht.

Sie sagten, Sie seien nach Ihrem Abgang verletzt gewesen.
Ja. Aber ich will doch nicht die Öffentlichkeit damit belästigen, dass ich gekränkt worden bin. Es werden täglich Leute gekränkt. Ich wurde während der Arbeit am Buch von einem jungen Doktoranden unterstützt, dem ich genau diesen Auftrag gegeben hatte: «Sag mir, wenn sich der Text nach Psychohygiene anhört.» Das wollte ich auf keinen Fall.

Ist Ihnen bewusst, dass es Spott auslöst, wenn ausgerechnet der Ex-UBS-Chef ein Buch über Ethik schreibt?
Das ist möglich. Aber der Spott kam vermutlich von Leuten, die das Buch gar nicht gelesen hatten. Mir war schon klar, dass das Buch kontrovers aufgenommen würde. Aber auch Banker haben das Recht, sich über Ethik zu äussern.

Es gibt eine ganze Reihe von Bankern, die plötzlich ihr Leben ändern. Sie schreiben Romane oder eröffnen ein Café mit dem vielen Geld, das sie verdient haben. Und zelebrieren, wie wichtig ihnen die Werte sind, die andere ohne grosse Inszenierung ihr Leben lang verfolgen. Verstehen Sie, dass das die Leute nervt?
Natürlich. Aber was ist die Alternative? Keine Stiftung zu gründen, wenn man das Geld dazu hat? Ungleichheit lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Statt Ungleichheit zu bekämpfen, sollten wir uns die Frage stellen, was Reiche mit ihrem Geld tun sollten. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie in der Lotterie gewonnen, einen reichen Partner geheiratet, gearbeitet oder geerbt haben. Was tun sie mit ihrem Geld und ihren Fähigkeiten? Wo engagieren sie sich? Darüber muss es einen Dialog geben.

Genau diesen Dialog untergraben Banken, wenn sie reichen Ausländern bei der Steuerhinterziehung helfen.
Was meinen Sie mit helfen? Das müssen Sie genauer definieren.

Juristisch muss man das genauer definieren, das stimmt. Ethisch nicht: Man weiss genau, wann man jemandem bei der Steuerhinterziehung hilft.
Es ist eine historische Stärke der Schweiz, Verfolgten Schutz zu bieten. Jemand, der eine Diktatur erlebt hat, will sein Geld nicht unbedingt im eigenen Land anlegen. Die Schweiz kommt diesem Bedürfnis entgegen. Da hat sie sich nichts vorzuwerfen.

Reichen bei der Steuerhinterziehung zu helfen, ist ein Eingriff in die Souveränität eines anderen Staates, selbst wenn die Fiskalquote in der Heimat des Kunden schmerzhaft hoch ist. Wie sehen Sie das?
Grundsätzlich glaube ich an Wettbewerb unter Staaten und an individuelle Freiheit. Bezüglich der Steuern müssen Sie sehen, dass sich das Unrechtsbewusstsein stark verändert hat, in der Schweiz und anderswo. Ich habe in den letzten Jahren meiner UBS-Tätigkeit oft erlebt, dass Kinder nach dem Erbgang das Schwarzgeld ihrer Eltern deklarieren wollten. Es ist sicher gut, dass es jetzt klarere, internationale Regeln gibt, die für alle gelten. Das ist eine Chance für die Schweiz.

Schreiben Sie in nächster Zeit ein weiteres Buch?
Nein. Ich bin noch in der Verdauungsphase.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2011, 12:01 Uhr

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2 Kommentare

Fernando Reust

08.07.2011, 12:27 Uhr
Melden 4 Empfehlung

ich hatte Wuffli und Ospel die Chance geboten; "Transparenter" zu werden ! Das ist Fakt. Und jetzt was ist passiert? Scherbenhaufen und das Volk hat gezahlt:
Warum muss der Karren immer erst an die Wand gefahren werden?? Das ist hier die Frage?
Antworten


Benedict Schupisser

08.07.2011, 14:51 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Ganz offensichtlich ein Mann der klar, geradlinig und – einfach denkt… Antworten



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