Wirtschaft

Amerika braucht ein zweites Anschubprogramm

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 06.06.2011 50 Kommentare

Die US-Wirtschaft schmiert ab, ein Double Dip droht. Nur ein zweites Konjunkturprogramm kann dies verhindern.

Arbeitslosigkeitsrate stagniert: Autofabrik in Michigan.

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Richard Koo ist Chefökonom der Nomura Bank und eine der international renommiertesten Autoritäten, wenn es um die japanische Wirtschaft geht. Er ist auch ein begehrter Referent an internationalen Konferenzen, beim IWF oder der chinesischen Regierung. Dabei pflegt er jeweils eine eindrückliche Graphik aufzulegen. Eine Kurve zeigt den Verlauf der japanischen Immobilienpreise: Sie steigen in den 1980er Jahren steil an und fallen nach 1990 ebenso steil ab. In extremen Fällen haben japanische Häuser 87 Prozent ihres Wertes verloren. Insgesamt betrug der Verlust des japanischen Immobilienmarktes rund 1500 Billionen Yen.

Um diese gigantische Wertzerstörung auszugleichen, pumpte der japanische Staat 2000 Billionen Yen in die Wirtschaft. Mit Erfolg: Die japanische Wirtschaft hat zwar in den 1990er Jahren stagniert, sie ist jedoch nie in eine Depression gefallen. Ohne die massive Intervention des Staates wäre dies unweigerlich der Fall gewesen. Das BIP wäre im zweistelligen Bereich geschrumpft. Das zeigt eine zweite Kurve.

Die Löhne von 80 Prozent der Arbeitnehmer sind gesunken

Richard Koo ist ein konservativer Mann und ein bekennender Fan von Ronald Reagan. Er will mit seiner Kurve niemanden zu keynesianischen Experimenten anstacheln. Er zeigt ganz einfach nüchtern auf, was in einer sogenannten Balance Sheet Recession geschieht, wenn der Staat die Nachfragelücke nicht füllt. Und wie Japan in den 1990er Jahren befinden sich die USA heute in einer solchen Balance Sheet Recession. Daran kann kein vernünftiger Mensch mehr zweifeln.

Die Immobilienpreise sind seit 2006 rund ein Drittel eingebrochen und fallen weiter. Die Arbeitslosigkeit ist wieder über neun Prozent geklettert und die Löhne von rund 80 Prozent der US-Arbeitnehmer sind heute tiefer als auf dem Höhepunkt der Krise 2008.

Die prägenden Merkmale einer Balance Sheet Recession sind: Die privaten Haushalte sparen, weil sie überschuldet sind. Die Unternehmen investieren nicht, entweder weil sie ebenfalls sparen müssen – das war in Japan der Fall – oder weil sie keinen Grund sehen zu investieren, weil die Nachfrage fehlt – das ist heute in den USA der Fall. Mit anderen Worten: Das Geld, das die überschuldeten Haushalte sparen, wird nicht investiert, sondern nutzlos gehortet. Das wiederum führt zwangsläufig dazu, dass das BIP schrumpft. So kommt eine gefährliche Deflationsspirale zum Drehen, es sei denn, der Staat springt ein.

Das System blockiert sich selbst

Das ist allerdings nur dann möglich, wenn ein politischer Konsens besteht, mit höheren Staatsschulden zu leben. In Japan war dies der Fall, das Land hat heute die höchste Staatsverschuldung. Das ist weit weniger problematisch, als meist dargestellt wird. Die Japaner finanzieren ihre Schulden nach wie vor selbst, ja sie exportieren sogar noch Kapital, selbst nach der Atomkatastrophe von Fukushima.

In den USA besteht dieser politische Konsens nicht. Im Gegenteil, Republikaner und Demokraten sind heillos zerstritten und blockieren das System. Derzeit tobt ein Streit darüber, ob die Schuldenobergrenze erhöht werden soll oder nicht. Dieser Streit ist sinnlos, denn die Regierung wird über kurz oder lang gar keine andere Wahl haben. Weshalb?

Ein moderner Staat ist eine riesige Versicherungsgesellschaft mit einer eigenen Armee, wie es der Ökonom Paul Krugman einst zugespitzt formuliert hat. Sich mit Sparen aus der Misere zu befreien, ist für die USA daher praktisch unmöglich. Wer immer noch zwei Kriege führt, hat ein begrenztes Sparpotenzial bei der Armee. Die Versicherungsausgaben des Staates zu kürzen, ist politisch unmöglich. Das erleben die Republikaner derzeit mit ihren Plänen, das Medicare-Programm drastisch reduzieren zu wollen. Für die Grand Old Party zeichnet sich hier ein eigentliches Waterloo ab. Selbst beim eigenen Anhang sind diese Pläne so unbeliebt, dass sich bei besonnenen Republikanern erste Absatzbewegungen erkennen lassen.

Mit einem 800-Milliarden-Stimulierungsprogramm hat die Regierung von Präsident Obama eine Deflationsspirale nach dem Beinahe-Kollaps des Finanzsystems im Herbst 2008 verhindern können. Die Wirkung dieses Programms lässt nach. Gleichzeitig stösst auch die Geldpolitik der Notenbank an ihre Grenzen. Die jüngsten Wirtschaftsdaten zeigen aber unmissverständlich, dass die amerikanische Balance Sheet Recession noch längst nicht überwunden ist. Deshalb wird die US-Regierung bald ein weiteres Konjunkturprogramm auflegen. Wetten?

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2011, 13:13 Uhr

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50 Kommentare

Hans Meier

06.06.2011, 13:44 Uhr
Melden 44 Empfehlung

"Anschubprogramm" heisst ja nichts anderes, als noch mehr Schulden machen um damit den Konsum hier und jetzt zu beleben. Das heisst, die heutige Generation wird noch mehr zu Lasten ihrer Kinder leben und ihnen die Schulden vererben. Bzw. im Falle der USA ihre Konsumausgaben ausländischen Investoren via $-Abwertung aufbürden. Wann kommen wir endlich zur Besinnung! Antworten


peter hartmeier

06.06.2011, 14:10 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Die Amerikaner haben in den 15 Jahren vor der Finanzkrise Jahr für Jahr 7 - 8% mehr konsumiert als im BIP erwirtschaftet. Sie haben massiv auf zu grossem Fuss gelebt und dadurch Schulden angehäuft. Um diesen Anteil des Zuvielkonsumierens müssen sie ihren Konsum-Standart wieder zurück führen. Das geht nicht mit einer Weiterführung der Schuldenwirtschaft, wie sie Ph.L. propagiert. Antworten



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