Wirtschaft

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


Adiós España

Aktualisiert am 13.04.2012 65 Kommentare

Deutschland wirbt aktiv junge Arbeitskräfte aus Südeuropa an. Zehntausende sollen es sein, die dereinst gen Norden auswandern. Und dort reagiert man – trotz drei Millionen Arbeitslosen – gelassen. Warum?

Wohin geht die Reise? Ein junger Passagier wartet am Madrider Flughafen Barajas auf seinen Flug.

Wohin geht die Reise? Ein junger Passagier wartet am Madrider Flughafen Barajas auf seinen Flug.
Bild: Reuters

So viel freie Jobs hat es in Deutschland: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. (Bild: Reuters )

Hälfte der jungen Griechen arbeitslos

50,8 Prozent der Menschen zwischen 15 und 24 Jahren gingen in dem rezessionsgeplagten Mittelmeerland im Januar keiner regulären Arbeit nach. Das sind doppelt so viele wie vor drei Jahren. Die allgemeine Arbeitslosigkeit erreichte in dem Monat einen Rekordwert und stieg auf 21,8 Prozent. Das ist zweimal so hoch wie der Durchschnitt in der Eurozone. Nur in Spanien sieht es noch schlechter aus: Im ersten Quartal lag die Arbeitslosenquote dort bei 22,9 Prozent. (sda)

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

«Alemania wird zum gelobten Land», hiess es jüngst in einer deutschen Zeitung. Das könnte Tatsache werden, wenn man der deutschen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen Glauben schenkt. Denn sie machte vor wenigen Tagen in einem Interview aktiv Werbung für junge Südeuropäer, nach Deutschland zu emigrieren. Grund: Zwischen Rhein und Nordsee gibt es freie Jobs respektive Arbeitgeber, die verzweifelt nach Arbeitskräften suchen. «Alleine in Deutschland sind mehr als eine Million offene Stellen gemeldet», sagte die Ministerin in der Regierung Merkel. Und deshalb werde sie Initiativen fördern, «die talentierte junge Menschen aus Nachbarländern mit hoher Arbeitslosigkeit nach Deutschland lotsen». In ähnlicher Weise äusserte sich jüngst auch Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Man reibt sich die Augen: Regierungsmitglieder werben um ausländische Arbeitskräfte. Und das in einem Land mit immer noch rund 3 Millionen Arbeitslosen, rund knapp acht Prozent der Erwerbstätigen. Man stelle sich vor, Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann würde junge Spanier und Griechen in die Schweiz locken. Zumindest im rechten politischen Spektrum würde er damit nicht gerade gut ankommen. Anders in Deutschland. In den Medien wurde das aktive Werben von der Leyens bisher nur verhalten thematisiert. Und wenn, dann unter positiven Vorzeichen: «Leyen will bei EU-Arbeitslosigkeit helfen», schrieb etwa der «Focus».

Ein Sturm auf Deutschland?

Zum Werben Deutschlands um ausländische Arbeitskräfte sagt Jochen Mankart, Professor für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen: «Aus deutscher Sicht macht das Sinn.» In bestimmten Segmenten würde sich der Arbeitskräftemangel ohne Zuzüger negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken.

Schon prognostizieren spanische Medien «einen Sturm auf Deutschland». Von Zehntausenden Spaniern ist die Rede, die nächstens den Weg nach Norden auf sich nehmen würden. Zwar gibt es Hürden, aber die scheinen überwindbar. «Ein mittleres deutsches Sprachniveau» sollten die neuen Einwanderer haben und sie müssen in einem Beruf ausgebildet sein, dessen Arbeitsmarkt in Deutschland ausgetrocknet ist. Dazu gehören unter anderem Gesundheitsberufe, Ingenieure sowie Gastronomie und Tourismus.

Arbeitsmigration als Stärke der USA

Dass angesichts solcher Zahlen in Deutschland nicht die Angst vor Verdrängung durch billigere Arbeitskräfte die Runde macht, erklärt Mankart so: In den entsprechenden Berufen und Regionen herrsche Auslastung bis hin zur Vollbeschäftigung. Als Beispiel nennt er das Ingenieurwesen in Süddeutschland.

Als Ökonom und Befürworter eines freien Arbeitsmarktes sieht Mankart im Bestreben von der Leyens aber auch positive Effekte für den gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum: Arbeitsmigration, die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen und konjunkturelle Phasen in den verschiedenen Wirtschaftsräumen ausgleichen könne. Etwas, was zu den Stärken der US-Wirtschaft gehört. Bis jetzt war im Zusammenhang mit dem europäischen Arbeitsmarkt immer von kulturellen und sprachlichen Unterschieden die Rede, welche eine stärkere Arbeitsmigration verhinderten. Wenn sich junge Spanier aber nun in Scharen hinters Deutschbuch setzen, mag das ein Zeichen für ein sich veränderndes Bewusstsein innerhalb Europas sein.

Fehlen plötzlich die gut ausgebildeten Leute in Spanien?

Ganz ohne negative Nebenwirkungen allerdings wird diese Entwicklung nicht bleiben. Sollte sich die spanische Wirtschaft wieder erholen, fehlen ihr dann die Fachkräfte. Und angesichts steigender Schuldenlast brauchen die Iberer dringend Wachstum. Mankart relativiert allerdings den möglichen negativen Effekt abwandernder junger Arbeitskräfte: «Im Moment hilft das ganz sicher. Spanien kann sich so die Arbeitslosenentschädigung sparen.»

Und was ist mit der Immigration Deutscher in die Schweiz? Gibt das nicht einfach einen unsinnigen Dominoeffekt? Dann nämlich, wenn deutsche Pflegekräfte in die Schweiz emigrieren und dafür deutsche Pflegeinstitute spanische Arbeitskräfte aus Südeuropa nachziehen müssen. «Das gehört zum offenen Markt», sagt Mankart dazu. Ganz nach dem Motto: «Lasst die Leute machen, was sie wollen.» Der Ökonomieprofessor findet dies «uneingeschränkt positiv». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2012, 14:32 Uhr

65

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

65 Kommentare

manuel braun

13.04.2012, 14:56 Uhr
Melden 140 Empfehlung 0

was für ein unsinn gerade im gesundheitssektor. teure ausbildungen werden von schwachen ländern bezahlt, um danach in besser situierten ländern sein einkommen zu versteuern. die deutschen in die schweiz, die spanier nach deutschland, die tunesier nach spanien etc, damit dann unsere ärzte ohne grenzen bei den ganz arme wieder die kohlen aus dem feuer holen, toll diese globale welt, einfach nur toll Antworten


Andreas Meier

13.04.2012, 14:53 Uhr
Melden 105 Empfehlung 0

Blanker Unsinn welcher dieser Prof. Mankart da von sich gibt! Kein Wunder, der lebt ja ganz gut auf Kosten der Schweizer Steuerzahler + muss sich keine Sorgen machen! Sobald die Südeuropäer merken, dass sie nicht sonderlich willkommen sind in Deutschland- werden sie wohl einfach weiter ziehen in die Schweiz! Der Krug geht zum Brunnen bis er bekanntlich bricht - wann kommt die Schweizer Bürgerwehr? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Eine volle Rente soll nur noch erhalten, wer zu 80 Prozent invalid ist. Sind Sie mit dem Entscheid des Ständerats einverstanden?




Jetzt wechseln und sparen

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".

Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Genusswelt

Entdecken Sie Weine, Spirituosen, Zigarren und vieles mehr!