Wirtschaft

Achtung, Technokraten!

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 17.11.2011 53 Kommentare

Der Ruf der Politiker in der Öffentlichkeit leidet massiv. Deshalb werden jetzt Technokraten zu Heilsbringern stilisiert. Eine gefährliche Illusion.

1/5 Mit der steigenden Arbeitslosigkeit in den USA wächst auch das Misstrauen gegenüber der US-Regierung: Ein Mann trägt symbolisch US-Arbeitsplätze zu Grabe.

   

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Nur noch neun Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner sind damit einverstanden, wie das Parlament seinen Job verrichtet. Auch das Vertrauen in die Wirtschaftsführer ist auf einem historischen Tiefpunkt. «Was wirtschaftliche Veränderungen betrifft, sind die Menschen noch nie so negativ eingestellt gewesen, seit wir 1946 damit begannen, Daten zu erheben», sagt Richard Curtin, Direktor des Institute of Social Research der University of Michigan.

Stimmung im Keller

Wenn es um den Präsidenten geht, wird die Stimmung unterirdisch. «Diese Regierung hat die schlechtesten Vertrauenswerte seit den Tagen von Nixon», sagt Curtin. «Der Pessimismus ist stärker ausgeprägt als je zuvor.» So gesehen sollten die oppositionellen Republikaner die nächsten Wahlen mit links gewinnen. Fehlanzeige. Die Werte der Grand Old Party (GOP) sind genauso im Keller.

Es wäre durchaus komisch – wenn es denn nicht so ernst wäre. Die USA kämpfen mit der schlimmsten Schuldenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Wirtschaft wächst viel zu langsam, um die bald auf über neun Prozent steigende Arbeitslosenquote wirksam zu bekämpfen. Die sozialen Spannungen nehmen täglich zu. Von der Politik ist keine Abhilfe zu erwarten. In diesen Tagen muss die Frage geklärt werden, wie die Schulden langfristig abgebaut werden sollen. Ein überparteilicher Kompromiss wäre dringend nötig. Er wird wohl nicht zustande kommen. Demokraten und Republikaner stehen sich in einem paritätischen Super-Komitee unversöhnlich gegenüber. Das Ergebnis wird wahrscheinlich darin bestehen, dass ein neues «Super-Super-Komitee» ein halbes Jahr Zeit erhält, um einen Kompromiss auszuarbeiten.

Das Schicksal der Weltwirtschaft

Europäer haben deshalb noch keinen Grund zu Hochmut oder gar Schadenfreude. In Italien und Griechenland hat die Politik kapituliert und das Zepter scheinbar neutralen Technokraten übergeben. In der EU führen die Politiker täglich vor, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die Probleme zu bewältigen. Dabei geht es um alles oder nichts. Der an sich nüchterne Chefökonom der «Financial Times», Martin Wolf, stellt fest: «Auf dem Spiel steht nicht nur die Stabilität von Europa – vielleicht geht es um das Schicksal der Weltwirtschaft –, und es geht auch um den grössten Versuch seit den Römern vor 1535 Jahren, Europa zu zivilisieren.»

Jetzt werden vermeintlich neutrale Technokraten plötzlich zu Heilsbringern. Sie sollen es richten, auf wundersame Weise mit nüchternen Zahlen und pragmatischem Handeln den gordischen Knoten der Politik durchzuhauen. Doch die Hoffnung trügt. Auch Technokraten werden sich entscheiden müssen, ob sie Steuern erhöhen oder soziale Leistungen abbauen wollen. Auch Technokraten müssen entweder sparen oder die Wirtschaft ankurbeln. Und auch Technokraten werden entscheiden, ob sie die Globalisierung eher fördern oder bremsen wollen. «Objektive» Lösungen für diese Fragen gibt es nicht, sind doch damit stets Eigeninteressen verbunden. Im Idealfall werden sie aber demokratisch ausgehandelt.

Enttäuschungen sind unausweichlich

Der Aufstieg der Technokraten ist gleichzeitig verständlich und gefährlich. Eine neue Elite kommt hier an die Macht, die politisch nicht legitimiert ist und zwangsläufig einen Teil der Bevölkerung enttäuschen muss. Lukas Papademos und Mario Monti sind beide Ökonomen. Monti etwa war eine Zeit lang bei der Investmentbank Goldman Sachs tätig. Was immer beide jetzt auch unternehmen, sie stehen automatisch im Verdacht, Banken zu schonen und die Globalisierung zu fördern.

Sollte es den Technokraten aber gelingen, die Märkte zu beruhigen und die Wirtschaft anzukurbeln, dann ist das Experiment gut ausgegangen. Allerdings: Die Chancen stehen schlecht, denn die Risiken sind gewaltig. Scheitern die Technokraten, dann wird aus populistischer Sicht endgültig der Beweis erbracht sein, dass Eliten – ob politisch oder technokratisch – versagt haben. Die nächste Option könnte eine totalitäre Lösung sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2011, 16:03 Uhr

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53 Kommentare

Tina Kuster

17.11.2011, 16:15 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Der Kapitalismus war gut, solange wir Platz zum Expandieren hatten. Jetzt erlebt der Kapitalismus aber sein Ende. Wir haben schlicht weder Platz noch Ressourcen, um noch mehr zu wachsen. Und steter Wachstum ist ein Muss für den Kapitalismus. Man muss sich nicht die Frage stellen "sparen oder Wirtschaft ankurbeln" sondern "was wird unser nächstes System sein" Antworten


david arjuna

17.11.2011, 16:15 Uhr
Melden 24 Empfehlung

nun sollen ältere finazexperten aus der wirtschaft, welche ursächlich massgeblich am finanzdebakel beteiligt sind, die prekäre finanzsituation der staaten in europa richten! eigentlich bräuchte es kreative menschen mit visionen, welche neue lösungen präsentierten, denn das wirtschaftssystem des totalitären kapitalismus hat ja versagt! es braucht ein ganz neues gerechteres wirtschaftssystem! Antworten



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