Wirtschaft

«Hoffnung ist keine Strategie»

Von Christoph Gisiger, New York. Aktualisiert am 13.07.2011 8 Kommentare

Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Richard Sylla warnt vor einer neuen Finanzkrise – und zieht alarmierende Parallelen zu den Dreissigerjahren.

Es herrscht Nervosität an den Finanzmärkten: Händler an der New York Mercantile Exchange, 12. April 2011.

Es herrscht Nervosität an den Finanzmärkten: Händler an der New York Mercantile Exchange, 12. April 2011.
Bild: Keystone

«Finanz und Wirtschaft»

Dieser Artikel ist heute in der aktuellen Ausgabe der «Finanz und Wirtschaft» auf Seite 29 erschienen. Tagesanzeiger.ch/Newsnetz hat ihn mit freundlicher Genehmigung publiziert.

«Die Chancen sind nicht gering, dass wir auf eine weitere Finanzkrise zusteuern»: Richard Sylla hält die Empfehlungen des Finanzregelwerks Basel III für zu schwach. (Bild: Michael Dames)

Zur Person

Nur wenige kennen sich in der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzmarktgeschichte so gut aus wie Richard Sylla. Er ist in Harvey im Bundesstaat Illinois aufgewachsen und begann seine akademische Karriere in Harvard.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren lehrte er an der North Carolina State University. Seit 1990 arbeitet er an der Stern School of Business der New York University als Henry Kaufmann, Professor of the History of Financial Institutions and Markets sowie als Professor of Economics.

Während seiner Karriere war er immer wieder als Gastprofessor an anderen renommierten Universitäten tätig, darunter etwa am St. Anthony’s College der Oxford University, an der Harvard University sowie auch an der Universität St. Gallen. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst, die er oft mit bekannten Co-Autoren geschrieben oder herausgegeben hat. Sein jüngstes Werk
ist Anfang dieses Jahres erschienen und trägt den Titel «Founding Choices: American Economic Policy in the 1790s». Richard Sylla amtet ausserdem als Präsident des Museum of American Finance, das
dem Smithsonian Museum angehört und sich an der Wall Street befindet.

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Die amerikanische Wirtschaft steht auf der Kippe, und in Europa zieht das Schuldendebakel immer weitere Kreise. Richard Sylla sieht einen wesentlichen Grund für die Konjunkturmalaise in den USA darin, dass die Kreditkrise weiter schwelt und sich von Amerika nach Europa verlagert hat. Um einen erneuten Schock im globalen Finanzsystem zu verhindern, plädiert der renommierte US-Wirtschaftshistoriker für eine schärfere Regulierung der Grossbanken.

Professor Sylla, seit dem Ende der Rezession in den USA sind bereits zwei Jahre vergangen. Dennoch kommt die Wirtschaft nicht auf Touren. Woran liegt das?
Zu den schlimmsten Krisen kommt es immer dann, wenn die Banken und das Finanzsystem geschwächt werden. Das ist ein zentraler Punkt, weshalb die Misere anhält, und es geht auch deutlich aus den historischen Untersuchungen von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff hervor. Nachdem die Kreditkrise in den USA ihren Anfang genommen hat, sind die amerikanischen Banken inzwischen zwar stabiler aufgestellt, und der Konjunktur geht es etwas besser. Das Problem hat sich nun aber nach Europa verlagert.

Wie meinen Sie das?
Die amerikanischen Grossbanken haben ihre Eigenmittel inzwischen aufgestockt, wogegen die Kapitaldecke ihrer europäischen Konkurrenten sehr dünn ist. Hinzu kommt, dass sich Europas Banken schwer mit Anleihen aus Griechenland und anderen hoch verschuldeten Staaten beladen haben. Die Politik schiebt dieses Problem einfach vor sich her. Ohne eine Wertberichtigung auf diesen Anlagen wird es aber immer wieder neu aufflammen.

Wie gefährlich ist die Situation?
Die breite Öffentlichkeit und viele sogenannte Experten haben nicht gemerkt, dass europäische, aber auch amerikanische Banken weiterhin grosse Mengen an faulen Krediten in ihren Büchern verbergen. Es wird einfach so getan, als ob das solide Anlagen wären, und gehofft, dass sie eines Tages wieder etwas wert sind. Hoffnung ist jedoch keine Strategie.

Was könnte das für Folgen haben?
Wir könnten eines Tages aufwachen und feststellen, dass eine renommierte Bank, die alle bislang für kerngesund gehalten haben, plötzlich insolvent ist und der Staat sie retten muss. Das würde die globalen Finanzmärkte erneut schwer erschüttern, denn bei jedem anderen Institut würde sofort der gleiche Verdacht aufkommen. Die Chancen sind daher nicht gering, dass wir auf eine weitere Finanzkrise zusteuern.

Genau das soll das internationale Bankenregelwerk Basel III aber verhindern.
Die Vorschläge sind zu weich. Systemrelevante Grossbanken müssen viel mehr hartes Eigenkapital halten, als Basel III vorsieht. Auch darf nicht unterschieden werden, dass gewisse Anlagen mit mehr und andere mit weniger Kapital hinterlegt werden müssen. Wenn etwa für ein Engagement in Staatsanleihen kaum Eigenmittel erforderlich sind, setzt das gefährliche Anreize: Regierungen verschulden sich übermässig, und die Banken bevorzugen solche Investments gegenüber Anleihen von grundsoliden Unternehmen wie IBM, weil sie dafür weniger Eigenkapital brauchen und so mehr Profit erzielen können. Wohin das führt, sehen wir jetzt.

Wie sieht eine bessere Lösung aus?
Einfach und sauber. Kleinere Banken müssten, sagen wir, 10% hartes Eigenkapital halten. Für Grossbanken wären dann 15 bis 20% erforderlich. Das gäbe ihnen auch einen starken Anreiz, nicht übermässig gross zu werden. Bisher ist es allerdings umgekehrt: Grosse Banken haben weniger strenge Auflagen als kleine. Das, obschon doch gerade diejenigen Finanzinstitute, die bei einem Zusammenbruch die ganze Wirtschaft gefährden, das dickste Sicherheitspolster haben sollten.

Die Grossbanken warnen aber, dass höhere Eigenmittelanforderungen die Kreditvergabe verteuern.
Das glaube ich kaum. Banken können auch mit einer soliden Kapitalbasis Kredite sprechen, wie die Stanford-Ökonomin Anat Admati überzeugend darlegt. Es geht ihnen doch nur darum, dass sie sich weiterhin stark verschulden und so eine möglichst hohe Rendite auf dem eingesetzten Kapital erzielen können. Genau das hat uns in Schwierigkeiten gebracht. Die globalen Auflagen sollten sich daher an der Schweizer Lösung orientieren. Die Schweiz nimmt in der Diskussion über strengere Kapitalauflagen für Grossbanken eine Vorreiterrolle ein.

Auch in der Schweiz behaupten die Banken jedoch, dass Kredite dadurch erschwert werden und die Wirtschaft gebremst wird.
Das ist ein eigennütziges Argument. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts etwa gab es in den USA einen sehr wettbewerbsintensiven Finanzsektor. Obwohl die meisten Banken damals 30 bis 40% Eigenkapital hielten, sprachen sie reichlich Kredite.

Die schwerste Finanzkrise in den USA spielte sich Anfang der Dreissigerjahre ab. Was lassen sich daraus für Lehren ziehen?
Die Banken wurden danach streng reguliert, was ganz gut funktioniert hat. Das Finanzsystem war für die nächsten dreissig bis vierzig Jahre stabil, und Neuerungen wie die Einlagenversicherungsbehörde FDIC oder die Wertschriftenhandelsaufsicht SEC sind bis heute wichtige Institutionen. Erst seit das Bretton-Woods-System Anfang der Siebzigerjahre aufgegeben wurde und das Bankgeschäft zunehmend international wurde, gibt es wieder vermehrt Turbulenzen. Wir sollten das Problem daher an der Wurzel packen, damit wir für die nächsten dreissig bis vierzig Jahre wieder Ruhe haben. Sonst rutschen wir schon früher in die nächste Krise.

Ein weiterer Reformansatz ist die Volcker-Regel, die den Eigenhandel einschränkt.
Ich bin ein Verfechter der Volcker-Regel, auch wenn sie nun stark verwässert wurde. Wenn Branchenriesen wie Citigroup, Bank of America oder UBS riskante Wetten plazieren und sich verspekulieren, tangiert das auch das Einlagengeschäft, für das diese Banken ja eigentlich da sind. Bereits nach dem Crash von 1929 wurde mit dem Glass-Steagall-Gesetz daher das Einlagen- und Kreditgeschäft vom Handel getrennt. Banker lebten fortan nach der Drei-sechs-drei-Devise: Geld zu 3% Zins aufnehmen, Kredite zu 6% sprechen und um drei Uhr Nachmittags zum ersten Abschlag auf dem Golfplatz sein. Das Bankgeschäft war damals zwar viel weniger aufregend, dennoch liess sich mit einer klugen Vergabe von Krediten gutes Geld verdienen.

Eine neue Krise könnte in den USA durch den Streit um das Anheben der Schuldengrenze drohen. Wie kritisch ist die finanzielle Verfassung Amerikas im historischen Vergleich?
Bisher haben wir unseren Staatshaushalt stets durch einen Konjunkturaufschwung wieder in Ordnung gebracht. Denn wenn die Wirtschaft floriert, steigen automatisch auch die Steuereinnahmen, wofür die späten Neunzigerjahre unter Clinton ein Paradebeispiel sind. Auch als die Verschuldung gemessen am Bruttoinlandprodukt nach dem Zweiten Weltkrieg einen Rekord von rund 120% erreichte, wurde sie durch das kräftige Wachstum in den Nachkriegsjahren rasch abgebaut. Obschon die Verschuldung heute weniger als 100% des BIP beträgt, ist die Situation kritischer, weil die Wirtschaft kaum wächst. Es stört mich daher, dass niemand in Washington etwas unternimmt.

Was würde der Konjunktur helfen?
Es wurde zwar verhindert, dass aus der gefährlichen Situation im Herbst 2008 eine Katastrophe wie die Grosse Depression wurde. Für eine rasche Konjunkturerholung hat man seither aber kaum etwas getan. In den Dreissigerjahren hingegen setzte ein kräftiger Aufschwung ein, nachdem Roosevelt zum Präsidenten gewählt worden war. Er sagte klipp und klar, wo es langgeht, und brachte das Vertrauen ins Finanzsystem zurück. Der Aktienmarkt hat sich daraufhin in wenigen Jahren zweimal verdoppelt, allerdings von einem sehr tiefen Niveau aus.

Heute ist in Washington aber vor allem vom Sparen die Rede.
Amerika wird allmählich ein altes Land. Um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen, steht genug Geld am Kapitalmarkt bereit. Man kann es günstig ausleihen und damit Autobahnen, Brücken und Häfen renovieren. Das sind sinnvolle Investitionen und keine Verschwendung, wie die Republikaner immer behaupten. Die grossen Staudämme, die unter Roosevelts New Deal im Tennessee Valley und am Columbia River gebaut wurden, haben sich als grossartige Langzeitinvestitionen erwiesen und produzieren bis heute Strom. In dieser Hinsicht können wir einiges von den Chinesen lernen, die ein grosses Konjunkturprogramm gestartet haben und so gut durch die Wirtschaftsflaute gekommen sind.

Es mehren sich aber die Sorgen, dass die Dinge in China nicht zum Besten stehen.
Ich behaupte schon seit Jahren, dass China eine Krise droht. Der chinesische Staat erzielt zwar einen grossen Überschuss. Gleichzeitig verleihen die Grossbanken jedoch grosszügig Kredite an regionale Verwaltungen und staatliche Unternehmen, die es mit dem Abzahlen oft nicht so genau nehmen. Die Regierung vernebelt das, indem die faulen Kredite in separate Anlagevehikel ausgelagert werden und so aus der Bilanz der Banken verschwinden. Das macht mich stutzig. Wenn es in China zur Krise kommt, wird sie sich zudem nicht auf den Finanzsektor und die Wirtschaft beschränken. Es wird schwere Unruhen geben, weil die Rechte so vieler Menschen mit Füssen getreten werden.

Nicht nur in China gibt es alarmierende Signale. Auch in der Bewertung sozialer Internet-Netzwerke wie Facebook, Linkedin oder Groupon zeigen sich Übertreibungen, was böse Erinnerungen an die IT-Blase weckt. Wiederholt sich die Geschichte?
Verglichen mit damals ist das nur eine Miniblase, die sich auf ein kleines Segment beschränkt. Dennoch hat sie alle Charakterzüge einer klassischen Blase und geht – wie alle Exzesse an der Börse – auf den Südsee- und Mississippischwindel im frühen achtzehnten Jahrhundert zurück: Ein Unternehmen hat aufregende Aussichten, und seine Aktien sind dem Publikum kaum zugänglich. Die Insider verkaufen dann ein paar Titel, und weil nur wenig Material auf dem Markt ist, schnellt der Preis hoch. Zudem lässt er sich wegen des illiquiden Handels leicht manipulieren. Im Gegensatz zu einer Finanz- und Kreditkrise wie 2008 sind solche Spekulationsblasen an der Börse aber weit weniger gefährlich.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 13.07.2011, 15:00 Uhr

8

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

8 Kommentare

Boris Scavezzon

13.07.2011, 15:26 Uhr
Melden 43 Empfehlung

Was dieser Herr sagt, hat oft Hand und Fuss. Dazu müsste man heute noch die Lobbyisten erwähnen, welche sich sehr anstrengen, gewisse Gesetze wie Basel III zu verwässern. Mich erinnern gewisse Geldinstitute an "Triebtäter", die einfach immer wieder das maximale Risiko suchen - ohne sich um die Folgen zu kümmern und deshalb an eine kurze Leine gebunden werden müssen. Antworten


Patrick Ryf

13.07.2011, 15:54 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Die sofortige Einführung des Glass-Steagall-Act wäre die am schnellsten, und am wirksamsten umzusetzende Massnahme um die Raubtier-Bänker an Ketten zu legen. Leerverkäufe und die meisten Derivaten-Geschäfte, die nichts anderes als legalisierten Betrug darstellen, sind per sofort zu verbieten. Leider können die Papier-Geld-Könige mit ihrem Fiat-Geld ganze Parlamente kaufen ..... Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!