Wie «Natelkönig» Heutschi die Welt eroberte

Von Hans Galli. Aktualisiert am 11.06.2010

Er war Mobilfunkchef der Swisscom. Heute hat er eine eigene Firma. Mit der Swisscom liegt er im Streit. Die wechselvolle Geschichte eines Schweizer Aufsteigers.

Walter Heutschi: Der gelernte Coiffeur hat das Mobilfunknetz der Swisscom aufgebaut.

Walter Heutschi: Der gelernte Coiffeur hat das Mobilfunknetz der Swisscom aufgebaut.
Bild: Keystone

Walter Heutschi lernte Coiffeur. Dann wurde er Ingenieur. Später baute er das Mobilfunknetz der Swisscom auf. Seine originelle und zupackende Art brachte ihm den Übernamen «Natelkönig» ein. Tatsächlich hat er die Mobilfunktechnik entscheidend mitgeprägt. Er arbeitete bei der Entwicklung des Mobilfunkstandards GSM mit und er gilt als Vater der Prepaid-Karte.

Heutschi war nicht nur Techniker, er hatte auch ein Gespür fürs Geschäft. So sagte er bereits 1997 im Interview mit dem «Bund»: «Bern wird zur Drehscheibe der Mobiltelefonie.» Er spielte damit auf die von der Swisscom und Vodafone gemeinsam gegründete Comfone AG an: Diese rechnet Mobilfunkgespräche zwischen verschiedenen Netzbetreibern auf der ganzen Welt ab.

Ende 1999 wurde mit Jens Alder ein anderer origineller Kopf an die Spitze der Swisscom gewählt. Das war zu viel der Originalität: Im Frühjahr 2000 verliess Heutschi das Unternehmen. Die Swisscom verdankte seine Dienste, indem sie ihm und zwei Partnern die Comfone verkaufte – zu einem Freundschaftspreis, wie es hiess. Doch zwei Jahre später war es mit der Freundschaft vorbei: Die Swisscom entzog der Comfone die Roamingabrechnung. Fortan rechnete sie die Leistungen selber ab, wenn Kunden von Konkurrenzfirmen auf ihrem Netz telefonierten oder Swisscom-Kunden auf fremden Netzen.

«Über Nacht haben wir damals 80 Prozent des Umsatzes verloren», sagte Heutschi gestern an der Jahrestagung der Fernmeldevereinigung Asut in Bern. Deshalb sei nur eine Expansion ins Ausland offengestanden. Andere Firmen wie Swisscom (Indien, Malaysia), die Swissair oder auch Migros seien mit dieser Strategie aber gescheitert.

Wie die Kaufleute Venedigs

Hauptgründe für das Scheitern seien meist die Mentalitätsunterschiede gewesen sowie das Bestreben, alles selber kontrollieren zu wollen. Er habe sich deshalb an den grossen Handelshäusern Venedigs im Mittelalter orientiert. Diese hätten die Transportrouten aus Asien nach Europa auf mehrere Etappen aufgeteilt und die Strecken an verschiedene lokale Partner vergeben. Diese hätten die jeweiligen Mentalitäten und Sprachen gekannt. Weil sie mitverdienten, hätten sie für eine positive Stimmung in ihrem Land für das Handelshaus gesorgt.

Die Comfone, beziehungsweise die Togewa Holding als Muttergesellschaft, habe weltweit Niederlassungen gegründet. Von den insgesamt 600 Mobilfunkgesellschaften rund um den Erdball seien heute 400 Kunden der Togewa-Gruppe. «Wir beschäftigen 130 Mitarbeitende – wovon 100 am Hauptsitz in Bern. Sie stammen aus 17 Nationen und sprechen insgesamt 36 Sprachen – das ist entscheidend», sagte Heutschi.

Verletzt die Swisscom ein Patent?

Mit der Swisscom streitet sich Heutschi regelmässig vor Gericht. Der jüngste Fall betrifft die Datenübertragungstechnik Swisscom Unlimited. Swisscom und Togewa arbeiteten bei den Tests ursprünglich zusammen. Doch die Swisscom gab die Karte später allein heraus. Sie setze darin eine Technik ein, welche von Comfone patentrechtlich geschützt sei, sagt Heutschi. Pikant an diesem Konflikt ist, dass die Swisscom nach wie vor 25 Prozent an Comfone hält.

Der Streit hat dem 66-jährigen Heutschi die Lust an der Arbeit noch nicht verdorben, wie er gestern sagte: «Ich werde noch zwei bis drei Jahre dabei bleiben.» (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2010, 17:52 Uhr

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