Wirtschaft

Warum Dimon trotz Milliarden-Debakel nicht geschasst wird

Eine Analyse von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 22.05.2012 5 Kommentare

Jeder andere Grossbanker hätte nach einer solchen Blamage, wie sie JP Morgan wiederfahren ist, den Hut nehmen müssen. Doch für einmal zeigt die Wallstreet eine Eigenschaft, die sie eigentlich gar nicht kennt.

Scheinbar unverwüstlich: Jamie Dimon, Chef der US-Grossbank JP Morgan, die innert sechs Wochen zwei Milliarden Dollar in den Sand setzte.

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Einmal im Jahr treffen sich die Herren des Universums Wallstreet zu einer Pokerrunde, beispielsweise im Hotel St. Regis in Manhattan. Die Chefs von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen, Investmentbanker und Spekulanten, die in einem guten Jahr schon mal Milliarden kassieren, pokern um Millionen. Der Gewinn fliesst zwar einem guten Zweck zu, aber gekämpft wird trotzdem bis aufs Blut. Testosteron fliesst in Strömen, es geht um Prestige – sehr viel Prestige: Wer hier als Sieger vom Tisch geht, ist bis zur nächsten Runde der ultimative «big swinging dick», der grösste Hecht im Macho-Teich der Wallstreet.

An den voll computerisierten Finanzmärkten ist derzeit ebenfalls eine hochkarätige Pokerrunde im Gang. Es geht um Milliarden von Dollar, und der Gewinn wird diesmal in die eigene Tasche gesteckt. Am virtuellen Tisch sitzt Jamie Dimon, CEO von J. P. Morgan, mit Investmentbankern von Goldman Sachs (GS 122.773 1.85%) und der Bank of America und Vertretern von hochkarätigen Hedgefonds wie Ellington Management Group, Saba Capital, CQS und LLP.

Das Spiel ist noch nicht gelaufen

Die Runde ist bereits entschieden. Jamie Dimon hat geblufft und ist damit aufgeflogen. Das wird teuer für J. P. Morgan. Bisher werden die Verluste auf 2 Milliarden Dollar geschätzt, aber der Taxameter tickt weiter, die gefährlichen Positionen sind noch nicht aufgelöst. Das wissen die anderen Teilnehmer der Pokerrunde und nehmen Dimon aus wie eine Weihnachtsgans. Wie hoch die Verluste für J. P. Morgan schliesslich sein werden, ist nach wie vor offen.

Wer, wie jetzt Dimon, an den Märkten eine derart verheerende Klatsche einstecken muss, ist in der Regel, wie Amerikaner sagen, «toast» oder «road kill», er ist erledigt. Die Aktionäre der Bank beben vor Zorn, weil sie Geld verloren haben. Die Konkurrenz ist hämisch, weil einem ganz grossen Alphatier die Hosen ausgezogen wurden. Ein rascher Rücktritt ist meist die einzige Option – ausser für Dimon. Der 56-Jährige kann sich bisher halten, und die Haie der Wallstreet geben sich mehr als zurückhaltend. Keine Häme, keine Rücktrittsforderungen. Warum eigentlich?

Vom Helden mit der weissen Weste ...

James «Jamie» Dimon ist seit der Finanzkrise der Held der US-Finanzindustrie. Er hat seine Bank fast ohne Verluste durch die Subprime-Krise geführt und damit an die glanzvollen Zeiten des Hauses Morgan angeknüpft. Während die bisherigen Musterschüler von Goldman Sachs schlechte Zahlen und noch schlechtere Imageskandale verdauen mussten, eilte Dimon von Erfolg zu Erfolg. Das Fed erlaubte ihm sogar, Aktien vom Markt zurückzukaufen. Das in einer Zeit, in der alle von grösseren Eigenkapitalpolstern reden. Inzwischen musste J. P. Morgan allerdings das Aktien-Rückkaufprogramm wieder abblasen.

Dank seinem Erfolg in der Krise wurde Dimon zum Sprecher der Wallstreet und wichtigsten Widersacher gegen die Aufsichtsbehörde und die Politik. Er sprach sich immer wieder und pointiert gegen Basel III und gegen die Volcker-Regel aus, ein geplantes Gesetz, das die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken teilweise wieder einführen will. Dank seiner weissen Weste konnte er dies bislang glaubwürdig tun.

... zum angeschlagenen Boxer

Damit ist nun Schluss: Täglich berichtet die Finanzpresse darüber, wie Dimon keineswegs – wie bisher geglaubt – selbst die kleinsten Details seines Geschäftes kennt und im Griff hat. Vielmehr scheint es so, dass er keine Ahnung von den desaströsen Geschäften hatte, die sein vermeintlicher Starhändler Bruno Iksil alias der Wal in London getrieben hatte, genauso wenig übrigens wie seine inzwischen gefeuerte Risikochefin Ina Drew.

Dimon ist angeschlagen. Experten wie Simon Johnson, ehemaliger Chefökonom des IWF und heute Professor am MIT, fordern, dass er wenigstens seinen Stuhl im Aufsichtsrat des New Yorker Fed räumt, dem Teil der US-Notenbank, die für die Bankenaufsicht zuständig ist. Als Chef des glanzvollen Hauses J. P. Morgan hingegen ist er bisher unbestritten. Vielleicht kann er seinen Platz dort verteidigen. Dimon mag ein schlechter Pokerspieler sein. Aber er hat als gestandener Mann angefangen zu boxen. Und angeschlagene Boxer sind bekanntlich erst so richtig gefährlich.

Erstellt: 22.05.2012, 13:04 Uhr

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5 Kommentare

Micky Möckli

22.05.2012, 13:17 Uhr
Melden 40 Empfehlung 0

Wer die falschen Helden verehrt und vergöttert, darf sich nicht wundern, wenn diese unantastbaren Herren und Damen die ganze Weltwirtschaft in den Ruin treiben. Diese falschen Geld-Eliten sind rücksichtslos und verantwortungslos. Sie können in diesem Geld-Casino Unmengen an Vermögen einkassieren, während die andere Seite des Geld-Casino Tisches Brosamen einsammeln und Bail-outs finanzieren darf. Antworten


Peter Haller

22.05.2012, 13:23 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

Na ja, der erwartete Gwinn für das zweite Quartall ist ja immerhin noch 3 Milliarden, nach der Abschreibung der sogenanten "Verluste".
Man muss die Meldungen auch zwischen den Zeilen lesen.
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