«Überall sehen wir mächtige Manager, die junge Models ausführen»
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 08.09.2011 1 Kommentar
Literatur:
• Margret Bürgisser: Beruf und Familie vereinbaren – aber wie? Väter erzählen. Hep-Verlag, Bern 2011
• Margret Bürgisser: Vereinbarkeit von Beruf und Familie – auch für Männer. Herausforderungen, Probleme, Lösungsansätze. Hep-Verlag, Bern 2011.
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Frau Bürgisser, Sie haben in diesem Jahr zwei Bücher publiziert, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Männer Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen können. Woher rührt Ihr Interesse an dieser Thematik?
Ich befasse mich als Soziologin seit bald 20 Jahren mit familiärer Rollenteilung und Vereinbarkeit. Es gibt aber auch eine biografische Komponente: Als ich vor vielen Jahren erwog, eine Familie zu gründen, musste ich feststellen, dass mein Partner Hausarbeit und Kinderbetreuung weitgehend mir überlassen wollte. Ich hatte aber bei meinen Eltern gesehen, wie das traditionelle Modell funktioniert. Für mich kam das nicht infrage; ich hätte mir immer Beruf und Familie gewünscht.
Heute arbeiten nur sieben Prozent der Väter Teilzeit, ein grosser Teil definiert sich primär über die Arbeit. Man könnte also sagen: Sehr viel hat sich nicht geändert im Vergleich zur Generation Ihrer Eltern.
Aus zahlreichen Gesprächen, die ich mit berufstätigen Vätern in den letzten Jahren geführt habe, weiss ich: Vielen Männern ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein echtes Anliegen. Sie wollen nicht nur Feierabend- und Wochenendväter sein, sondern sich auch an der Familienarbeit beteiligen. Aber der Arbeitsmarkt macht es ihnen nicht leicht. Die meisten Arbeitgeber haben zwar begriffen, dass sie den Frauen Teilzeitstellen anbieten müssen – und sei es nur, um ihre Vakanzen gut besetzen zu können. Von Männern erwarten sie aber unverändert Vollzeitpräsenz. Deswegen kämpfen Männer mit anderen Problemen als Frauen. Frauen haben in der Regel Mühe, wenn sie Karriere machen wollen. Männer kämpfen gegen Widerstände, wenn sie mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich im Beruf nicht völlig verausgaben wollen.
Sind daran wirklich die Arbeitgeber schuld?
Nicht nur. Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass viele junge Männer den festen Vorsatz haben, später einmal ein fürsorglicher, präsenter Vater zu sein. Dieser Vorsatz führt aber vielfach nicht zu tragfähigen Handlungen. Zu tief sitzt die Angst vor einem Imageverlust, vor dem Mangel an Anerkennung. Männer sind stärker ergebnisorientiert als Frauen, und sie stehen unter grossem Druck, beruflich erfolgreich zu sein und einen guten Lohn zu erzielen. Eine Frau ist als Kleinkindererzieherin heute voll akzeptiert und für Männer attraktiv, ein Mann in einem Niedriglohnberuf hat deutlich schlechtere Chancen auf dem Partnermarkt. Frauen suchen – ob bewusst oder unbewusst – oft einen Partner, der viel verdient und das materielle Rückgrat der Familie sein kann.
Die egalitäre Rollenteilung bleibt also eine Utopie?
Gemäss neusten Studien leben nur gerade vier Prozent der Paare eine egalitäre Rollenteilung mit etwa gleichen Arbeitspensen im Erwerbsleben und in Familien- und Hausarbeit. Es gibt natürlich strukturelle Hindernisse: Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ist noch immer beträchtlich. Spätestens ab dem zweiten Kind wird die egalitäre Rollenteilung finanziell für viele Paare unattraktiv: Die Familie zahlt drauf, wenn die Frau auf ihrem Zweitverdienst beharrt und die Kinder in die Krippe gehen. Aber es gibt eben nicht nur die strukturellen Probleme. Es mangelt den Männern auch an Vorbildern. Der 100-Prozent-Job mit Führungsverantwortung ist nach wie vor das von vielen angestrebte Ideal. Im Vordergrund stehen Prestige, Macht, Geld, Leistung. Überall sehen wir Staatspräsidenten oder mächtige Manager, die junge Models ausführen. Möglichst mächtig und möglichst schön, das ist nach wie vor ein wirksames Schema.
Es gibt doch heute viele Männer, welche die Prioritäten bewusst anders setzen.
Selbstverständlich, ich habe ja einige von ihnen für mein Buch interviewt. Aber es war nicht einfach, Beispiele mit Vorbildfunktion zu finden. Und steile Karrieren sind nicht möglich, wenn ein Mann sich gleichzeitig in der Familie engagieren will. Auf der obersten Ebene sind uneingeschränkte Präsenz- und Leistungsbereitschaft noch immer unabdingbar.
Das Beispiel von Jürg Bucher, der Post und Postfinance seit längerer Zeit im Doppelmandat führt, zeigt doch, dass man auch im Chefsessel nicht zwingend 60 Stunden pro Woche arbeiten muss. Peter Hasler, der ehemalige Direktor des Arbeitgeberverbands und heutige Post-Präsident, leitet daraus ab, man könne einen Konzern offenbar auch in 30 Wochenstunden führen.
Es ist wohl so: Die Funktion kann man in einem 50-Prozent-Pensum ausüben, aber der Chef würde sich ein Imageproblem einhandeln, wenn er nur 50 Prozent arbeiten würde. Wenn einer zwei Chefjobs und mehrere Verwaltungsratsmandate hat, erhöht das sein Ansehen. Wollte er aber als CEO Teilzeit arbeiten, um sich mehr in der Familie zu engagieren, hätte er Akzeptanzprobleme. Der Mythos des mächtigen, allgegenwärtigen Mannes an der Spitze der Firma ist noch sehr stark wirksam.
Meistens sind die Männer nicht auf dem Sprung an die Konzernspitze, sondern bestenfalls im mittleren Kader, wenn sich für sie die Frage stellt, wie viel Zeit sie mit ihren kleinen Kindern verbringen wollen. Oft wird das gleichzeitig zum Entscheid für oder gegen den beruflichen Aufstieg.
Deswegen brauchte es dringend einen gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub und mehr Teilzeitstellen auch in Kaderpositionen für Eltern mit Kindern im Vorschulalter. Es genügt nicht, von den Unternehmen zu erwarten, dass sie das von sich aus anbieten. Ich habe bei der Recherche zu meinen beiden Büchern Männer kennen gelernt, die relativ wenig Probleme hatten, weil sie ihrem Arbeitgeber überzeugend darlegten, warum und wie sie Teilzeit arbeiten wollen und weshalb sie trotzdem voll leistungsfähig bleiben. Oft ist es eine Frage der guten Verhandlung mit den Vorgesetzten. Männer haben bei Lohnverhandlungen schon oft bewiesen, dass sie gerne und gut verhandeln können. Sie sollten dieses Talent vermehrt einsetzen, um Teilzeitlösungen durchzusetzen. Manche Arbeitgeber leisten hier übrigens Bemerkenswertes: Die Zürcher Kantonalbank etwa arbeitet mit Spezialisten einer Fachstelle zusammen, bei welchen Männer lernen können, wie sie ihre Vorgesetzten von Teilzeitarbeit überzeugen.
Hat Sie in all den Gesprächen, die Sie mit berufstätigen Vätern geführt haben, etwas speziell überrascht?
Ich habe gemerkt, dass vielen Männern ganz ernsthaft daran gelegen ist, in der Kinderbetreuung und im Haushalt ihren Teil zu übernehmen. Diese Männer drücken sich nicht vor der Hausarbeit, sie machen das ganze Programm: waschen, bügeln, putzen, Kinder zum Arzt bringen, VaKi-Turnen etc. In einigen Fällen führt dies in der Partnerschaft zu Spannungen. Die Frauen wünschen sich zwar, dass die Männer mehr solche Arbeiten übernehmen, lassen ihnen dann aber nicht den erforderlichen Raum – sei es aus Perfektionismus oder weil sie insgeheim die Führungsrolle in der Kinder- und Hausarbeit beanspruchen. Im Umgang mit Kindern sind Männer tendenziell weniger fürsorglich, lassen ihnen mehr Freiheiten. Das ist für die Mütter nicht einfach, für die Kinder aber eine grosse Chance. (Der Bund)
Erstellt: 08.09.2011, 10:21 Uhr
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1 Kommentar
Bei der ganzen Diskussion sollte folgendes nicht vergessen gehen: Unser Sozialstaat ist dringend auf einkommensstarke und ehrgeizige Männer (oder Frauen) angewiesen, die sich im Job behaupten wollen und Geld verdienen. Immer mehr Freizeit und Individualität, gepaart mit sinkender Leistungsbereitschaft, ist das Todesurteil für die wohlhabende westliche Welt. Gesunder Menschenverstand halt. Antworten
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