«Trotz Krise sind viele Stellen frei»
Von Rahel Guggisberg. Aktualisiert am 09.03.2010 15 Kommentare
«Wer den Arbeitgeber wechseln will, hat jetzt in manchen Branchen optimale Chancen, eine neue Stelle zu finden», sagt Raymond Känel, Inhaber des Vermittlungsfirma Sigma Bern. Er erläutert: «Trotz Krise sind viele Stellen frei. Gerade in den kaufmännischen und den technischen Berufen suchen wir Sachbearbeiter und Fachleute.» Känel schildert den aktuellen Fall einer Kauffrau: Sie hat einen kaufmännischen Abschluss und Erfahrung im Rechnungswesen und kann aus zahlreichen Angeboten auswählen.
Auch im Finanzwesen, in der Immobilienbranche oder im Treuhandumfeld seien Arbeiter Mangelware. Geradezu verzweifelt nach Personal gesucht wird gemäss Känel in der Industrie: Der Solar- und der Medizinaltechnik fehlen Elektrofachleute.
Viel zu wenig Fachkräfte
Ähnlich tönt es auch beim Stellenvermittler Manpower: ( 44.96 -1.90%) «Uns fehlen Leute mit technischer Grundausbildung, Handwerker und mehrsprachige Kandidaten für kaufmännische Berufe», sagt Peter Unternährer, Regionaldirektor Bern und Solothurn. Auch Adecco Schweiz kennt Branchen, wo es derzeit zu wenig Fachkräfte gibt: «Beim Pflegepersonal, bei den Ärzten, in der Forschung, im IT-Bereich und in der Wissenschaft herrscht ein Mangel an Arbeitskräften», weiss José M. San José, Mediensprecher von Adecco.
Und Bernhard Bürki von Jobscout beklagt im Kanton Bern fehlende Fachkräfte im Baugewerbe, in der Gesundheitsbranche, aber auch in handwerklichen Berufen. «Zudem sind Ingenieure und Informatiker sehr gesucht», sagt Bürki.
Warum wenig Jobwechsel?
Warum wechseln denn so wenige Leute heute den Arbeitgeber? Den Grund dafür sieht Känel in der Tatsache, dass die Nachfrage in vielen Bereichen überhaupt nicht zurückgegangen ist. «Aber viele Arbeiter wissen das nicht. Darum haben wir auf offene Stellen wenig Bewerbungen», beklagt Känel. Derzeit seien allein in seiner Kartei im Raum Bern 80 Stellen offen. Sogar 674 offene Stellen bietet Jobscout auf seiner Plattform in den Kantonen Bern, Freiburg und Solothurn an.
Auch andere Personalvermittler schildern, dass sie derzeit bei den Arbeitnehmenden eine «riesige Verunsicherung» spüren, die Stelle zu verlieren: «Sie wollen nichts riskieren und bleiben auf ihren Jobs sitzen», sagt Unternährer. Nur wenige seien derzeit freiwillig bereit, den Arbeitgeber zu wechseln.
Problem: Unqualifizierte
Verlierer der Krise sind im Moment Stellensuchende in der industriellen Produktion: «Sowohl qualifizierte wie spezialisierte Arbeitnehmer haben Mühe, etwas zu finden. Hart getroffen hat es allgemein exportabhängige Firmen», so Peter Unternährer. Erschwerend ist die Tatsache, dass viele dieser Betriebe Kurzarbeit eingeführt haben. Was das bedeutet, erläutert Anton Bolliger der Berner Wirtschaft Beco: «Wenn die Firmen wieder mehr Aufträge haben, arbeiten erst einmal die Festangestellten nicht mehr kurz. Neue Anstellungen erfolgen erst später.»
Hart getroffen sind einmal mehr die unqualifizierten Arbeitnehmer, die ohne Berufsabschluss. Unternährer schildert, dass es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, sie zu vermitteln. Das Angebot solcher Arbeitsplätze schrumpfe permanent.
Wenige freie Kaderstellen
Auch am oberen Ende der Skala, auf Kaderstufe, gibt es momentan wenig vakante Stellen: «Man kann sagen, dass es für Führungskräfte auf Stellensuche zurzeit nur wenige offene Positionen im Berner Markt hat», sagt Brigitte Kessler von E.M.S. Diese Firma hat sich auf die Rekrutierung im Engineering spezialisiert: «Wer eine Stelle sucht, braucht etwas mehr Geduld als früher. Die Gründe sind, dass Firmen, die aus der Krise kommen, bei der Besetzung von Stellen vorsichtiger sind und im Entscheidprozess zwei bis vier Wochen länger benötigen als in den Boomjahren», weiss Kessler.
Peter Unternährer von Manpower gibt zu bedenken, dass die Fluktuationsrate bei Kaderpositionen generell tief sei. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.03.2010, 11:01 Uhr
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15 Kommentare
Leider muss ich Frau Bündli beipflichten.Vor allem, wenn man von einer Firma,welche vor 2 Jahren absagte, 2 Jahre später plötzlich einen Anruf erhält, Hoffnungen geschürt werden,diese aber einmal mehr nichts weiter als Schaumschlägerei und ein Sturm im Wasserglas waren!Als ich hörte, 100%-Job, ca.CHF 5'000 Lohn,Festanstellung in Basel u.dies in der heutigen Zeit,dachte ich,hier ist was FAUL! Antworten
Ich bin selber Stellenvermittler und kann diesem Artikel zu 100% zu stimmen. Es fehlen praktisch in allen Branchen gute Fachkräfte. Ich suche selber noch dringend einen bauleitenden Elektromonteur, Projektleiter Gebäudetechnik, Schreiner für die Oberflächenveredelung, Abteilungsleiter Sanitärinstallationen uvm. Der Arbeitsmarkt ist zurzeit einfach trocken. Antworten
@ Hansruedi Zürcher: Es kann nur noch aufwärts gehen? Schon mal was von Kreditkartenblase oder Staatsanleihenblase in den USA gehört? Das sind Zeitbomben, die jederzeit hochgehen können. Ausserdem muss man ab 1.April in den USA sieben Tage zum voraus ankündigen, wenn man Geld abheben will. "Klingel, klingel" Antworten
Es ist tatsächlich so, dass es sehr viele offene Jobs für sehr gut qualifizierte Leute hat aber anscheinend alle Angst haben den Job zu wechseln. Wir suchen zur Zeit über 30 Spezialisten und finden keine, auch in Deutschland nicht! Jetzt (sofort) ist ein sehr guter Zeitpunkt den Job zu wechseln, es kann nur noch aufwärts gehen, also Mitwachsen und Karriere machen! Antworten
Früher war es möglich, dass ein einfacher Mitarbeiter mit Leistungen und Weiterbildung, die durch den Betrieb unterstützt wurde, es bis zum Direktor brachte. Heute zählen nur noch Papiere, Diplome etc. zudem muss ein Bewerber 100% auf das Stellenprofiel passen, sonst hat man leine Chance mehr. Dabei birgt jeder ein grosses Potential in sich. Antworten
@Max Affolter: sicher, wir alle wollen ja Montags an einer Kreuzung stehen und irgend jemandem auf den Pickup klettern, um einen 7-Dollar-Job zu verrichten, nicht wissend, ob wir am Montag darauf noch Arbeit haben. Oder die Schicht, die niemand will, in Uniformen stecken und fernab der Heimat für die Heimat auf einem Schlachtfeld totschiessen lassen- solch sozialen Zündstoff benötigt kein Land! Antworten
Dieser Artikel ist blanker Euphemismus. Ich bin (eine der achso raren AkademikerInnen). Bewerbe mich derzeit auf Stellen, für die ich zu 100% qualifiziert bin und bekommen nur Absagen...bin mehrsprachig und kann einen ansprechenden Rucksack an Erfahrung vorweisen. Pauschalisierungen gelten niemals für Einzelfälle. Antworten
Tja, wenn man selber keine Leute ausbildet und am liebsten nur bereits ausgebildete einstellt muss man sich nicht wundern, wenn man niemand findet. Ausserdem verstehe ich die Titelgeilheit vieler Firmen nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Verantwortlichen nicht wissen, wer mir welcher Ausbildung von einer bestimmten Ausbildungsstätte was kann. Antworten
Zieht man von den 962'982 Einwohnern Kt. BE diejenigen unter 20 und über 64 ab, dann sind 370'748 im arbeitsfähigen Alter. Davon 3.2% Arbeitslose machen 11'864. Auch wenn einige Hausfrauen, Invalide und Arbeitsunlustige darunter sind, so reichen die 674 Stellen bei Jobscout nie aus - von den richtigen Qualifikationen spreche ich schon mal gar nicht! Antworten
@Max Affolter: tolle Argumentation! Auch ohne die Statistiken zu kennen bin ich mir 100% sicher, dass die Arbeitslosenquote in den USA um einiges höher ist als in der Schweiz. Inwiefern die Dynamik des Hire und Fire Prinzips Vorteile bringen soll ist mir schleierhaft: Vorteile für wen? In Amerika werden Löhne auf erpresserische Weise gedrückt, denn schliesslich "stehen draussen genug Jobanwärter". Antworten
deutsche rekrutieren deutsche. da ist man schnell unqualifiziert weil die leute im hr auch aus deutschland sind und die schweizer abschlüsse nicht kennen oder nicht akzeptieren. ausserdem werden nicht in der schweiz die leute gesucht sondern im ausland! Antworten
In den USA kann man von einem Tag auf den nächsten entlassen werden. Wenn das Europäer hören, sind sie immer entsetzt. Aber die Kehrseite davon ist, dass man auch viel schneller wieder eine Stelle findet, dass Arbeitnehmer und -geber insgesamt viel flexibler sind, und solche Probleme wie hier geschildert damit vermieden werden, die Wirtschaft ist dynamischer, es gibt mehr Stellen so. Antworten






Sibylle Weiss
Fachkräftemangel, lieber Herr Walser.Das ist doch kein Problem.Duch die PFZ herrscht doch eine RIESEN Auswahl an qualifizierten Arbeitskräften.Selbst wenn sich eine stellensuchende kauf.Angestellte mit guten Qualifikationen melden würde, aber CH ist, über 50, dann hat sie doch eh keine Chance oder?Grund: zu alt und zu teuer!Heutzutage mit 50 eine Stelle zu suchen ist ein "Sargnagel"! Antworten