Interview

«Ich war einem Burn-out nahe»

Julie Fitzgerald, Wirtschaftsprüferin, hat trotz vier Kindern Karriere gemacht. Irgendwann wurde die Belastung jedoch zu gross. Nun arbeitet sie Teilzeit. Erschwert das die Fortsetzung ihrer Karriere?

«Die Kinder zwangen mich zu besserer Organisation»: Julie Fitzgerald.

«Die Kinder zwangen mich zu besserer Organisation»: Julie Fitzgerald. Bild: Dominique Meienberg

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Frau Fitzgerald, Sie sind die erste Frau im Leitungsgremium des Geschäftsbereichs Wirtschaftsprüfung bei PwC und vierfache Mutter. Wie sieht Ihr Tag aus?
Ich arbeite meist an drei Tagen pro Woche. In dieser Zeit kommt eine Kinderfrau zu uns. Ich gehe am Morgen sehr früh zur Arbeit, während mein Mann noch zu Hause ist. Dafür komme ich etwas früher heim als er.

Stört es Sie nicht, Ihre Kinder an den drei Arbeitstagen pro Woche morgens nicht zu sehen?
Nein. Es ist für die Kinder besser, wenn ich schon weg bin. Am Anfang haben wir das anders gemacht. Die Kinder hatten jeweils Mühe, Abschied von mir zu nehmen. Wenn ich jetzt am Abend nach Hause komme, lachen sie und sind glücklich. Die zwei bis drei Stunden abends sind sowieso viel mehr wert als eine halbe Stunde morgens mit all dem Stress von Aufstehen, Anziehen, In-die-Schule-Gehen.

Hat Ihr Mann seine Arbeitszeit ebenfalls reduziert?
Nein, er arbeitet 100 Prozent. Eine Reduktion war für ihn nie ein Thema.

Warum nicht?
Er wollte das nicht. Er hat eine Senior- Position bei einer Grossbank. Da ist es auf dieser Stufe unüblich, Teilzeit zu arbeiten.

Hat man Ihnen nie nahegelegt, nach der Beförderung wieder voll zu arbeiten?
Nein. Einziges Kriterium war die Qualifikation der Kandidaten. Es war egal, ob jemand voll oder Teilzeit arbeitet. Ich war allerdings die einzige Teilzeiterin.

Wann haben Sie sich für dieses Modell entschieden?
Nach dem vierten Kind hat die Balance nicht mehr gestimmt. Ich war nahe an einem Burn-out.

Was hat Ihnen zugesetzt?
Meine Arbeit als Partner bei PwC ist anspruchsvoll, kein Nine-to-five-Job. Auf der anderen Seite steht meine Familie. Ich habe die Zeit neben der Arbeit in die Kinder investiert, von frühmorgens bis spätabends. Für mich blieb nichts mehr übrig. Irgendwann ging das nicht mehr.

Haben die Kinder das gespürt?
Die Kinder waren wohl noch zu klein, die haben das nicht so gespürt.

Hatten Sie nie Angst, dass der Entscheid für Teilzeitarbeit das Karriereende bedeuten könnte?
Als ich den Schritt wagte, fragte ich mich schon, ob das mit der Teilzeitanstellung funktionieren würde. Als bei meiner Beförderung der Auswahlprozess vorbei war, rief mein Chef mich an. Er sagte, er wolle mit mir arbeiten. Ob ich mir bewusst sei, was das bedeute. Und ob ich den Job wolle. Ich dachte schon, jetzt komme er auf das Arbeitspensum zu sprechen. Er war aber mit den 70 Prozent einverstanden.

Er hat Sie also voll unterstützt.
Ja. Er bat mich, mit ihm zu reden, wenn ich das Gefühl hätte, es würde nicht gehen. Dann würden wir aber nicht über das Pensum reden, sondern über Inhalte. Ich würde dann Unterstützung erhalten. Für ihn sei es wichtig, dass ich Erfolg hätte.

Wie hoch ist Ihr Arbeitspensum tatsächlich?
Sicher höher als 70 Prozent. Als ich den neuen Job im Mai übernahm, waren es 90 Prozent. Ich bin jetzt am Organisieren und hole einige Leute ins Team, damit ich wieder auf ein normales Pensum komme.

Belastet das Ihre Zeit mit der Familie?
Es ist streng, auch für die Familie. Auf Dauer geht das nicht. Kommt dazu, dass ich sehr konsequent bin: Ich bin am Morgen früh im Büro und kehre zwischen 18 und 19 Uhr nach Hause zurück. Dann verbringe ich Zeit mit den Kindern. Wenn im Geschäft viel Arbeit anfällt, setze ich mich an den Computer, nachdem die Kinder im Bett sind. Das kann dann spät werden.

Können Ihre Kollegen Ihre Belastung nachvollziehen?
Das ist für sie weniger ein Thema. Die meisten Männer in Führungspositionen haben Frauen, die nicht berufstätig sind, oder sie haben keine Kinder – oder die Kinder sind schon ausgezogen.

Sprechen Sie nie über Ihre Mehrbelastung?
Ich mache mein Privatleben in diesem Gremium nicht zum Thema. Es ist mein Entscheid. Also muss ich das mit mir selber ausmachen.

Gibt es in Ihrem Umfeld Frauen, die anders entscheiden?
Jede Frau reagiert anders auf die Doppelbelastung. Wir haben Frauen, die arbeiten 100 Prozent oder noch mehr, obwohl sie Kinder haben, und sind damit ganz glücklich. Zu Hause schaut eine Vollzeitnanny zu den Kleinen. Ich will mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Haben Sie nie daran gedacht, den Beruf zugunsten der Kinder aufzugeben?
Nach dem vierten Kind stellte ich mir die Frage schon. Soll ich zu Hause bleiben, nachdem ich eine so lange Ausbildung gemacht, eine Karrierestufe erreicht habe und meine Arbeit gerne mache? Nur zu Hause sein wollte ich nicht. Nur arbeiten wollte ich auch nicht. Die Kinder gehen jetzt zur Schule und sind, mit Ausnahme des Kleinsten, tagsüber weg. Sie haben auch ihr Leben. Ich sehe auch Frauen, die frustriert sind, weil sie nur zu Hause sind.

Fühlen Sie sich bei PwC privilegiert?
Wenn ich unsere Situation mit jener bei den Banken und Versicherungen vergleiche, dann sind wir bei PwC privilegiert. Ich treffe immer wieder Leute, die mich erstaunt fragen, wie ich es geschafft hätte, diese berufliche Position zu erreichen mit einem 70-Prozent-Pensum. Ich wünschte mir, dass diese Möglichkeit viel verbreiteter wäre und dass sie auch von anderen Frauen akzeptiert würde.

Stossen Sie bei Frauen auf Kritik?
Die meisten anderen Frauen schauen mich an und fragen: Was, du arbeitest? Und deine Kinder? Die Mentalität in der Schweiz ist da schon anders. Ich habe manchmal das Gefühl, ich werde als schlechte Mutter angesehen, weil ich arbeite. In England wäre das nicht der Fall.

Wie spüren Sie das?
Es gibt viele Anlässe in der Schule. Ich schaue immer, dass ich dabei sein kann. Wenn ich einmal nicht dabei bin, dann sagen die Frauen: Aha! Ihr ist der Job wichtiger als das Kind. Diese Denkweise muss sich in der Schweiz ändern.

Ein Kind wird krank. Wer bleibt zu Hause: Ihr Mann oder Sie?
Bei schwereren Krankheiten der Kinder bleibe ich zu Hause. In solchen Fällen hat man Verständnis im Büro. Mein Mann ist eher unflexibel in seinem Job.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?
Ich würde viel früher mit der Teilzeit beginnen. Ich habe sehr lange voll gearbeitet, bis nach dem dritten Kind. Es wäre auch spannend, wenn mein Mann Teilzeit arbeiten würde. Das würde mir entgegenkommen.

Was machen Frauen falsch?
Drehen wir die Frage doch erst einmal um. Was machen sie richtig? Bevor ich Kinder hatte, konnte ich nicht delegieren, wollte alles selber machen. Nachdem die Kinder da waren, wurde ich gezwungen, mich besser zu organisieren, wenn ich um 18 Uhr zu Hause sein wollte. Um das zu schaffen, muss ich meine Meetings gut vorbereiten und richtig führen. Lockere Sitzungsrunden liegen nicht mehr drin. Ich bin viel fokussierter geworden. Zum Teil haben die Leute jetzt das Gefühl, ich sei zu fokussiert und hätte zu wenig Zeit für das Soziale. Aber ich muss extrem zielorientiert sein, wenn ich Beruf und Familie unter einen Hut bringen will. Wenn man das nicht schafft, ist man verloren. Das war für mich ein harter Prozess, der Zeit brauchte. Dann schaute ich, dass ich die besten Leute um mich scharen konnte. Das ist ganz wichtig, wenn man delegieren will und sich auf die Leute verlassen muss.

Und was machen die Frauen tatsächlich falsch?
Sie geben zu schnell auf, statt sich Zeit zu nehmen und mit den Leuten zu reden. Ein Beispiel: Eine Frau aus meinem Umfeld hat ein Kind bekommen. Sie ist eine extreme Karrierefrau. Kaum war das Kind da, merkte sie, dass sie eigentlich lieber zu Hause sein wollte. Sie reichte ihre Kündigung ein. Das war wohl ein emotionaler Entscheid so unmittelbar nach der Geburt. Ich empfahl ihr, einige Monate zu Hause zu bleiben. Jetzt arbeitet sie wieder zu 50 Prozent. Wenn sie später immer noch der Überzeugung ist, das gehe nicht, kann sie dann aufhören. Man sollte sich nie voreilig entscheiden.

Noch sind Sie die einzige Frau in Ihrem Leitungsteam. Würde eine Frauenquote die Sache nicht beschleunigen?
Was nützt die Quote, wenn es zu wenig Frauen gibt, die Karriere machen wollen? Manche Frauen motzen, beklagen sich und wollen den Karriereschritt dann doch nicht machen. (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2011, 15:58 Uhr

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