Wirtschaft

Frauen geht es nicht um Boni

In der Politik kommen die Frauen ganz nach oben – im Gegensatz zur Wirtschaft. Was können Unternehmen lernen?

In der Politik jubeln die Frauen: Die Wahl von Ruth Dreifuss 1993 hat ihren Aufstieg beschleunigt.

In der Politik jubeln die Frauen: Die Wahl von Ruth Dreifuss 1993 hat ihren Aufstieg beschleunigt.
Bild: Keystone

Dier Autorin: Esther Girsberger ist Publizistin, Moderatorin und Dozentin. (Keystone, 2005)

Die Frauen übernehmen in der Politik die Macht. Bereits heute beträgt der Frauenanteil im Bundesrat 43 Prozent. Anfangs 2011 wird er sich wegen des angekündigten Rücktritts von Moritz Leuenbergers mit grosser Wahrscheinlichkeit auf 57 Prozent erhöhen – unter Umständen, sollte Hans-Rudolf Merz auf Ende Jahr zurücktreten und durch Karin Keller-Sutter ersetzt werden, sogar auf 71 Prozent. In der Wirtschaft hingegen stagniert der Anteil weiblicher Exekutivkader – in den 121 grössten Schweizer Firmen bei 4 Prozent.

Ein gigantischer Unterschied, und man fragt sich, weshalb die Wirtschaft in ihrer dauernden Suche nach Frauen nicht politische Vorbilder kopiert. Was macht die Politik richtig, dass der Anteil erfolgreicher Frauen an der Spitze so rasant steigt? Im umgekehrten Fall ist die Wirtschaft und ihr Dachverband Economiesuisse jeweils schnell zur Stelle, wenn es um gute Ratschläge an die Politik geht – etwa bei der Neubesetzung von Departementen nach Rücktritten von Bundesräten.

Strategisch und operativ tätig

Wenn sich weibliche Exekutivmitglieder in der Politik so bewähren, warum klappt es dann in der Wirtschaft nicht im gleichen Ausmass? Schliesslich sind die Regierungsmitglieder sowohl strategisch wie auch operativ tätig. Ihre Departemente haben zwar nicht die Grösse einer Credit Suisse, aber doch eines anständigen KMU-Betriebes. Und die Probleme sind dabei nicht minder komplex, ganz im Gegenteil.

Zweifellos ist das Erklimmen der Karriereleiter in der Politik einfacher als in der Wirtschaft. Frauen können jederzeit einer Partei beitreten und sich zunächst in der Schul- oder Kirchenpflege bewähren. Wird als Nächstes ein zusätzlicher Verantwortungsbereich wie etwa das Parteipräsidium übernommen, kann dies auch neben familiären Pflichten zur allseitigen Zufriedenheit ausgeübt werden.

Mann der Frau vorziehen

In der Wirtschaft bekommt frau diese Chance weniger schnell, da die obersten Chefs noch immer den Mann, der ohne Einschränkung verfügbar ist, einer Frau vorziehen, die vielleicht Kinderbetreuungspflichten übernimmt. In der Politik bestimmt dagegen das Volk oder Parlament, das sich aus Mitgliedern mit verschiedenen Biografien und Wertvorstellungen zusammensetzt.

Locken schliesslich die höchsten Weihen, sind die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Politik allerdings wieder ähnlich schwierig: Ein Bundesratsamt ist genauso wenig in Teilzeit zu erledigen wie der Posten eines CEO. Auch fürs Jobsharing eignet sich diese Funktion nicht. Beruf und Familie ist in beiden Bereichen nur schwer vereinbar. Die meisten der bisherigen weiblichen Bundesratsmitglieder waren wie Spitzenfrauen der Wirtschaft denn auch entweder kinderlos oder stiegen erst dann ins höchste Amt auf, als die Kinder schon (fast) volljährig waren. Der Vorteil der Politik ist, dass man auch noch kurz vor dem Pensionsalter Bundesrat werden kann, während sich in den Unternehmen der gegenteilige Trend fortsetzt – die Konzernchefs werden immer jünger.

Es geht um Inhalte

Der wichtigste Grund, dass Frauen sich in der Politik für eine Karriere gewinnen lassen, hat aber weniger mit Strukturen als mit Inhalten zu tun. Politik ist Dienst an der Bürgerin und am Bürger. Das passt vielen Frauen, die weniger an der Höhe der Boni interessiert sind und Wert darauf legen, etwas Sinnvolles oder Sinnstiftendes zu tun. Im Idealfall orientiert sich die Politik selbst bei Finanzfragen am Gemeinsinn und an gesellschaftlichen Herausforderungen. Es geht weniger um den «Return on Investment» als um am Bürgerwohl ausgerichtete Staatstätigkeiten.

So gesehen liessen sich mehr Frauen für einen Top-Job in der Wirtschaft motivieren, wenn Unternehmen ihren Tunnelblick verlieren und ihren Horizont erweitern würden. Wenn sie neben der legitimen Profitorientierung auch stärker auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren und ihre innovative Energie ernsthaft zur Lösung solcher Probleme nutzen würden. In diesem Punkt kann die Wirtschaft viel von der Politik lernen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2010, 17:06 Uhr

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7 Kommentare

Werner Diestel

26.07.2010, 09:27 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Hier wird wieder einmal ein Cliché bedient. Frauen und Männer unterscheiden sich nicht, wenn es um höhere Positionen, Geld und Macht geht. Frauen wie Männer, haben die Tendenz zu Ihresgleichen zu halten, wenn es sich um Geschlechterfragen dreht. Objektivität ist dann nicht mehr gefragt, Frauen sind nicht die besseren Menschen. Sie handeln vielleicht aus anderen Gründen, aber nur vielleicht! Antworten


Sibylle Weiss

21.07.2010, 13:29 Uhr
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C.Brunner.Ich glaube dies hat mit Frauenfeindlichkeit herzlich wenig bis gar nichts zu tun.Dass passiert schon bei normalen Arbeitslosen, welche 1 Jahr aus der Arbeitswelt gekippt wurden, wo dann sämtliche Qualifikationen, gute Zeugnisse usw. auch nichts helfen.Es wird auch nicht danach gefragt,ob der Stellensuchende unverschuldet arbeitslos wurde, was heute zuhauf der Fall sein dürfte! Antworten


Annemarie Richard

17.07.2010, 12:43 Uhr
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Sie nennen es Vorteil - ich nenne es Nachteil. Bin durchaus für längere (andere) Arbeitsjahre. (70). Vor dem eigentlichen Pensionsalter noch Bundesrat, das sehe ich jedoch nicht. Da scheint die Wirtschaft um einiges intelligenter. Immer jüngere Konsernchefs. Ausbildung, Intelligenz, Versuche, Kritiken, Vorbilder (wenn es sie denn noch gibt), wohl das Beste für nächste Generationen. Antworten


C Brunner

16.07.2010, 22:29 Uhr
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Wenn eine Frau 10 Jahre von der Wirtschaft weg war, wird sie noch heute wie eine Aussätzige behandelt, sobald sie sich darum bemüht zurück in die Wirtschaft zu finden, Alle Bemühungen und Weiterbildungen sind häufig immer noch Energien, Geld und Zeit, die zum Fenster hinaus geworfen werden. Die Schweiz ist leider immernoch eines der Frauenfeidlichsten Länder Europas! Antworten


hans hermann

16.07.2010, 18:39 Uhr
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In der Wirtschaft ist der Erfolg messbar, in der Politik nicht. Antworten


Gion Saram

16.07.2010, 17:37 Uhr
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Frau Girsberger scheint davon auszugehen das Frauen per se die besseren Menschen sind und gegenüber Machtausübung lieber Inhalten den Vorzug geben. Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat andererseits bei ihrer Wahl zu allen Finten des Machtspiels gegriffen und ist bis jetzt noch nicht allzusehr durch eine Inhaltsgetriebene Politik aufgefallen. Frauen können genauso hungrig nach Macht sein wie Männer. Antworten


Jack Meier

16.07.2010, 11:47 Uhr
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Vielleicht hängt der höhere Frauenanteil in der Politik auch damit zusammen, dass die Hälfte der WählerInnen Frauen sind, die heute den Frauen die Politik zutrauen und die männliche Hälfte der WählerInnen an den Frauen Gefallen finden, die im medialen Zeitalter schlichtweg die bessere Figur abgeben (vgl. Leuthard mit den Herren Bundesräte). Antworten



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