Wirtschaft

«Du genügst nie ganz»

Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 03.02.2012 1 Kommentar

Nach fast 21 Jahren Lehrtätigkeit an der Universität Bern hält Professor Norbert Thom seine Abschiedsvorlesung. Sein Beruf sei ein Privileg und eine «Mission Impossible» gewesen, sagt er.

«Ich war immer ein Talentjäger und Talententwickler»: Norbert Thom.

«Ich war immer ein Talentjäger und Talententwickler»: Norbert Thom.
Bild: Adrian Moser

Ein Mann mit vielen Talenten

Einen Doktortitel haben viele, aber nur wenige können sich Prof. Dr. Prof. h. c. Dr. h. c. mult. nennen wie Norbert Thom, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bern. Der 65-Jährige hat nicht nur drei Ehrendoktortitel innerhalb von knapp zwei Jahren erhalten, sondern auch an der Universität Bern viele Spuren hinterlassen. 20 Jahre lang prägte er als Direktor das Institut für Organisation und Personal (IOP), 2002 war er Mitgründer des Kompetenzzentrums für Public Management (KPM). Ab 1. Juli teilen sich Frauke Lammers und Andreas Hack die Leitung des IOP.

Norbert Thom wird nach der Emeritierung weiter für die Universität Bern und andere Hochschulen sowie in der Privatwirtschaft tätig sein. Der gebürtige Deutsche, der seit letztem Herbst auch den Schweizer Pass besitzt, verlor 2007 völlig unerwartet seine Frau. Heute lebt er in Partnerschaft mit der Juristin und Ökonomin Françoise Bruderer. Thom ist Vater eines verheirateten Sohnes und Grossvater einer Enkeltochter.

Stichworte

Herr Thom, jemand, der Sie gut kennt, sagte vor einiger Zeit: «Professor Thom wird man operativ aus seinem Lehrstuhl entfernen müssen.» Wie schwer ist Ihnen der Abschied gefallen?
Ich habe meinen Beruf in der Tat sehr geliebt. Ich habe alles gegeben und bin bis an meine physischen Leistungsgrenzen gegangen. Aber es war mir bewusst, dass der Tag kommen wird, an dem ich meinen Stuhl werde räumen muss, wir sind ja hier nicht im Vatikan. Zum Glück ist es ein schleichender Abschied; als emeritierter Professor darf ich mich weiterhin äussern, sogar freier als bisher. Zudem begleite ich Doktoranden und Habilitanden noch in den nächsten maximal fünf Jahren.

Worüber werden Sie sich nun offener äussern?
Etwa über die grassierende Bürokratie. Wir erhalten heute so viele neue Reglemente, dass ich viele davon gar nicht mehr wahrnehme. Kürzlich sagte ich zu meinen Kollegen: Wenn ihr über alle Tätigkeiten Buch führen müsst, seid ihr am Ende Gymnasiallehrer, keine Universitätsprofessoren. Wo kommen wir hin, wenn wir hier alle Stunden aufschreiben? Wenn ich alle Überstunden aufrechnen würde, müsste mir der Kanton mindestens 1,5 Millionen Franken nachträglich bezahlen (lacht). Es käme mir aber nie in den Sinn, diese Aufrechnung anzustellen, denn es war ein grosses Privileg, einen solchen Beruf zu haben. Ich konnte mir die Themen selber setzen, eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten, motivierte junge Menschen unterrichten.

Gleichzeitig ist es auch eine «Mission Impossible» – wer wie Sie viel Herzblut in die Lehre steckt, glänzt weniger bei den Publikationen in den wichtigsten Journals.
Der ideale Professor forscht auf Nobelpreisniveau, er bekommt in der Lehre jedes Mal die besten Noten, wirkt zwischenzeitlich als Rektor und ist in der Dienstleistung gegen aussen stark engagiert. Ich weiss nur von einem, der dieses Ideal erreicht hat: Theodor Kocher, der berühmte Berner Chirurg. Für alle anderen gilt: Du hast immer irgendwo Defizite. Du genügst nie ganz.

Wenn man Betriebswirtschaft lehrt, sollte man darüber hinaus noch in Politik und Wirtschaft beweisen, dass die wissenschaftlichen Konzepte in der Praxis etwas taugen.
Diesen Ehrgeiz hatte ich tatsächlich. Ich wollte als Verwaltungsrat, Berater, Referent und Coach beweisen, dass das universitäre Wissen in der Praxis anwendbar ist. Deshalb habe ich zum Beispiel den Bundesrat und Kantonsregierungen beraten und in Verwaltungsräten Verantwortung übernommen.

Und wo lagen Ihre Defizite?
Was die Forschung betrifft, so sind drei Ehrendoktortitel sicher ein guter Leistungsausweis. Aus heutiger Sicht hätte ich mehr in amerikanischen Journals publizieren müssen. Ich bin zwar in 23 Sprachen übersetzt worden, darunter Chinesisch, Japanisch und Russisch, aber massgebend sind heute die englischsprachigen Publikationen. In diesem Feld haben sich andere stärker profiliert. Dafür wird niemand bestreiten, dass ich über all die Jahre ein begeisterter Lehrer war. Die Executive-Master-Absolventen haben mir drei Mal die Bestnote gegeben. Das zählt für mich viel, denn diese Führungskräfte investieren Zeit und Geld und haben Ahnung. Bei den Einführungsstudenten hingegen gabs 13 Prozent, die etwas zu bemängeln hatten. Sie sehen: Ich habs nirgendwo ganz an die Spitze geschafft. Kein Nobelpreis, nur Vizerektor, nie 100 Prozent zufriedene Studenten.

Auf was sind Sie stolz? Auf die 830 Referate, die Sie ausserhalb der Universität gehalten haben?
Es waren 880 Referate – vor der Armeespitze, vor Topmanagern, Theologen, Sozialpädagogen, Ärzten, Sporttrainern und vielen anderen. Entscheidend ist, dass man zielgruppengerecht formuliert und die Praxis kennt. Mein Kölner Doktorvater verlangte von mir in jungen Jahren Auftritte vor erfahrenen Führungskräften und sagte: «Reden Sie nicht so schlau in Fussnoten, gehen Sie raus und überzeugen Sie die Manager.» Das hat mich geprägt. Unsere Disziplin hat eine Transferverpflichtung. Weiter bin ich stolz darauf, dass ich in Deutsch, Französisch und Englisch gelehrt habe. Ich trat in vielen Ländern auf und in fast jedem Schweizer Kanton. Es fehlen mir nur noch Schaffhausen und Uri, das muss ich noch schaffen.

Stimmt es, dass Sie alles sammeln, was Sie je geschrieben haben, und genau Buch führen?
Bis heute sind rund 20'000 Seiten in 1200 Publikationen zusammengekommen, sicher 17'000 davon in Deutsch. Man darf aber nicht vergessen, dass vieles Co-Produktionen war. Ich bin der Mann mit den 120 Co-Autoren, allein hätte ich das unmöglich geschafft. Selbstverständlich habe ich alles dokumentiert.

Böse Zungen würden sagen, darin äussere sich ein stark ausgeprägter Geltungsdrang.
Wer Professor wird, will sich exponieren und wahrgenommen werden. Man setzt sich automatisch der Kritik aus. Wäre man nicht von einem starken Bedürfnis nach Wertschätzung angetrieben, würde man das nicht tun. Aber wie gesagt: Es ist nie genug. Als ich mich darüber freute, mit einem Beitrag für «Die Orientierung» der damaligen Volksbank eine Auflage von über 100'000 Exemplaren zu erreichen, musste ich feststellen, dass amerikanische Forscher auf über eine Million kommen. Da denkt man: Wenn du nicht in Harvard in Englisch publizierst, musst du dich noch mehr anstrengen.

So gesehen müssten Sie Verständnis haben für die Manager, die ihre Millionenbezüge mit Verweis auf die Konkurrenz weiter steigern wollen.
Jeder muss für sich selber entscheiden, welchen Gradmesser er für seine Karriere wählt: Ist es Glory, Fun oder Money? Den gerechten Lohn gibt es nicht, es hängt vieles davon ab, ob man die Anforderungen, die Leistung oder den Markt als Kriterien heranzieht. Klar ist: Bei den Topmanagern ist in den letzten Jahren etwas aus den Fugen geraten. Keiner kann 500-mal besser arbeiten als der beste Sachbearbeiter. Ich halte es nicht für eine gute Idee, das gesetzlich zu regeln. Aber wenn die Selbstbeschränkung der Manager nicht mehr funktioniert, müssen die Firmeneigentümer mehr Einfluss nehmen. Ein Manager, der in schwierigen Zeiten fünf oder zehn Millionen kassiert und seine Mitarbeiter zur Sparsamkeit aufruft, hat null Glaubwürdigkeit.

Sie haben im Hörsaal über gute Corporate Governance doziert. Im Verwaltungsrat der Wifag sassen neben Ihnen zwei weitere Professoren der Universität Bern, dennoch gelang es nicht, das Traditionsunternehmen zu retten. Betrachten Sie das als Niederlage?
Die Wifag hat mir zuletzt schlaflose Nächte beschert. Aber ich habe durchgehalten und nicht den bequemen Abgang durch die Hintertüre gewählt, obwohl das Honorar bescheiden war.

Hat der Verwaltungsrat nicht zu wenig genau hingeschaut und den Ernst der Lage viel zu spät erkannt?
Das Geschäft mit Druckmaschinen war und ist extrem schwierig. Wir boten an vielen Orten mit und hofften auf den grossen Auftrag, der uns Perspektiven gibt. Nicht immer konnten wir mit der Konkurrenz preislich mithalten. Aber machen wir uns nichts vor: Die viel grösseren deutschen Konkurrenten MAN Roland und Heidelberger Druck haben massive Probleme, der Weltmarkt für Druckmaschinen ist mancherorts um die Hälfte eingebrochen. Wifag-Polytype konnte im letzten Geschäftsjahr 9,5 Millionen Gewinn ausweisen, und wir konnten für alle Angestellten eine Lösung finden.

Sie haben sich nichts vorzuwerfen?
Vielleicht, dass wir zu lange die hohe Beschäftigung in den Vordergrund gestellt haben, statt kontinuierlich abzubauen. Aber wir haben die Sache sauber abgewickelt, sind nicht auf unseriöse Kaufinteressen hereingefallen und sorgten dafür, dass alle Lehrlinge übernommen wurden. Dafür wurde ich an der letzten Generalversammlung ausdrücklich gelobt.

An der Uni tritt der Deutsche Andreas Hauck Ihre Nachfolge an. Mangelt es an Schweizer Nachwuchs?
Schweizer Unis stehen im Schaufenster, unter 40 Bewerbern befinden sich höchstens drei Schweizer. Wer die akademische Laufbahn einschlägt, wagt ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Im besten Fall hat er mit 40 Jahren einen gewissen Status. Wird er Berater oder Wirtschaftsprüfer, schenkt jedes Diplom sofort ein, er verdient früh mehr, hat Einfluss. Viele Schweizer treten deshalb gar nicht zum Wettkampf um Lehrstühle an, auch wenn sie mindestens so gut sind wie manch ein «Schnuri» aus Deutschland.

Man könnte auch sagen: Sie haben in einer Ihrer liebsten Disziplinen, der Talentförderung, versagt.
Nein, das lasse ich nicht gelten. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich immer ein Talentjäger und Talententwickler war. Ich habe nicht nur über 700 Lizenziatsarbeiten und 46 Dissertationen begleitet, sondern auch 6 Schweizer fit gemacht für eine Professur in Bern, Freiburg und Olten. Viele andere Absolventen gingen in die Wirtschaft und übernahmen dort früh viel Verantwortung.

Welche Ziele verfolgen Sie nach Ihrer Emeritierung?
Ich bin Mitglied im Ypsomed-Verwaltungsrat. Weiter werde ich Führungskräfte und Politiker coachen, verschiedene Lehraufträge wahrnehmen und publizieren. Nach dem plötzlichen Tod meiner Frau im Jahre 2007 verlor ich vorübergehend mein Gleichgewicht zwischen Arbeit und sonstigen Lebensbereichen. Dank meiner neuen Partnerin sehe ich dem nun anbrechenden Lebensabschnitt mit Zuversicht entgegen und freue mich auf viele gemeinsame Wanderungen in den Schweizer Bergenstadt ber (Der Bund)

Erstellt: 03.02.2012, 11:44 Uhr

1

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

1 Kommentar

Hans Rudolf Lavater

03.02.2012, 14:28 Uhr
Melden

Schöner medialer Abschied für einen in jeder Hinsicht überzeugenden Hochschullehrer. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.