Wirtschaft

Der real existierende Kapitalismus

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 10.04.2012 134 Kommentare

Die Karriere von Millionen im Euroraum ist zerstört, bevor sie überhaupt begonnen hat. Das hat Gründe und Folgen.

1,8 Milliarden Jobs fehlen weltweit: Demonstration in Barcelona gegen die Finanzkrise.

1,8 Milliarden Jobs fehlen weltweit: Demonstration in Barcelona gegen die Finanzkrise.
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Rund 25 Millionen Menschen sind derzeit im Euroraum arbeitslos. Geradezu skandalös ist die Situation bei den Jugendlichen: Jeder fünfte Erwerbstätige unter 25 Jahren ist ohne Job. In Griechenland und Spanien ist es gar jeder zweite, in Italien jeder dritte. Das bedeutet im Klartext, dass die Karriere von Millionen von Jugendlichen zerstört ist, bevor sie überhaupt begonnen hat. Wie kommt es zu einer so zynischen Verachtung der eigenen Jugend und zu einer Verschwendung von Humankapital?

Die soziale Marktwirtschaft war im Europa der Nachkriegszeit ein Erfolg: Drei Jahrzehnte lang garantierte sie Vollbeschäftigung, sinkende Arbeitszeit, steigende Löhne und bessere Sozialleistungen. Dieser Erfolg gründete in einem Gleichgewicht der Kräfte. Unternehmer und Gewerkschaften begegneten sich auf Augenhöhe. Sozial verantwortungsvolle Patrons und pragmatische Politiker stellten sich hinter einen massvollen Sozialstaat. Das waren sie der Generation des Zweiten Weltkrieges auch moralisch gesehen schuldig. Die Angst vor dem Kommunismus trug ihr Übriges dazu bei, dass das Modell der sozialen Marktwirtschaft nicht ernsthaft infrage gestellt wurde.

Die Wende zum Schlechten

Entscheidend für den Erfolg war die Tatsache, dass der wachsende Wohlstand einer immer produktiver werdenden Wirtschaft gleichmässig verteilt wurde. Alle hatten etwas vom wirtschaftlichen Wachstum. Das war nicht nur fair, es war auch volkswirtschaftlich segensreich: Ein reicher werdender Mittelstand sorgte für genügende Nachfrage. Gleichzeitig gerieten die Arbeitsmärkte nicht aus dem Gleichgewicht, denn die steigende Produktivität wurde mit billigeren Produkten und tieferen Arbeitszeiten aufgefangen.

Die Veränderung setzte in den 1980er-Jahren ein, und zwar langsam. Allmählich begann die Shareholder- Value-Ideologie, das Modell der sozialen Marktwirtschaft auszuhöhlen. Was selbstverständlich gewesen war – Vollbeschäftigung und existenzsichernde Löhne –, wurde zusehends infrage gestellt. Was bisher verpönt gewesen war – zweistellige Gewinnmargen und sechsstellige Boni –, verbreitete sich zur neuen Normalität. Zwar wuchs der Wohlstand dank steigender Produktivität immer noch. Doch wurde er nicht mehr fair, sondern einseitig verteilt. Ein immer grösserer Teil der Gewinne floss zu den Aktionären und von dort auf die Finanzmärkte. Diese wurden nun gewaltig aufgebläht. Innert weniger Jahrzehnte erlangten Banken und Hedgefonds eine bisher nicht gekannte Machtfülle. Inzwischen stellen Kapitalmärkte das Mass aller Dinge dar.

Ein globaler Krieg um Arbeitsplätze

Möglich wurde diese Entwicklung dank der fortschreitenden Globalisierung. Gewerkschaften und nationale Regierungen wurden zunehmend zu Statisten degradiert. Die Weltwirtschaft verwandelt sich so in ein Ökosystem, in dem die grossen, multinationalen Konzerne und die Banken keine natürlichen Feinde mehr haben, mit gravierenden Folgen für die Arbeitsmärkte. So hat das Meinungsforschungsinstitut Gallup letztes Jahr erhoben, dass weltweit drei Milliarden Erwerbstätige einen anständigen Job wollen.

Dem steht ein Angebot von 1,2 Milliarden solcher Jobs gegenüber, es fehlen also 1,8 Milliarden. Angesichts dieses Missverhältnisses konstatiert der Vorsitzende von Gallup, Jim Clifton: «Der nächste Weltkrieg wird ein totaler, globaler Krieg um Arbeitsplätze sein.» Die erwerbslosen Jugendlichen in Europa sind Opfer dieses Krieges.

Feudalismus droht

Freier Handel und offene Märkte galten unter Ökonomen lange als unantastbar. Auch das beginnt sich zu ändern. Renommierte Ökonomen wie Dani Rodrik oder Jeffrey Sachs stellen fest, dass in einer hyperglobalisierten Welt die Nachteile rasant zugenommen haben und schwerer wiegen als die Vorteile. Die Fachleute fordern ein Umdenken. Das natürlich nicht im Sinne einer Wiederbelebung der kommunistischen Utopie. Denn im real existierenden Sozialismus hat der Traum von einer gerechten Gesellschaft in einer menschlichen und ökonomischen Katastrophe geendet. Sondern heute gilt es zu verhindern, dass der real existierende Kapitalismus zu einem dekadenten Finanzfeudalismus verkommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2012, 07:58 Uhr

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134 Kommentare

Beat Müller

10.04.2012, 12:12 Uhr
Melden 196 Empfehlung 1

Wir haben 850 Menschen denen 90% des Weltvermögens gehören und Politik und Regierungen arbeiten diesen Leuten nur zu. Das ist nicht anders als zu Zeiten von Königen, Kaisern und Zaren. Damit bleibt auch die Frage offen, ob die Revolutionen gescheitert sind oder es nochmals grundsätzliche Reformen benötigt. Letztere sind nicht vom Establishment zu erwarten, es muss also von unten kommen. Antworten


Roman Huber

10.04.2012, 12:03 Uhr
Melden 131 Empfehlung 1

Jedes System geht einmal seinem "natürlichen" Ende entgegen, dies passiert umso schneller je anfälliger das System ist. Das Ende des Kapitalismus muss nichts schlimmes sein, wenn daraus etwas besseres erwächst. Dies bedingt aber das wir uns dafür einsetzen, anstatt über uns hinweg bestimmen zu lassen. Nicht für uns, sondern für unsere Kinder. Also, aufwachen, geschätzte Mitbürger. Antworten



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